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Wenn plötzlich ein Fremder handelt und entscheidet

Grevesmühlen Wenn plötzlich ein Fremder handelt und entscheidet

Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen sind ratsam / Sind die nicht vorhanden, kommt ein gerichtlich bestellter Betreuer ins Spiel: Die OZ begleitete einen von ihnen

Grevesmühlen. Könnte Ulf Fleischmann die Zeit zurückdrehen, würde er vieles anders machen: weniger trinken, nicht so viel Party machen und bei der Armee bleiben oder Tierarzt werden. Könnte, würde, wäre. . . Die Realität sieht anders aus: Der 42-Jährige sitzt in seiner Einzimmerwohnung in einem geblümten Sessel. Er ist gezeichnet: Nach einem Schlaganfall fällt ihm das Gehen schwer, auch sprachlich ist er gehandicapt. Viele Entscheidungen trifft er nicht alleine — er hat einen gerichtlich bestellten Betreuer an seiner Seite.

Ob ein Betreuer notwendig ist, entscheidet ein ärztliches Gutachten. „In vielen Fällen sind Vorkehrungen durch Patientenverfügungen oder Vorsorgevollmachten getroffen, in manchen Fällen eben auch nicht“, erläutert Stefan Baetke vom Betreuungsverein „Der Weg“ in Grevesmühlen, der Ulf Fleischmann zur Seite steht. Findet sich kein Angehöriger oder Freund, der die Verantwortung für den Betroffenen übernimmt, tritt der Betreuer in Erscheinung, der durch das Gericht überwacht wird und in Wohnungs-, Behörden-, Vermögens- und/oder Gesundheitsangelegenheiten agiert.

Helfer in vielen Lebenslagen

„Ich bin froh, dass ich Herrn Baetke zur Seite habe“, sagt Ulf Fleischmann, der ebenso froh ist, dass er überhaupt noch lebt, wie er zugibt. Nach einem Trinkgelage mit seinem Kumpel — er lebte damals in Berlin — lag er fast zwei Tage regungslos im Bett. „Dann hat er den Notarzt gerufen“, erzählt Fleischmann. Diagnose: Schlaganfall. Das ist sieben Jahre her. Heute sitzt ihm Stefan Baetke gegenüber, der ihm erklärt, dass die Anbauwand vom Versandhaus erst in fünf Wochen kommt. Außerdem hat er Ulf Fleischmann seine neue Krankenkassenkarte mitgebracht. Auch eine Unterschrift muss er noch leisten — als Quittung, dass Stefan Baetke ihm Geld vom Konto geholt und gegeben hat.

Die Lebensgeschichte von Ulf Fleischmann ist schnell erzählt: Er wächst auf Usedom auf, ging zur Bundeswehr, wurde nach zwei Jahren unehrenhaft entlassen. In Greifswald absolvierte er ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Tierarztpraxis, ging dann zum Bau. Dort lernte er nicht nur das Handwerkliche, sondern auch das Trinken. Dann versuchte er sich in Berlin als selbstständiger Hausmeister. Ohne Erfolg. Und zwischendurch immer wieder Partys und Alkohol, vor allem am Wochenende. Dann der Schlaganfall. Am Ende landete er in Jesendorf in der Klinik. „Sechs Jahre war ich dort“, erzählt er. Seit einem Jahr hat er eine eigene Wohnung in Grevesmühlen. Der Lebensmut hat ihn wieder. Gern würde er bei der Diakonie im Büro arbeiten. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg, den er gemeinsam mit Stefan Baetke ebnen will. Rentenversicherung und Gesundheitsamt, mit denen sich Baetke für Ulf Fleischmann auseinandersetzt, prüfen die Angelegenheit. Ulf Fleischmann sitzt in seiner Einzimmerwohnung und schaut auf die vielen Wappen seiner Lieblingssportvereine, die er während seines sechsjährigen Aufenthalts in Jesendorf auf Leinwände brachte. „Ich freue mich, wenn ich endlich arbeiten kann.“

