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Wismar Reformation mit einer Freiheitsbotschaft
Mecklenburg Wismar Reformation mit einer Freiheitsbotschaft
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11:39 31.10.2018
Probst Marcus Antonioli Quelle: Foto Baarck Rostock
Wismar

Für die einen ist der Reformationstag ein wichtiger kirchlicher Feiertag, für die anderen mit Halloween die Chance auf Verkleidungen und Süßigkeiten oder nur ein gesetzlicher Feiertag zum länger Ausschlafen. Ein Interview mit Propst Marcus Antonioli, der sein Büro im Wismarer Archidiakonat hat.

Was bedeutete zu Luthers Zeiten Reformation?

Propst Marcus Antonioli: Die Reformation war eine vielschichtige Bewegung, die heute immer mit dem Namen Martin Luther in Verbindung gebracht wird. Aber es waren viele Menschen beteiligt. Es ging um die Erneuerung der Kirche und gleichzeitig um bahnbrechende Änderungen in allen Bereichen der damaligen Gesellschaft. Damals fing es mit der Frage an, was eigentlich die Quellen unseres christlichen Glaubens sind. Luther hat gesagt: „Allein der Glaube, allein aus Gnade, allein die Schrift, allein Christus.“ Damit hat er die Grundlagen des Glaubens neu fokussiert. Das war eine so große Umkehr, dass es auch das Machtgefüge der damaligen Zeit hinterfragt hat.

Die Reformation war also nicht nur eine kirchliche Bewegung?

Die Reformation war etwas, was alle Menschen interessiert hat. Es hingen grundsätzliche Fragen dran. Das Grundverständnis der damaligen Zeit, wie die Gesellschaft sich versteht, wurde hinterfragt.

Was hat Luther dazu beigetragen?

Es gab auch vor Luther andere, die die Kirche reformieren wollten. Aber Luthers 95 Thesen haben eingeschlagen wie eine Bombe. Dazu kam die Erfindung des Buchdrucks. Die Thesen waren erst auf Latein verfasst und wurden dann ins Deutsche übersetzt, so dass sie sich wie ein Lauffeuer im deutschsprachigen Raum verbreiteten. Jeder auf der Straße konnte so mitdiskutieren. Das war eine Volksbewegung und nicht mehr nur ein Thema für die Gelehrten.

Was war die große Glaubensbotschaft der Reformation damals?

Jeder wollte wissen, wie ist das zwischen Gott und mir? Muss ich mir den Himmel verdienen? Kann ich mir und meinen Lieben den Himmel kaufen? Der damalige Mensch hat in Angst vor den Höllenqualen gelebt. Und dann kommt einer und sagt, Gott schenkt uns all das. Er ist ein barmherziger Gott. Das war eine Freiheitsbotschaft. Auf einmal war der Glaube keine Angstbotschaft mehr. Denn dieser liebende Gott hat etwas Gutes mit dem Menschen im Sinn. Es ist kein Zufall, dass danach das Geschäft mit dem Ablasshandel nicht mehr lief. Die Sicht auf Gott und den Menschen hat sich verändert, nach der Reformation war die Welt nicht mehr die gleiche wie davor.

Und was bedeutet der Reformationstag 2018 für Menschen, Kirche und Glauben?

Reformation heißt Erneuerung. Es gibt kein Recht auf Nichtveränderung. Das gilt insbesondere für uns als Kirche. Auch wir sind in einem großen Veränderungsprozess. Die Kirche muss sich in einigen Dingen kritisch hinterfragen lassen, wenn ich zum Beispiel an die Missbrauchsvorfälle in der Kirche denke.

Kirche muss sich stets erneuern. Jede Generation muss sich aufs Neue fragen, was Kirche ist. Was hat Gott mit uns vor? Wie kann eine gerechtere Gesellschaft aussehen und was kann ich dazu beitragen? Ganz grundsätzlich: Was heißt es heute, sinnvoll zu leben? Der Reformationstag ist eine gute Erinnerung an die Notwendigkeit zur Erneuerung.

Wie kann man diesem Erneuerungsgedanken heute im Alltag begegnen?

Luther hatte damals die Frage nach dem gnädigen Gott gestellt. Kann ich nur mit guten Werken vor Gott bestehen? Luther sagte damals nein, Gott erkenne immer, dass wir seine Kinder sind, unabhängig von diesen Werken.

Heute haben wir den ersten Artikel unseres Grundgesetzes – die Würde des Menschen ist unantastbar. Was ist der Mensch danach? Er ist nicht nur seine Leistung, er ist nicht nur sein Bildungsabschluss oder das, was er besitzt. Sondern zuallererst ist er das Kostbarste, was er sein kann. Er ist Mensch. Wie muss eine Gesellschaft, wie muss die Kirche aussehen, die genau das einlöst?

