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Wismar Wenn das Gehalt nicht zum Leben reicht
Mecklenburg Wismar Wenn das Gehalt nicht zum Leben reicht
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00:01 23.10.2017

Eigentlich liebt Angela M. ihren Job. Sie arbeitet als Kellnerin in einem Restaurant in der Wismarer Altstadt. Leben kann sie vom Verdienten nicht, freut sich über jeden Cent Trinkgeld und muss am Monatsende zum Amt.

„Aufstocken – Das ist ein Scheiß-Gefühl. Ich arbeite doch ganz normal“, schüttelt Angela M. den Kopf. Aber mit zwei kleinen Kindern könne sie nicht Vollzeit arbeiten. Ihren vollen Namen will sie nicht preisgeben. Zu groß ist die Angst vor einer Kündigung.

Angela M. gehört zu den 2543 Menschen im Jobcenter Nordwestmecklenburg, die aufstocken müssen. Martin Greiner vom Jobcenter: „Aufstocker sind abhängig erwerbstätige Personen mit zeitgleichem Bezug von Arbeitslosengeld II.“ Als Gründe für diese „ergänzenden Leistungen im Rahmen der Grundsicherung“ nennt er unter anderem die Größe der Bedarfsgemeinschaft, Teilzeitbeschäftigung oder eine geringfügige Beschäftigung.

Eine Statistik, in welchen Branchen diese Aufstocker arbeiten, gibt es nicht.„Tendenziell sind Bereiche des Dienstleistungsbereiches eher davon betroffen, da hier in der Regel nur Mindestlohn gezahlt wird“, berichtet Greiner.

Und diese derzeit 8,84 Euro pro Stunde werden oft genug ausgehebelt, wie eine Insiderin berichtet. Sie war im Servicebereich eines inzwischen geschlossenen Lokals in Wismar offiziell für 100 Euro für bis zu 60 Stunden in der Woche tätig. Die Tricks – nicht bezahlte Überstunden, unbezahlte Pausenzeiten – sind bekannt.

Martin Greiner: „Das ist ein Bereich, in dem eher Mindestlohn üblich ist. Er wird aber auch am häufigsten kontrolliert. Der Zoll versteht bei Verstößen gegen das Mindestlohngesetz keinen Spaß.“ Wie hoch in der Branche die Dunkelziffer ist, kann er nicht abschätzen.

„Es ist unfair, immer nur auf die böse Hotellerie zu schimpfen“, verteidigt Svenja Preuss vom Wismarer Kreisverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) die Branche. „Es wird immer so dargestellt, als wenn wir die einzigen sind, die den Mindestlohn zahlen, jede Verkäuferin in Teilzeit muss aufstocken!“

Der Trend gehe, so berichtet sie, auch in andere Richtungen. Beispielsweise werden Köche derzeit besonders gut bezahlt. Svenja Preuss: „Die verdienen das Doppelte, weil wir so einen Mangel haben.“

Dieser finanzielle Kampf um gute Köche habe schon vor zwei, drei Jahren angefangen. Und die ganze Branche leidet unter dem Fachkräftemangel.

Martin Greiner vom Jobcenter bestätigt diese Entwicklung: „Gutes Personal wandert dahin, wo auch gut bezahlt wird. Wer nur Mindestlohn zahlt, riskiert den Verlust seiner Mitarbeiter.“ MV ist das Land mit dem schlechtesten Brutto-Stundenlohn – durchschnittlich 16,37 Euro verdienen Arbeitnehmer laut Statistik. In Schleswig-Holstein sind es schon mehr als 19 Euro, in Hamburg mehr als 23 Euro.

Julia Kögel hat nach 100 Bewerbungen und Angeboten zwischen vier Wochen Probearbeiten und Zwölf-Stunden-Schichten ihren eigenen Weg gefunden, mit der Branche umzugehen. Sie hat in der Mecklenburger Straße ein kleines Café eröffnet – mit dem Versprechen, erst dann jemanden einzustellen, wenn sie einen fairen Lohn zahlen kann. „Von den neun Euro, die hier überall bezahlt werden, kann doch keiner leben!“, sagt die Unternehmerin.

Nicole Hollatz

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