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Wismar Streit unter Nachbarn endet vor Gericht
Mecklenburg Wismar Streit unter Nachbarn endet vor Gericht
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00:00 09.09.2016

Kerstin R. schüttelt mit dem Kopf, mit den Lippen formt sie lautlos den Widerspruch, als die Staatsanwältin ihr Plädoyer hält. Es fällt der 58-Jährigen auf der Anklagebank des Amtsgerichtes sichtlich schwer, sich zurückzuhalten, während die Staatsanwältin spricht. „Ich bin überzeugt, dass die Angeklagte aus Wut gehandelt hat“, sagt die Juristin und beantragt eine Geldstrafe von 250 Euro wegen Körperverletzung.

Das Gericht folgt dem Antrag, belässt es allerdings bei 200 Euro.

Für Kerstin R. ist das alles eine Farce. „Ich habe immer stillgehalten. Frau F. hat mit den Behörden gespielt“, sagt sie kurz vor der Urteilsverkündung. Denn das eigentliche Opfer, das betont sie mehrfach, sei eigentlich sie selbst.

Doch von vorn: Kerstin R. lebt seit vielen Jahren in Grevesmühlen. In einem kleinen Haus hat sie eine Wohnung gemietet, in der sie mit ihren Katzen und dem mittlerweile verstorbenen Hund lebt.

Die städtische Wohnungsgesellschaft ist der Vermieter. Und dort kennt man die Dame. Immer wieder gibt es Probleme, Ärger mit den Nachbarn, Schimmel in der Wohnung. Das Unternehmen versucht zu schlichten. Doch 2015 eskaliert die Situation. Kurz zuvor war Romy F. mit ihrem vier Jahre alten Sohn in das Haus eingezogen, in dem die 58-Jährige seit einigen Jahren lebte. „Der Hausverwalter sagte mir schon beim Einzug, dass ich vorsichtig sein solle“, erzählt die Mutter vor Gericht. Nach einer Woche begann das Drama. „Mein Sohn spielte im Garten des Hauses, als ich ihn gesucht habe, war er verschwunden. Dann habe ich bei Frau R. geklingelt und sie gefragt, ob sie ihn gesehen habe. Als sie sagte, dass er bei ihr war, habe ich ihr erklärt, dass ich das nicht möchte. Damit begann der Stress.“

Was folgte, war ein ein Jahr dauerndes Martyrium für die kleine Familie. Romy F. wandte sich an die Polizei, die Behörden, den Vermieter. Die Akte „Kerstin R.“ umfasst etliche Seiten. Es gab Aussprachen, Abmahnungen durch den Vermieter, schließlich die Kündigung der Wohnung und eine Räumungsklage. Und jenen Vorfall, wegen dem die 58-Jährige nun vor Gericht sitzt. Im März 2015 soll sie laut Aktenlage Romy F. im Garten angegriffen haben. „Sie hat mir Haare rausgerissen, mich gekratzt. Es war furchtbar.“ Die Verletzungen wurden im Krankenhaus bestätigt. Zeugen gibt es nicht. Aber eine Version von Kerstin R.

Demnach habe sich Romy F. die Haare selbst herausgerissen, um sie zu denunzieren. Alles sei erfunden. Vielmehr sei sie das Opfer. „Immer wieder hat sie mich beleidigt, angegriffen und versucht, mich aus dem Haus zu ekeln“, sagt sie vor Gericht. „Sie hat sich auf die Lauer gelegt.“ Kerstin R. hat ein Tagebuch angelegt und die Vorfälle dokumentiert. Es ist ein dickes Heft, in dem jeder Tag beschrieben wird. Doch weder die Staatsanwaltschaft noch der Richter glauben der 58-Jährigen, die wegen Erwerbunfähigkeit Rente bezieht, ein Wort. „Ich glaube Frau F. deutlich mehr als Ihnen“, sagt Richter Hinrich Dimpker. „Sie hat glaubwürdig geschildert, was dort abgelaufen ist. Sie hingegen haben behauptet, dass sie irgendwann freiwillig ausgezogen sind. Dabei gab es die Kündigungen und die Räumungsklage. Stellt sich die Frage, warum sie davon nichts erzählt haben?“

Der Rechtsanwalt von Kerstin R. sieht die Sache allerdings etwas anders. So sei es Romy F. gewesen, die den Streit heraufbeschworen habe. „Sie war es doch, die ständig zu den Behörden gelaufen ist und meine Mandantin angeschwärzt hat“, betont der Jurist. „Ich habe Frau R. geraten, alles aufzuschreiben, was passiert. Und genau das hat sie auch getan.“ Doch das Heft, aus dem Kerstin R. während der Verhandlung zitiert, zählt nicht. Dimpker: „Ich gebe es offen zu, dass ich erhebliche Probleme mit der Version von Frau R. habe.“

Die beiden Frauen gehen sich mittlerweile längst aus dem Weg. Romy F. ist mit ihrem Sohn nach Schwerin gezogen. Die Vorfälle in dem Haus in Grevesmühlen hätten sie und ihr Kind so belastet, dass sie in der Landeshauptstadt einen Neuanfang gebraucht habe. Kerstin R. lebt in einer neuen Wohnung von einem privaten Vermieter auf 33 Quadratmetern. Glücklich, sagt sie, sei sie allerdings nichts. „Diese Sache hat meine Beziehung zerstört, ich habe nichts mehr.“

Michael Prochnow

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