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Wismar Testorf: Windräder sorgen für Zoff
Mecklenburg Wismar Testorf: Windräder sorgen für Zoff
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08:49 15.07.2013
Ein Anblick, an den sich Steffen Rohde nicht gewöhnen möchte. In etwa 500 Metern Entfernung hinter seinem Garten entsteht eine mehr als 100 Meter hohe Windkraftanlage. Quelle: Robert Niemeyer
Testorf

Steffen Rohde ist sauer. „Ich bin doch nicht aus der Stadt auf‘s Land gezogen, um mir so ein Ding vor die Nase stellen zu lassen“, wettert der 47-Jährige.

Gemeint ist der stählene Koloss, der unweit seines Grundstücks täglich weiter in den Himmel wächst. Die Firma Enercon baut derzeit drei Windkraftanlagen zwischen Testorf und Harmshagen. Drei Anlagen vom Typ E70 mit einer Nabenhöhe von 113,5 Metern und einer Nennleistung von 2,3 Megawatt sollen dort auf einem Feld an der Steinforter Straße entstehen. „Das ist ein Eingriff in meine Lebensqualität“, sagt der Familienvater, der mit seiner Frau, einem Sohn und seinen Eltern in einer sanierten Bauernscheune an der Steiforter Straße lebt.

Seit fast zwei Jahren existiert die Baugenehmigung für die drei Anlagen. Anfang August sollen zudem durch einen anderen Investor zwei weitere Enercon-E70-Anlagen auf den Feldern zwischen Testorf und Harmshagen gebaut werden. Hans-Jürgen Vitense, Bürgermeister der Gemeinde Testorf-Steinfort, bringt das auf die Palme. „Ich bin sprachlos, dass die neuen Kriterien hier nicht berücksichtigt werden.

Die Gemeindevertretung hat sich mehrfach gegen die neuen Anlagen ausgesprochen. Aber das Nein einer Gemeinde ist wohl nichts mehr wert“, sagt Vitense. Der Versuch der Gemeinde, das Windeignungsgebiet Harmshagen nach Osten zuverschieben, sei stets abgelehnt worden.„Das jetzige Gebiet ist abartig. Wir sind Opfer der Energiewende, nicht Partner“, sagt Vitense.

Zuletzt hieß es immer wieder, dass neue Anlagen künftig in einem Mindestabstand von 800 Metern zu sogenannten Splittersiedlungen mit wenigen Häusern gebaut werden dürfen. Zwischen dem Anwesen Steffen Rohdes und der Enercon-Anlage auf dem Feld dahinter liegen allerdings nur rund 500 Meter. „Dort liegt ein Windeignungsgebiet, das aus dem Jahr 1996 stammt“, erklärt Rainer Pochstein vom Raumordnungsamt des Landes. Die neuen Kriterien würden dort nicht gelten. „An bestandskräftige Gebiete kommen wir nicht ran.“

„Wenn es ein Gebiet gibt, dann darf dort gebaut werden. Und wenn dafür Anträge vorliegen, muss das bearbeitet werden“, sagt Wolfgang Rappmann von der zuständigen Genehmigungsbehörde, dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt Westmecklenburg. Die vom Regionalen Planungsverband erstellten Kriterien seien lediglich Empfehlungen. Auch der laufende Prozess der Neuausweisung von Windeignungsgebieten sei kein Grund, die Genehmigung aufzuschieben. Grundlage sei nämlich das Bundesimmissionsschutzgesetz. Der Investor, in diesem Fall Landwirt Tim Sievers vom Gut Rosenhof in Harmshagen, müsse Gutachten, etwa für Schall und Schattenwurf, vorlegen und nachweisen, dass die entsprechenden Grenzwerte nicht überschritten werden. Technisch sei das möglich. In der Nacht sollen die Windräder beispielsweise nur mit reduzierter Leistung laufen.

„Wir müssen uns als Betrieb breiter aufstellen, um überlebensfähig zu sein“, begründet Tim Sievers den Schritt, den lange geplanten Bau nun umzusetzen. Den Ärger der Anwohner könne er verstehen. Auch er habe darauf gedrängt und gehofft, dass das Windeignungsgebiet Harmshagen verschoben wird. Jedoch: „Seit 2005 existiert der Bauantrag. Es hat immer wieder Beteiligungsverfahren gegeben, bei denen jeder seine Meinung zu dem Vorhaben hätte loswerden können. Irgendwann müssen wir anfangen zu bauen, bevor die Baugenehmigung ausläuft“, so der 39-Jährige weiter. Sievers setzt das Projekt mit der Landwind GmbH aus Grevensleben (Niedersachsen) um. 9,5 Cent bringt die Einspeisung des Stroms pro Kilowattstunde ein. Tim Sievers: „Wir sind der größte Gewerbesteuerzahler hier, und wir werden dann noch mehr zahlen, ab dem ersten Jahr.“ Mit der voraussichtlichen Inbetriebnahme der drei Anlagen im September sollen jährlich 14 Millionen Kilowattstunden erzeugt werden. Mit den drei Anlagen werden zwei bestehende kleinere Anlagen ersetzt, sogenannt repowert.

Wir sind Opfer der Energiewende, nicht Partner.“Hans-Jürgen Vitense, Bürgermeister
Mehr Mitsprache
Im Zuge der Planungen des Regionalen Planungsverbandes Westmecklenburg, neue Windeignungsgebiete auszuweisen, befürchten vor allem die Gemeinden in der Region, außen vor zu bleiben. Aktuell wird der Kriterienkatalog, der beispielsweise Abstände von dann neuen Windkraftanlagen zu Siedlungen oder Naturschutzgebieten festlegt, erarbeitet. Bis zum Herbst sollen auf dieser Grundlage erste Vorschläge für neue Windeignungsgebiete gemacht werden. Laut Rainer Pochstein vom Amt für Raumordnung und Landesplanung Westmecklenburg werde es dann eine „vorgezogene Beteiligung“

geben. Dann seien alle betroffenen Gemeinden aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen, möglicherweise auch erste Gespräche mit Investoren zu führen. Erst wenn die Gemeinden grünes Licht für ein geplantes Windeignungsgebiet geben, soll dieses auch offiziell ausgewiesen werden.

Wir müssen uns breiter aufstellen, um überlebensfähig zu sein.“ Tim Sievers, Landwirt und Investor

Robert Niemeyer

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