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Zeitgemäßes Buhlen um Nachwuchs

Wismar/Schwerin Zeitgemäßes Buhlen um Nachwuchs

Imagefilme, Werbung auf Facebook oder dem Firmenauto: Die Unternehmen haben erkannt, dass sie neue Wege gehen müssen, um Auszubildende zu finden / Werft hat 30 neue junge Leute

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Phillip Schmidt (19, r.) ist der einzige Auszubildende in der Firma von Christian Stappenbeck in Grevesmühlen. Mit Werbung am Auto wirbt der Unternehmer für seinen Betrieb. Bewerbungen bleiben aber aus.

Wismar/Schwerin. Sophie Hammer trägt einen orangen Helm. Seit Anfang September wird sie in der Wismarer Werft zur Anlagenmechanikerin ausgebildet. „Ich wollte in den technischen Bereich und an die Küste“, erzählt die 19-Jährige aus Brandenburg. Sie ist eine von 30 Azubis, die von MV Werften in der Hansestadt eingestellt wurden. Auch an den anderen beiden Standorten Stralsund und Rostock hat die Werftengruppe jeweils 30 Azubis unter Vertrag genommen. Unternehmensweit werden nun 32 angehende Anlagen-, 29 Konstruktions- und 15 Fertigungsmechaniker angelernt sowie neun Mechatroniker und fünf Industrieelektriker. Damit hat MV Werften zum neuen Lehrjahr so viele junge Menschen dazugewonnen wie kein anderes Unternehmen im Land. Insgesamt bildet es zurzeit 194 zukünftige Fachkräfte aus: 169 Azubis in fünf Berufsrichtungen und 25 Dualstudenten der Fachrichtung Maschinenbau.

OZ-Bild

Imagefilme, Werbung auf Facebook oder dem Firmenauto: Die Unternehmen haben erkannt, dass sie neue Wege gehen müssen, um Auszubildende zu finden / Werft hat 30 neue junge Leute

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Online-Befragung

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nimmt in jedem Jahr eine sogenannte Online-Unternehmensbefragung vor. In diesem Jahr beteiligten sich deutschlandweit 10561 Unternehmen im Zeitraum vom 10. April bis 7. Mai. Der DIHK ist ein privatrechtlicher, eingetragener Verein, dessen Mitglieder im Wesentlichen die 79 deutschen Industrie- und Handelskammern sind.

Um genügend Nachwuchskräfte zu finden, hat der Werftenverbund einen neuen Imagefilm produziert und ins Internet gestellt. Außerdem hat er extra am offiziellen Begrüßungstag seiner neuen jungen Mitarbeiter Künstler Ivory Parker aus der Schweiz auftreten lassen, der für die Lehrlinge mit Musikgeräuschen begeisterte, die er nur mit seinem Mund machte.

Mit der Zeit geht auch Tobias Böse von der Kreishandwerkerschaft. Mit einer Plakatkampagne werden neue Wege beschritten. Auf Plakaten und Aufstellern klebt ein sogenannter QR-Code. Smartphone-Nutzer scannen diesen, auf dem Bildschirm erscheint der passende Mund zum Bild. Ausbilder und Azubis im ersten Lehrjahr werben für Beruf und Betrieb, andere suchen eine Lehre und werben mit ihrem Gesicht auf dem Poster und ihrem Mund auf dem Handy. „Ich weiß nicht, ob ich es an der Kampagne alleine festmachen würde, aber wir haben im Vergleich zum Vorjahr 33 Lehrverträge mehr vergeben“, rechnet Tobias Böse vor. Waren es zum 1. August 2016 insgesamt 92, zählte er in diesem August 125. Gelistet sind in der Kreishandwerkerschaft 450 Innungsbetriebe, rund die Hälfte bildet aus.

Hohe Abbrecherquote

Nicht eine Bewerbung hat Christian Stappenbeck dieses Jahr bekommen. Ein Jugendlicher interessierte sich vorab für ein Praktikum in seinem Heizungs- und Sanitärbetrieb in Grevesmühlen, erschien aber nicht. Einstellungssache? Unklare Berufsvorstellungen? Fakt ist: In Mecklenburg-Vorpommern kann jeder zweite Betrieb seine Ausbildungsplätze nicht besetzen.

Stappenbeck hat einen Auszubildenden. Phillip Schmidt ist im dritten Lehrjahr. Hat er den Abschluss im Februar in der Tasche, ist der Betrieb ohne Lehrling. Stappenbeck meint, Gründe in der Demografie, aber auch in dem Trend, zum Studium zu gehen, zu finden. „Ich habe das Gefühl, dass manche durch das Abitur geprügelt werden, um dann studieren zu gehen, obwohl sie handwerklich begabt sind. Warum das nicht nutzen und eine Ausbildung machen?“, fragt er sich. Als guter Handwerker hätten sie mitunter bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und würden, wenn sie sich qualifizieren, mitunter besser verdienen als Akademiker.

