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Wenn’s vom Kirchturm nicht mehr schlägt

Börzow/Schwerin Wenn’s vom Kirchturm nicht mehr schlägt

Alte mechanische Kirchturmuhren sind ein wenig beachtetes Kulturerbe und vielerorts in schlechtem Zustand

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Udo Böttcher zeigt im engen Kirchturm der Backsteinkirche von Börzow auf die Uhrenmechanik.

Quelle: Fotos: Dpa (2). Oz

Börzow/Schwerin. Vom Turm der malerischen Backsteinkirche in Börzow bei Grevesmühlen schlägt es schon seit mehr als 50 Jahren nicht mehr. Das mechanische Werk der über 200 Jahre alten Kirchturmuhr steht und das Zifferblatt ist so verblasst, dass die Zahlen darauf kaum noch zu erkennen sind. Udo Böttcher von der Kirchengemeinde stimmt das traurig. „Wir möchten, dass die Uhr wieder läuft und schlägt, das gehört einfach dazu“, sagt er. Wie der Kirchturmuhr von Börzow geht es vielen in Mecklenburg-Vorpommern, sagt der Schweriner Uhrmacher Hans-Joachim Dikow.

OZ-Bild

Alte mechanische Kirchturmuhren sind ein wenig beachtetes Kulturerbe und vielerorts in schlechtem Zustand

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Wir möchten, dass die Uhr wieder läuft und schlägt, das gehört einfach dazu.“ Udo Böttcher von der Kirchengemeinde Börzow

Der Gründer der Initiative „Kirchturmuhren in Not“ reist seit Jahren durchs Land, um die Kirchturmuhren zu erfassen und ihren Zustand zu dokumentieren. Das sei ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt, sagt er. Der Kirchenkreis Mecklenburg der Nordkirche habe dazu eigens ein Computerprogramm entwickeln lassen.

Von den etwa 700 Kirchen im Kirchenkreis Mecklenburg hat Dikow bisher rund hundert Uhren aufgenommen – und dabei viel Kaputtes gesehen. „Verrostet, verrottet, Fragmente liegen auf dem Kirchendachboden herum“, fasst er seine Beobachtungen zusammen. Rund die Hälfte der Uhren, die er untersucht hat, seien nicht mehr funktionstüchtig. Mancherorts gehe die Uhr zwar, werde aber elektronisch gesteuert, was schade sei.

Vielen Pastoren und Kirchengemeinden sei der kulturhistorische Wert ihrer alten, mechanischen Turmuhren nicht bewusst, bedauert Dikow. Dabei seien sie oft mehrere hundert Jahre alt und in jedem Fall beeindruckende technische Zeugnisse ihrer Zeit. Die Kirchturmuhr von Börzow, berichtet Böttcher, wurde 1774 von der Kirche des Nachbardorfes Roggenstorf gekauft – den Unterlagen zufolge gebraucht.

Sie dürfte also noch älter sein.

Mit einer Wanderausstellung will die Initiative „Kirchturmuhren in Not“ auf das besondere kulturelle Erbe hinweisen. Sie wird Dikow zufolge gegenwärtig erarbeitet. Ein originales Uhrwerk soll dabei mit auf Reisen durch Mecklenburg-Vorpommern gehen.

Oft fertigten Dorfschmiede die großen Uhrwerke mit ihren vielen Zahnrädern und langen Gestängen an. „Es gab aber auch Fachfirmen, wie den Hof-Uhrmacher Ferdinand Dreyer in Rehna/Schwerin, der zum Beispiel die Turmuhr der Schweriner Paulskirche gebaut hat“, sagt Dikow. Auch in Stavenhagen gebe es eine Kirchturmuhr von ihm. Die Initiative versucht mit Konzerten und im August erstmals mit einem mehrtägigen Kulturfestival, Geld für die Restaurierung von Kirchturmuhren aufzutreiben. Für die Instandsetzung der inzwischen wieder laufenden Kirchturmuhr in Melkhof (Landkreis Ludwigslust-Parchim) seien rund 1500 Euro zur Verfügung gestellt worden, weitere rund 1000 Euro für die Reparatur der Uhr der Paulskirche in Schwerin. Auch für die anstehende Reparatur der Uhr in Wittenförden bei Schwerin habe die Initiative Geld gesammelt und könne rund 3000 Euro bereitstellen.

Nach den Worten des Schweriner Kirchenbaurats Karl-Heinz Schwarz wurde in den Jahren nach der Wende vor allem in die Erneuerung der Dächer und der Bauhüllen der Kirchen investiert, was auch vordringlich gewesen sei. In den vergangenen zehn Jahren sei dann das Augenmerk auch stärker auf die Innenausstattung gerichtet worden. „Die Uhren gehören dazu“, sagt er und warnt zugleich davor, die alten mechanischen Uhrwerke gegen moderne elektronische auszutauschen. „Das Uhrwerk ist das Authentische“, sagt Schwarz. Viele seien wieder in Gang zu bringen, ist er überzeugt. Die Kosten dafür sind allerdings erheblich. Erste vorsichtige Schätzungen gehen etwa in Börzow von mehr als 10 000 Euro aus.

In dem Dorf soll am ersten Augustwochenende ein „Unplugged-Festival“ stattfinden, mit Übernachtung im Zelt und handgemachter Musik ohne Verstärker in der Kirche, wie Organisator Falk Schettler von „Kirchturmuhren in Not“ erzählt. „Die alten Uhrwerke sind ja auch unplugged.“ Als Konzession an die Moderne hält die Initiative lediglich elektrische Aufzüge für die Uhren für akzeptabel. „Es kann ja nicht mehr alle paar Tage jemand hinaufsteigen und die Kirchturmuhren von Hand aufziehen“, sagt Dikow.

Iris Leithold

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