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Über 100 Jahre wurde in Wismar Gas produziert

Wismar Über 100 Jahre wurde in Wismar Gas produziert

Heinrich Weißflog und Ernst Christiani errichteten die Gasanstalt / 1968 wurde das Werk stillgelegt

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Die Koksanlage im Wismarer Gaswerk in den 1960er-Jahren.

Quelle: Fotos: Sammlung Detlef Schmidt

Wismar. Am 29. April 1968 wurde das Wismarer Gaswerk an der Schweriner Straße nach fast 111 Jahren stillgelegt. Die Verbraucher wurden an die zentrale Ferngasversorgung angeschlossen.

OZ-Bild

Heinrich Weißflog und Ernst Christiani errichteten die Gasanstalt / 1968 wurde das Werk stillgelegt

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1856 war mit dem Bau eines Gaswerks an der Schweriner Chaussee begonnen worden. Am 3. Mai 1857 begann das neue Werk, Steinkohlegas zu produzieren. Die ersten Gaslaternen wurden dann am 1. September 1857 in Wismar angezündet. Sie lösten die spärlichen Petroleumfunzeln ab. Mit 320 zugelassenen Gaslaternen gehörte Wismar zu den ersten kleineren Städten in Deutschland, die eine zentrale Straßenbeleuchtung einführten. Die Wismarer Gasanstalt wurde von Heinrich Weißflog und dem Ingenieur Ernst Christiani errichtet.

Das privat geführte Unternehmen ist von Gustav Gaiser zuerst als Teilhaber, dann als alleiniger Inhaber geleitet worden. Ein Vertrag mit der Stadt Wismar sicherte die Gasversorgung und die entwickelte sich enorm. Von 1857 bis 1897 war eine Steigerung um das Zwölffache der Produktion zu verzeichnen. Der Vertrag sah aber auch ein Vorkaufsrecht der Stadt nach 30 Jahren vor, den die Stadt jedoch nicht wahrnahm. Einen Verkauf des Gaswerkes an das Unternehmen Dorn & Co stimmte die Stadt zu, doch als dies das Wismarer Werk an die schweizerische Gasgesellschaft in Schaffhausen verkaufen wollte, machte die Stadt 1897 von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch und erwarb das Gaswerk vor dem Mecklenburger Tor.

Um diese Zeit hatte Wismar 18000 Einwohner mit 324 Gasverbrauchsstellen. Mehrere Erweiterungen auf dem Betriebsgelände waren notwendig geworden, um den steigenden Bedarf an Steinkohlegas zu befriedigen.

1892 wurde ein zweiter Gasspeicher in Betrieb genommen. Nach der Übernahme des Werkes durch die Stadt sind weitere Neuerungen durchgeführt worden. Betrug 1897 die Leistung 490000 Kubikmeter, so war das Ergebnis 1902 mit 1,2 Millionen Kubikmeter mehr als verdoppelt. Die Leitung hatte der in Wismar hochgeschätzte Max Lindekugel, der auch 1904 das erste städtische Elektrizitätswerk auf dem Gelände der Gasanstalt errichtete und somit den Grundstein für die Wismarer Stadtwerke legte.

Am 19. April 1904 wurde durch den Wismarer Rat die Genehmigung zu einem kommunalen Elektrizitätswerk erteilt, mit der Kabellegung ist noch im Juli des gleichen Jahres begonnen worden und am 15.

Oktober 1904 konnte das Kabelnetz in Wismar unter Spannung gesetzt werden. 1906 ist das „Städtische Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerk Wismar“ gegründet worden. Doch es dauerte noch einige Zeit, ehe die Elektrizität in Wismar überall Einzug hielt. Zwar boomte Wismar in den sogenannten Gründerjahren nach 1871 mit einer Reihe von Industrieanlagen, beispielsweise Eisengießerei, Hobelwerke, Zuckerfabrik, Schlachthof und Hafen. Doch man verließ sich in der Energieanwendung ausschließlich auf Gas und die dadurch erzeugte Dampfkraft, die letztendlich Dampfturbinen antrieben und ihre Kraft auf die Maschinen abgaben.