Wenn plötzlich alles anders ist

Einen ähnlichen Satz äußert Joe Buske im Gespräch, der ebenfalls von Stefan Baetke betreut wird und mit einer Heckenschere bewaffnet im Familienferiendorf in Boltenhagen einen Grundschnitt ins Gestrüpp bringt. Vor zwei Jahren noch ging er einer anderen „Beschäftigung“ nach: Er machte Schulden, klaute und war auch als Schwarzfahrer bei der Polizei aktenkundig. Zum Arbeiten hatte er keine Lust mehr, seine Ausbildung brach er ab. Auf die Frage nach dem Warum, bringt der 25-Jährige falsche Freunde ins Spiel. Und: „Heute bereue ich alles.“ Was hat Joe Buske vor zwei Jahren verändert?

„Meine Freundin“, schildert er. Der Grevesmühlener lernte die junge Frau aus Schwerin im Internet kennen. Sie brachte einen vierjährigen Sohn mit in die Beziehung, gemeinsam haben sie eine anderthalbjährige Tochter. Für seine Familie will Joe Verantwortung übernehmen, er arbeitet bei der Diakonie im nördlichen Mecklenburg in Boltenhagen als Garten- und Landschaftsbauer im Familienferiendorf. „Heute bin ich zufrieden“, resümiert er.

Eine Stütze ist ihm Stefan Baetke. Als gerichtlich bestellter Betreuer regelt er viele Angelegenheiten für Joe, weil er intelligenzgemindert Schwierigkeiten hat, allein im Alltag zurechtzukommen — auf finanzieller und gesellschaftlicher Ebene. Ein Großteil der fünfstelligen Schuldensumme ist durch 651 Arbeitsstunden abgegolten. „Ich wollte nicht abgehen“, sagt Joe und meint damit den Knast.

Die Angst fährt mit

Ulf Fleischmann und Joe Buske sind Beispiele, die Stefan Baetke als positiv bezeichnet. Insgesamt betreut er 55 Klienten im Landkreis und darüber hinaus auch in Schleswig-Holstein. Im Grevesmühlener Verein sind drei Betreuer tätig, die sich um insgesamt 130 Klienten kümmern. Nicht immer ist ihre Arbeit gleich von Erfolg gekrönt. So gebe es durchaus Betreute, berichtet Stefan Baetke, die wieder in ihre alte Schiene zurückfallen — trinken, Drogen nehmen, klauen, lügen, betrügen. Und es gibt die, die zeitweise unberechenbar sind. Erst kürzlich musste ein junger Mann mit einer paranoiden Schizophrenie mit Polizeibeamten und Notarzt ins Krankenhaus gebracht werden. „Ich habe ihn dann auf Station besucht. Wenn Blicke töten könnten. . .“, beginnt Stefan Baetke den Satz und verfällt ins Grübeln. „Es ist ein langer Weg, bis manche erkennen, dass sie wirklich Hilfe brauchen. In diesem Fall war er eigen- und fremdgefährdet, wir mussten handeln.“

Neben der Angst, angegriffen zu werden, lernte er aber auch schon die Angst an der eigenen Gesundheit kennen. Stefan Baetke betreute einen illegal nach Deutschland eingereisten Asylbewerber aus Ghana mit einer offenen Tuberkulose. Unterm Strich, so vermutet Stefan Baetke, wird es aber auf eine Abschiebung hinauslaufen.

Mitleid darf Stefan Baetke in seinem Job nicht haben, auch wenn manche Geschichten zu Tränen rühren — zum Beispiel die von Margarete Westphal, die in Kalsow im Pflegeheim lebt. Ihre Geschwister sind weit weg in Dortmund und können sich um die Angelegenheiten nicht mehr kümmern. So ist Stefan Baetke gerade dabei, das Haus der 85-Jährigen in Gadebusch zu veräußern, aufgelöst hat er den Haushalt bereits vor Tagen. Alles, was die Rentnerin sich über Jahre aufgebaut hat — von jetzt auf gleich weg durch einen für sie Fremden.

Von Jana Franke

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