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Küstenfischer vor dem Aus?

Wismar Küstenfischer vor dem Aus?

Mit Geld aus Brüssel sollen sich Nordwestmecklenburgs Fischer ein zweites Standbein aufbauen. Doch die Probleme liegen woanders.

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Der Wismarer Fischer Jörg Bernier hat bereits nach der Wende angefangen, sich mit seinem Betrieb breit aufzustellen. Eine Zukunft gibt er dem Beruf aber nicht.

Quelle: Nicole Buchmann

Wismar. Zu spät, an die falschen Leute gerichtet und mit zu vielen Haken versehen – das ist die Reaktion von Heiko Gores auf den von der Europäischen Union in Aussicht gestellten Fördertopf zur Belebung der Fischereiwirtschaftsgebiete. In Deutschland stehen dafür bis zum Jahr 2020 rund 220 Millionen Euro zur Verfügung, davon 683 000 Euro in Nordwestmecklenburg.Fischer Gores aus Boltenhagen ist aktuell noch fast täglich mit seinem Boot draußen. Doch nicht mehr lange. Er kündigt an, sich aus der Fischerei zurückziehen zu wollen. „Ich habe darauf keinen Bock mehr. Die Fänge sind miserabel. Gleichzeitig soll man immer machen, bekommt dann aber ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen“, kritisiert er. Von seiner Jahresquote von 800 Kilogramm könne er gerade einmal so die Krankenversicherung zahlen.

Brief an den Minister

„Existenzbedrohend“ – ein anderes Wort fällt Ilona Schreiber dazu nicht mehr ein. Die Geschäftsführerin der Fischereigenossenschaft Wismarbucht hat Anfang März einen Brief geschrieben an den Bundeslandwirtschaftsminister. Wenn Christian Schmidt (CSU) diese Zeilen je auf dem Schreibtisch hatte, konnte er von der aktuellen Lage der 14 verbliebenen Fischer in der Erzeugergemeinschaft lesen.„Wenn nicht bald etwas geschieht, gibt es in Wismar keinen Fisch mehr vom Kutter. Dann ist das das Aus für die Kutter- und Küstenfischer in der Region“, fasst Ilona Schreiber die Situation zusammen. Und das Förderprogramm? Schreiber rollt mit den Augen. „Die Rahmenbedingungen müssen geändert werden!“

Gemeinden profitieren

Bei Erich Reppenhagen liegt dann auch nur der Antrag eines einzigen Fischers aus Nordwestmecklenburg auf Fördermittel auf dem Tisch. Die restlichen zehn kommen von Gemeinden und Vereinen. Reppenhagen holt als Koordinator seit Jahren die EU-Gelder in den Landkreis, berät und begleitet Antragsteller. Er zweifelt nicht am Sinn der Förderung aus dem Fischereifonds. „Sie ist sinnvoll, weil sich Chancen für die regionale Entwicklung bieten.“Doch ohne Zuschuss von der Kommune gibt es kein Geld von der Europäischen Union. 15 Prozent der Fördersumme müssen sich private Antragsteller von der Gemeinde holen. Während Projekte, die Gemeinden über diesen Fördertopf selbst anschieben, einen Zuschuss von 100 Prozent erhalten, sind es beim privaten Fischer knapp 50 Prozent. Das sei aber kaum möglich, wie Fischer Gores aus eigener Erfahrung weiß. „Als mir vor vier, fünf Jahren mein Motor geplatzt ist, wollte ich einen Kredit über 5000 Euro aufnehmen. Aber welche Bank gibt einem freiberuflichen Fischer schon einen Kredit?“ Weiterer Kritikpunkt: In der Vergangenheit hätten nur Fischer Fördergelder in Anspruch nehmen können, deren Kutter mindestens acht Meter lang ist. „Da falle ich raus“, sagt der Boltenhagener. Längst hat er sich ein zweites Standbein gesucht und arbeitet als Gartenlandschaftsgestalter.