Auch die Abbrecherquote ist ein großes Problem, berichtet Tobias Böse von der Kreishandwerkerschaft Wismar-Nordwestmecklenburg. Jeder vierte Azubi im Kreis streicht die Segel, einige in der Probezeit, andere vor der Zwischen- oder Abschlussprüfung – aus gesundheitlichen Gründen, weil das Klima im Betrieb nicht stimmt oder eben die Motivation fehlt. Aber auch die, die durchhalten, haben Probleme. Angefangen bei den Berufsschulen. „Mitunter sind die Auszubildenden mehr in der Berufsschule als im Ausbildungsbetrieb. Und wenn dann ständig Stunden ausfallen, ist das verlorene Zeit“, meint Stappenbeck. Ein deutschlandweites Problem: Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag fällt besonders viel Unterricht an Berufsschulen in Sachsen-Anhalt (48 Prozent), Brandenburg (46 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (44 Prozent) aus.

Jugend weniger leistungsbereit

Viele Ausbildungsbetriebe beklagen, dass die Jugendlichen heute weniger leistungsbereit und motiviert seien. Das spiegelt auch die Umfrage des Industrie- und Handelskammertages wider. Tenor: Die Anstrengungsbereitschaft Jugendlicher sinkt. Und: Allgemeinbildende Schulen müssen ihre Bestrebungen für eine bessere Berufsorientierung intensivieren.

An Lehrstellenbörsen oder Berufsinformationsmessen mangelt es nicht, dafür setzt sich auch die Industrie- und Handelskammer zu Schwerin ein. Von September bis November sind acht geplant, darunter auch wieder in Wismar am 6. und 7. Oktober in der Reithalle. Noch nicht zu spät für die, die noch eine Ausbildung suchen.

„Noch bis Ende Oktober können Ausbildungsverträge geschlossen werden, ohne dass dies Auswirkungen auf den Prüfungsrhythmus hat“, erläutert Peter Todt, Geschäftsbereichsleiter Aus- und Weiterbildung bei der IHK Schwerin. „Nach dem 1. September melden sich fast täglich Schulabgänger ohne Ausbildungsvertrag, Interessierte an einer Zweitausbildung oder Studienabbrecher mit der Bitte um Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsvertrag.“ In der IHK-Stellenbörse Schwerin sind aktuell 652 Ausbildungsplätze im Angebot, davon 127 noch für 2017 und schon 525 für 2018. In ganz Mecklenburg-Vorpommern gibt es noch 3356 offene Ausbildungsstellen. Dem gegenüber stehen 1892 Bewerber.

Werbung: Mit der Zeit gehen

Wie nun Auszubildende gewinnen? Betriebe gehen ihren eigenen Weg. Sie wissen: Im Wettbewerb um den Fachkräftenachwuchs reicht es nicht mehr, einfach nur eine Stellenanzeige zu schalten. Imagefilme werden gedreht, Fahrzeuge mit der Info freier Stellen beklebt, Werbung auf Facebook betrieben. Mit der Zeit gehen eben. Jeder zehnte Betrieb in Deutschland, so ergab es die Umfrage des Industrie- und Handelskammertages, setzt auf materielle oder finanzielle Anreize – übertarifliche Vergütung, mehr Urlaubstage, Bonuszahlungen für gute Noten und Fitnessstudiomitgliedschaften.

Cris Boye, Azubi im Autohaus Martens, wünscht sich am Ende des Monats mehr Geld. „In der Branche wird zu wenig Lehrlingsgeld gezahlt. Ohne Berufsausbildungsbeihilfe könnte ich mir Miete und Verpflegung nicht leisten“, sagt der 19-Jährige aus Perlin. Aber auch an der Einstellung der Jugendlichen müsse sich etwas ändern, meint er. „Kaum jemand möchte noch etwas Handwerkliches machen.

Stattdessen wollen sie im Büro sitzen und viel Geld dafür bekommen“, glaubt er.

Christian Stappenbeck sieht das Locken mit mehr Geld mit gemischten Gefühlen: „Motivation hat nichts mit Geld zu tun.“ Er geht einen anderen Weg. Seinem Azubi Phillip stellte er ein Smartphone zur Verfügung, über das er auf Facebook seine beruflichen Erfolge im Unternehmen postet. „Das wird unter Jugendlichen geteilt und wirbt gleichzeitig für den Beruf“, glaubt er.

Letzter Ausweg Flüchtlinge?

Viele Ausbildungsbetriebe stellen Flüchtlinge ein. Im Bereich der Industrie- und Handelskammer Schwerin (Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim) absolvieren derzeit 227 junge Menschen aus 26 Nationen in 23 Berufen ihre Ausbildung – 99 starteten in diesem Jahr. Auch Ulrich Martens vom Grevesmühlener Autohaus denkt darüber nach, einen bestimmten Flüchtling einzustellen. „Er hat bereits ein Praktikum absolviert und sich gut gemacht.“ Einige Formalien müssten noch geklärt werden, dann könnte er im Oktober anfangen.

Jana Franke und Kerstin Schröder

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