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Der Ultra-Mann aus Wismar

Berlin Der Ultra-Mann aus Wismar

Lars Reimer hat den Marathon „100MeilenBerlin“ bewältigt. Der Extremsportler hat erst vor sieben Jahren mit dem Laufen begonnen.

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Ankunft Sonntagfrüh nach 23 Stunden, drei Minuten und 37 Sekunden: Lars Reimer ist kaputt, aber auch glücklich. Neben ihm sein Fahrradbegleiter Jens Burbott aus Wismar. Fotos (2): lgmauerweg.de/Andreas Kosse

Berlin. „Das ist so gigantisch, wenn du ins Ziel kommst, ein unheimlich emotionaler Moment.“ Lars Reimer hat den Moment trotz aller Strapazen genossen. „Der Spaß darf nicht zu kurz kommen. Ich nehme mir immer vor, mit einem Lächeln ins Ziel zu kommen.“

Der Wismarer hat sich vergangenes Wochenende der Herausforderung „100MeilenBerlin“ gestellt. Ein Ultra-Marathon, 160 Kilometer lang — immer entlang der früheren Grenze. 245 Frauen und Männer haben den Mauerlauf in Angriff genommen. 210 haben das Ziel erreicht. Lars Reimer als 93.

Nach dem Zieleinlauf, gesteht der Richtschmied bei Nordic Yards: „Ich habe Freudentränen gehabt. Das war ein hartes Stück Arbeit, aber ein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich danke meiner Familie, vor allem meiner Frau.“

Denn die vergangenen vier Monate der intensiven Vorbereitungszeit waren entbehrungsreich. Fünf- bis sechsmal die Woche laufen, im Schnitt 80 bis 100 Kilometer pro Woche. Alles neben der harten Arbeit auf der Werft. Dort hatte sich der 47-Jährige zwischendurch verrenkt. Darum gilt sein zweiter Dank Dr. Rainer Löwe, der ihn ohne Tabletten wieder fitgemacht hat. Höhepunkt der Vorbereitung war die Rostocker Marathonnacht. In drei Stunden und 57 Minuten ist Lars Reimer die 42 Kilometer gelaufen.

Länger war der Ultra-Mann in den letzten Wochen nicht unterwegs. „Das war das große Fragezeichen. Schaffe ich die 100 Meilen?“ Hat er! Einerseits überließ der Vater von zwei sportlichen Söhnen, Simon (14) und Aron (13), nichts dem Zufall. Andererseits hat er auf Schnickschnack verzichtet. Lars Reimer ist sein eigener Trainer. Er läuft hunderte Kilometer — vorwärts, rückwärts, Treppen hoch auf den Turm im Bürgerpark — um alle Muskelgruppen zu trainieren. Täglich eine Magnesiumbrausetablette und ein Esslöffel Fett. „Ansonsten habe ich alles komplett durchgegessen.“

Neben dem Sport hat sich der frühere Fußballer mental mit XXL-Läufen auseinandergesetzt. „Ich habe viel darüber gelesen. Du läuft mit dem Kopf und zum Schluss mit dem Herzen.“ Durchkommen, das war für Lars Reimer das ganz große Ziel für Berlin. Der Veranstalter hatte die Maximalzeit von 30 Stunden vorgegeben. „Mein zweites Ziel war unter 24 Stunden zu bleiben.“ Das ist so, als wenn Läufer beim Marathon unter vier Stunden bleiben und wird extra belohnt.

Der Start war am Sonnabend um 6 Uhr. Lars Reimer läuft Meter um Meter. Immer dabei der Wismarer Jens Burbott. Der Läufer und der Fahrradbegleiter kennen sich vom Schiffbau. Der Läufer läuft, der Helfer reicht frische Kleidung, Creme gegen Blasen an den Füßen, ein Regencape, in der Dunkelheit die Warnweste, liest die Worte von Gedenktafeln des Mauerwegs vor und versucht, seinen Kumpel irgendwie zu unterhalten. „Ohne Jens hätte ich es wohl nicht geschafft. Ein ganz großes Dankeschön.“

Zwischen den Kilometern 60 und 80 hat Lars Reimer mit sich zu kämpfen. „Die Hälfte ist noch nicht geschafft, die Beine fangen an, weh zu tun. Bei Kilometer 70 habe ich mich hingeschmissen, weil ich über eine Wurzel gestolpert bin. Die Konzentration lässt irgendwann einfach nach. Doch das weiß man vorher. Da muss man sich durchbeißen. Ultras machen Spaß, weil man seinen inneren Schweinehund mehrmals überwinden muss.“

Vor sieben Jahren war das für Lars Reimer unvorstellbar. Er war 40. Der Vater begleitete seine Jungs zum Fußballtraining. Die Zeit zwischen hin- und zurückfahren war langweilig. Eine Fußball-Mutter hatte ihn animiert, zwischendurch laufen zu gehen. Das Fieber brach aus, mit Zigaretten war Schluss.