Zahl der Fischer sinkt stetig

„Vom Fischen allein kann keiner mehr leben,“ sagt auch Jörg Bernier. Er schüttelt den Kopf angesichts der für Wismar erstmals geltenden Fördermöglichkeiten. Sein Familienbetrieb hat bereits nach der Wende angefangen, sich weitere Standbeine zu suchen – ohne Fördermittel. „Ganz offensichtlich will die EU die Fischer weg haben.“ Das illustrieren die sinkenden Kurven in den Statistiken des Landesverbandes der Kutter-  und Küstenfischer. 2017 sind demnach 146 Kutter- und Küstenfischer im Haupterwerb unterwegs in Mecklenburg-Vorpommern. Vor zehn Jahren waren es noch gut 140 mehr.Dass die Anzahl der Fischer wieder steigt, bezweifelt Jörg Bernier. Sinkende Fangquoten, holländische Großfischereien, die die Fanglizenzen der Ostseefischer aufkaufen, fehlender Nachwuchs, zählt der Wismarer auf. „Jeder Betrieb, der jetzt hier aufgibt, ist von der Bildfläche verschwunden“, sagt Bernier. Landesweit lernen derzeit fünf Azubis den Beruf des Fischers. Langfristige Überlegungen statt solcher Fördertöpfe – das sei angebracht, um die Fischerei zu erhalten, sagt Bernier.

Fördertopf nur bedingt sinnvoll

Auch für Kai Dunkelmann, ebenfalls Fischer aus Boltenhagen, kommen derartige Fördermaßnahmen einige Jahre zu spät. Für den Betrieb, den er zusammen mit seinem Vater im Ostseebad leitet, seien die Fördermöglichkeiten jetzt größtenteils uninteressant. „Grundsätzlich ist so eine Förderung eine gute Sache. Das kommt für uns aber nicht mehr infrage, denn wir haben vieles bereits selbst finanziert und aufgebaut“, erklärt Dunkelmann. Die Basis steht, die Strukturen seines Geschäfts werde er nun nicht ändern. Doch für spezielle Projekte, wie beispielsweise den Umbau eines Kutters oder den Kauf von neuer Technik, könnte sich der Fischer schon vorstellen, Zuschüsse aus dem Topf zu beantragen. Allerdings seien die Rahmenbedingungen schlecht. „Wir haben derzeit unter anderem mit der Dorschquote zu kämpfen, können also nicht so viel Geld ausgeben. Ein Eigenanteil ist schließlich trotzdem zu stemmen. Man sollte also keine Traumschlösser bauen“, betont Kai Dunkelmann.

Auch sein Onkel, Uwe Dunkelmann, ist als Fischer in Boltenhagen tätig. Und auch er sieht den neuen Fördertopf grundsätzlich als gutes Zeichen. „So können Probleme, die in der Fischerei bestehen, womöglich angepackt werden“, hofft er. Unter anderem könnte er sich vorstellen, bestimmte Gebiete aufzufrischen, die über die Jahre runtergekommen sind. In der Vergangenheit hatte Uwe Dunkelmann, der auch eine Räucherei, einen Hofladen und ein Fischrestaurant betreibt, bereits von Zuschüssen profitiert. Über den Europäischen Fischereifonds hatte er sich im Jahr 2010 ein Solarboot angeschafft, das als Shuttle zwischen dem Ostseebad Boltenhagen und der Insel Poel pendelte. Das Boot, für dessen Investitionssumme die Hälfte subventioniert wurde, war als Projekt angelegt, bei dem ein beständiger Arbeitsplatz außerhalb des Fischereisektors geschaffen werden sollte. Doch mittlerweile ist es nicht mehr in Dunkelmanns Besitz. „Es gab viele Probleme, die Technik funktionierte nicht richtig“, erklärt er. Der Fischer habe deshalb viel privates Geld in das Solarboot stecken müssen.

Nicole Buchmann

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