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War Wismar im Mittelalter bereits Werftstandort?

Wismar War Wismar im Mittelalter bereits Werftstandort?

Archäologen stoßen bei Bergungsarbeiten auf Hunderte kleine Schätze

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Wismar. Für Roman Scholz ist ein komplexer Befund spannender als ein einzelner Fund. „Eine Goldmünze etwa, das ist für mich das Langweiligste“, erklärt der Archäologe.

OZ-Bild

Archäologen stoßen bei Bergungsarbeiten auf Hunderte kleine Schätze

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Bedeutender ist für ihn beispielsweise, worin diese Münze aufbewahrt wurde. Scholz ist Projektleiter bei den Bergungsarbeiten der mittelalterlichen Wrackteile in der Wismarer Hafeneinfahrt (die OZ berichtete). Interessant wird es für den Forscher, wenn er durch Funde Zusammenhänge erkennen kann und dadurch neue Erkenntnisse für historische Epochen herausfindet. An den beiden Fundorten der Schiffsteile, an denen die UWA-Logistik derzeit arbeitet, haben Scholz und seine Kollegen bereits über 100 kleinere Funde entdeckt, die jedoch nicht unmittelbar mit den eigentlichen Schiffsteilen in Verbindung stehen. Die Hölzer für die Schiffe wurden um das Jahr 1200 gefällt, zu den Anfängen der Hansezeit. Viele der kleineren Funde werden später datiert.

Eine Theorie, die für die Geschichte der Hansestadt Wismar bedeutend wäre: Funde von Holzspänen und Tauwerken lassen vermuten, dass es sich bei dem Fundort der beiden Wrackteile um einen Platz handelte, an dem Schiffe repariert wurden. Denkbar sei auch, dass Schiffe in dem Niedrigwasser an der jetzigen Hafeneinfahrt längere Zeit auf Reede lagen. Bisher wurde in dem südlichen Wrackteil, welches bereits freigelegt ist, auch keine Ladung oder Ballast gefunden. „Das ist sehr unüblich“, erklärt der Experte. Ohne Ladung ließen sich die Schiffe nämlich kaum manövrieren. Eine mögliche Schlussfolgerung: Im Mittelalter könnte sich eine Werft in der Wismarbucht befunden haben. Bisher noch eine Spekulation, die sich vielleicht mit dem Fortschreiten der Bergungsarbeiten bestätigt. Bis zum Frühjahr 2017 werden die Arbeiter noch damit beschäftigt sein.

„Beide Schiffsteile waren beziehungsweise sind noch mit einer dicken Sedimentschicht aus Muscheln und Schlick bedeckt“, erklärt Scholz. Dieser natürliche Schutzfilm für die Holzteile wird derzeit abgesaugt. Darin haben die Archäologen bereits zahlreiche historische Zeugnisse gefunden. „Darunter sind beispielsweise ein Keramikkrug aus dem 13. oder 14. Jahrhundert und sehr viele Tierknochen“, erklärt der Projektleiter. Einkerbungen in den Knochen verraten den Experten, dass die Tiere für den Verzehr geschlachtet wurden. „Und nach dem Essen wurden die Teile einfach ins Meer geworfen. So, wie das mit Abfall heute leider immer noch oft gemacht wird“, erklärt Scholz. Der Archäologe hofft auf weitere Fundstücke, die Aufklärung vor allem über das alltägliche Leben im historischen Wismar geben – spannend auch für die Stadtgeschichte.

Jedes Teil, das von den Forschungstauchern gefunden wird, wird im provisorischen Container in Wendorf erst einmal in Süßwasser eingelegt, vom Salzwasser gereinigt und danach ausreichend dokumentiert.

Zahlreiche Plastiktüten stapeln sich in den Regalen des kleinen Raums, gefüllt mit historischen Funden. „Hier in Wismar machen wir sozusagen die erste Behandlung, bevor die Teile ins Landesamt nach Schwerin kommen“, erklärt Scholz. In einer der Tüten liegt sogar ein menschlicher Unterkiefer. „Über diesen wissen wir allerdings noch nichts. Jedenfalls ist er so alt, dass wir nicht mehr die Polizei rufen mussten“, sagt Scholz mit einem Schmunzeln.

Unter Wasser legen die Archäologen eine Art Gitter über die freigelegten Holzteile. Dann werden auch sie dokumentiert, sodass die Forscher am Ende alle Puzzelteile zusammensetzen können, um ein detailgenaues, digitales 3-D-Modell zu erstellen. Danach werden die Planken und Spanten an ihren Verbindungsstücken in Einzelteile zerlegt und an die Oberfläche geholt, um kurze Zeit später in gewohntem Milieu, also wieder unter Wasser, eingelagert zu werden.

Die Hansezeit

Hanse – was so viel bedeutet wie Gruppe oder Schar – ist die Bezeichnung für die Vereinigungen niederdeutscher Kaufleute. Die ersten Verträge wurden im 12. Jahrhundert geschlossen. Ihr Ziel war die Sicherheit der Überfahrt und die Vertretung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen besonders im Ausland. Wismar verbündete sich 1259 mit den Städten Rostock, Lübeck. Im Jahre 1293 traten weitere Städte diesem Dreierbund bei. Darunter Stettin, Stralsund und Greifswald. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts traten Städte aus der Hanse aus, das Ende der Zeit wird auf Mitte des 17.

Jahrhunderts datiert.

Vanessa Kopp

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