Mittlere Strecken wie die zehn Kilometer beim Wismarer Schwedenlauf wurden schnell zum Standard — Zeit für neue Ziele. Halbmarathon und Marathon folgten. Vor drei Jahren dann ein neuer Sprung. 75

Kilometer rund um die Müritz. Nach diesem Ultra kam der Gedanke, noch längere Strecken anzugehen. So kam es zum 100MeilenBerlin-Lauf.

Wasser, isotonische Getränke, Nüsse, Riegel, Obst, Kartoffeln, Schmalzstullen, alle vier Stunden eine Salztablette — der Wismarer ist froh, dass er frei von Krämpfen geblieben ist, „auch wenn der Körper nach 160 Kilometern im Eimer ist“. Neben Amerikanern, Japanern, Chinesen, Italienern und auch Spaniern an einem so geschichtsträchtigen Lauf teilgenommen zu haben, sei schon etwas Besonderes.

Lars Reimer macht von sich aus kein Bohei um seine Person. Er ist ein Leisetreter in der Szene, kein Siegläufer, aber vorne mit dabei. „Der Sieg ist für mich nicht entscheidend. Ich will mich durchbeißen und dabei Spaß haben.“

Ich habe so mitgefiebert und hatte Angst, dass Lars etwas passiert wie Magenbluten. Jetzt ist er stolz und ich bin es auch.“Ehefrau Monika Reimer
Laufen, wo einst die Mauer stand
Der Mauerweg ist ein Rad- und Fußweg und entstand im Jahr 2001. Er entspricht in großen Teilen dem Verlauf der ehemaligen Grenze und führt in einer großen Runde um das westliche Berlin.
Bis 1990 wurde der Asphaltstreifen als Patrouillenweg von den DDR-Grenztruppen genutzt und befindet sich daher zum überwiegenden Teil auf Brandenburger Gebiet.
Orangefarbene Stelen, Gedenkkreuze sowie ehemalige Wachtürme erinnern an die Opfer dieser Grenze. Mindestens 136 Menschen kamen hier zwischen 1961 und 1989 ums Leben. Neu war der Verpflegungsstützpunkt 1 in der Zimmerstraße am Mahnmal Peter Fechter. Fechter, verblutet 1962 bei einem Fluchtversuch im Grenzstreifen, war der diesjährige Mauerweglauf gewidmet, ebenso die Finisher-Medaille.
Begonnen hatte das Projekt im November 2009 mit der Gründung des Laufsportvereins LG Mauerweg. Zwei Jahre später, zum 50. Jahrestag des Mauerbaus, fand dann der erste Ultra-Marathon „100MeilenBerlin“ statt. Nach einem Jahr Pause wurde 2013 der zweite und in diesem Jahr der dritte Lauf veranstaltet.
Der Start war Sonnabend 6 Uhr. Es gibt 27 Verpflegungspunkte und drei Stellen, an denen die Läufer spätestens erscheinen müssen, wenn sie nicht disqualifiziert werden wollen: nach 58 km um 17 Uhr, nach 91 km um 23 Uhr und nach 128 km um 6 Uhr am Sonntag. Wer länger als 30 Stunden unterwegs ist, fällt aus der Wertung. Wer innerhalb von 24 Stunden das Ziel erreicht, wird besonders geehrt.
Der Brite Mark Perkins erreichte als erster das Ziel. Er benötigte für „100MeilenBerlin“ nur 13:06,52 Stunden und blieb damit fast drei Stunden unter der bisherigen Bestmarke. Bei den Frauen konnte sich Martina Schliep von der LG Mauerweg Berlin einen hervorragenden zweiten Platz erlaufen. Ihre Zeit: 18:59 Stunden.
Jeder Teilnehmer muss bei Einbruch der Dunkelheit eine Lampe und eine reflektierende Warnweste tragen. Dass der Lauf nicht ungefährlich ist, zeigt ein Beispiel. Am Sonntagmorgen wurde ein Läufer wenige Kilometer vor dem Ziel von der Zeitnahme registriert. Danach fehlte von ihm jede Spur. Noch während die Siegerehrung lief, wurde von der Polizei eine große Suchaktion gestartet — leider erfolglos. Erst etliche Stunden später wurde der Mann von einem Schleusenwärter gefunden, etwa 15 km von der Laufstrecke entfernt. Dehydriert kam er ins Krankenhaus. Inzwischen geht es ihm besser.
hoff
• www.100meilen.de
Ich finde es total toll, was er macht. Ich bin so neidisch auf seinen Erfolg, aber ich gönne ihm den Triumph von ganzem Herzen!Daniela Buhse, Wismar, ist Marathon gelaufen und hat Lars Reimer zum Laufen animiert

 



Heiko Hoffmann

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