Trotz der Überlegenheit der Elektrizität hielt man an Gaslaternen und Petroleumlampen fest, denn als man im Winter 1906 die Hafenbeleuchtung immer noch für mangelhaft befand, sollten zehn neue Lichtquellen Abhilfe schaffen. Dies genehmigte der Rat und es wurden drei neue Gaslaternen und sieben Petroleumlampen aufgestellt. Auf den Straßen, in den Büros und auch in kleinen Werkstätten brannten nach wie vor Gaslaternen, die für Wismar noch bis in die späten 50er-Jahre nachweisbar waren, als der „Laternenmann“ mit seinem langen Stock abends durch die Straßen ging und die Lampen anzündete.

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges machte sich auch hier durch zeitweise Störungen im Elektro- und Gasbereich die Mangelwirtschaft bemerkbar. Nach dem Krieg wurde es noch prekärer, doch es fehlte an Kohle. Am 21. Dezember 1945 wurden den Wismarer Stadtwerken erstmals 800 Tonnen Kohle zugeteilt. Sie fuhren sofort die Öfen hoch. Die erste Gaslieferung erfolgte dann im Januar 1946.

1950 mussten die kommunalen Wismarer Stadtwerke ihre Anlagen in den VEB Energie Nord einbringen und hörten somit auf zu existieren. Schließlich wurde das Gaswerk am 29. April 1968 stillgelegt und die Versorgung Wismars erfolgte ausschließlich über eine Ferngasleitung. 1993 erfolgte die herbeigesehnte Umstellung vom geruchsstarken und giftigen Leuchtgas auf Erdgas und 1994 schlug die Stunde der Stadtwerke, die die Gasversorgung nach 40 Jahren wieder übernahmen.

Jahrzehntelang verfiel das Gelände an der alten Gasanstalt. Im Juli und August 2014 rückten Bagger an, die nicht mehr benötigte Gebäude der alten Gasanstalt und des Elektrizitätswerkes abrissen, um einer Neubebauung Platz zu machen. Welche, ist noch offen.

Was sonst noch geschah

29. April 1991: Beginn der Abrissarbeiten an der am 1. Oktober 1953 errichteten Kabel-Kran-Anlage auf der Werft.

29. April 1950: Grundsteinlegung für die ersten Wohnhäuser in Vor-Wendorf.

29. April 1993: Besuch des schwedischen Königspaares, Karl Gustav und Sylvia von Schweden, in Wismar.

1. Mai 1920: Der 1. Mai wird erstmals in Mecklenburg als regulärer Feiertag begangen. Nach der Machtergreifung der Nazis wird der Feiertag am 1. Mai 1933 zum „Tag der nationalen Arbeit“ umbenannt.

1./2. Mai1945: Nachts erschossen sich in der „neuen Kreisleitung“ am Exerzierplatz am Vogelsang nach einem Trinkgelage die NSDAP Kreisleiter von Rostock, Otto Dettmann, und Wismar, Paul Ohl. Ebenso nahm sich die Sekretärin, Gisela von Sobbe, das Leben. Sie wurden am 2. Mai 1945 auf dem Soldatenfriedhof beigesetzt.

1. Mai 1949: Grundsteinlegung für das Wohngebiet Flöter Weg.

1. Mai 1956: Übergabe Hochhaus am Platz des Friedens in Wendorf.

1. Mai 1961: DDR-Urlauberschiff „Fritz Heckert“ geht auf Jungfernfahrt. Das Schiff wurde am 28. November 1959 auf der MTW auf Kiel gelegt.

2. Mai 1945: Besetzung durch kanadische und britische Truppen.

3./4. Mai 1945: Erschießung des Geschäftsführers vom Schuhhauses Bolte in der Krämerstraße, Karl Prasse. Sein Leichnam wird zwei Tage zur Abschreckung, sich nicht gegen die Anweisungen der Alliierten zu stellen, auf dem Marktplatz vor dem Haus Nr. 16 abgelegt. In der gleichen Nacht brennen die Häuser Krämerstraße 10 und 12 (Kaufhaus Otto) aus nie geklärten Gründen ab.

4. Mai 1957: Übergabe des ehemaligen Fründts Hotel als MTW Klubhaus mit Restaurant die MTW Werft.

Von Detlef Schmidt

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