Den Reformationstag würde ich nicht so sehr als Erinnerung an das historische Ereignis verstehen, sondern als einen Impuls für uns alle. Gibt es jetzt Menschen, die nicht Anteil haben an dieser Würde im Grundgesetz, an diesem Ebenbild Gottes und der bedingungslosen Liebe? Wir als Kirche sagen heute nein zu allem rassistischen Gedankengut oder zu einem Denken, welches die Menschen allein nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einteilt. Wir stehen heute für die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Oder wenn es um Menschen geht, die gleichgeschlechtliche orientiert sind – meine ich, dass wir niemanden ausschließen dürfen, indem wir definieren, was es geben darf und was nicht. Wenn wir uns auf einen Gott der Liebe einlassen, dann ermöglicht dies eine riesige Freiheit. Dieser Gott traut uns eine Menge zu. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass jeder Mensch Verantwortung übernimmt, damit diese Freiheit nicht nur ein theoretischer Anspruch ist, sondern tatsächlich eingelöst wird.

Dann sind die Fragen von damals immer noch genauso aktuell und spannend wie heute?

Mit anderen Vorzeichen – das sind immer noch Grundsatzfragen. Jeder Mensch sucht einen Sinn, sucht Freiheit und bedingungslose Annahme. Damals wurden die Menschen getrieben von der Sehnsucht nach einem gnädigen Gott. Sie wollten wissen, dass Gott etwas Gutes mit ihnen vorhat. Heute sehnen sich viele Menschen nach einem Leben, in dem sie richtig sind. Der Mensch sucht nach einem Sinn. Und wir dürfen es als Christen weitersagen: Du musst dir deinen Sinn nicht selber verdienen, du kannst ihn dir schenken lassen. Das eröffnet eine große Freiheit. Möchte nicht jeder Mensch frei sein? Was heißt das aber im Verhältnis zueinander? Wo ist die Grenze der Freiheit des Einzelnen? Ich meine, Verantwortung für andere zu übernehmen ist die Krönung dieser Freiheit! Und ich kann sie besser übernehmen, wenn ich am Ende darauf vertraue, dass da noch etwas ist, was größer ist als ich.

Freiheit – habe ich dann auch die Freiheit, am Reformationstag Halloween zu feiern?

Jeder freie Tag kann von jedem gestaltet werden, wie er es mag. Auch mit Halloween habe ich kein Problem, aber auch der Hintergrund ist ein Theologischer. Luther schlug seine Thesen am Vorabend von Allerseelen an, Halloween ist dieser Vorabend von Allerseelen. Zum Glück gruseln wir uns heute nur noch zum Spaß!

Wie wird in Wismar der Reformationstag gefeiert?

Die Kirchgemeinden feiern zusammen um 11 Uhr einen ökumenischen Gottesdienst in der Heilig-Geist-Kirche. Und auch das ist etwas Besonderes – die Reformation ist kein Feiern gegen jemanden, sondern Katholiken und Protestanten feiern gemeinsam einen Gottesdienst, denn es verbindet uns so vieles!

Was ist ein Probst?

Propst Marcus Antonioli begleitet die gut 50 Pastoren zwischen Dassow und Neubukow, Schwerin und Wismar seelsorgerlich und als Vorgesetzter. Er ist Ansprechpartner für die Gemeinden, Begleiter bei den derzeitigen Strukturveränderungen oder hilft bei Konflikten in den Gemeinden.

Zur Propstei Wismar im Kirchenkreis Mecklenburg gehören rund 46.500 Kirchenmitglieder. Im Wismarer Büro im Archidiakonat ist der Propst jedoch selten anzutreffen. Nach 20 Jahren als Gemeindepastor sagt er augenzwinkernd: „Ich bin vom Pfarrdienst in den Fahrdienst gewechselt.“

Buch zur Wismarer Reformation

Personen – Orte – Objekte: die Spuren der Reformation sind auch in Wismar zu finden. Dr. Anja Rasche (promovierte Kunsthistorikerin und Historikerin) und Dr. Nils Jörn (Stadtarchivar, Historiker) haben die Ergebnisse ihrer Spurensuche in einem prächtigen Bildband veröffentlicht.

Welche vorreformatorische Ausstattungsstücke in den Wismarer Kirchen sind erhalten, ein Wismarer Ablassbrief, der Armenkasten in St. Nikolai oder der Beichtstuhl in der Heilig-Geist-Kirche oder wieso Wismar bis 2021 sein eigenes Reformationsjubiläum feiern müsste und könnte –das sind nur einige der spannenden Fragen im Buch. Das gibt es im gut sortierten Wismarer Buchhandel und direkt im Stadtarchiv.

Nicole Hollatz

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