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Wismarer demonstrierten, Spitzel ließen Akten brennen

Wismar Wismarer demonstrierten, Spitzel ließen Akten brennen

Mitarbeiter der Staatssicherheit überwachten und denunzierten auf der Werft, im Hafen, in der Ingenieurschule, in der Erweiterten Oberschule, in kirchlichen Gruppen

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„Freiheit für das Volk“ war eine der Forderungen am 7. November 1989 auf dem Wismarer Marktplatz, als 50000 Menschen dort demonstriert hatten.

Quelle: Fotos: Archiv, Norbert Wiaterek

Wismar. Als im Herbst 1989 auch in Wismar immer mehr Menschen an Demonstrationen teilnahmen und ihren Unmut über die Zustände in der DDR artikulierten, war die Staatssicherheit nicht untätig. Spitzel ließen ihre Fotoapparate klicken und versuchten, die friedlichen Proteste zu stören. Vor allem aber waren die Stasi-Mitarbeiter mit dem Beseitigen von belastenden Unterlagen beschäftigt. „Die Papiermühle Wismar spielte bei der Aktenvernichtung im Bezirk Rostock eine große Rolle“, erklärte Dr. Volker Höffer. Der Leiter der Außenstelle Rostock der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) und sein Mitarbeiter Dr. Michael Heinz waren am Donnerstagabend im Wismarer Zeughaus zu Gast.

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Mitarbeiter der Staatssicherheit überwachten und denunzierten auf der Werft, im Hafen, in der Ingenieurschule, in der Erweiterten Oberschule, in kirchlichen Gruppen

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Etwa 130 Gäste erlebten einen informationsreichen Vortrag mit dem Titel „Wismar geheim. Stasi-Stadtgeschichte(n)“. Michael Heinz spannte den Bogen von der „Freiheitsarmee“ aus den frühen 50er-Jahren bis zum „Ökumenischen Zentrum Umwelt“, das seit den 80er-Jahren zu den wichtigsten Orten der Opposition im Norden der DDR gehörte, und die friedlichen Proteste Ende 1989. „Leider weist die Aktenlage in Wismar große Lücken auf“, erklärte der Sachgebietsleiter Forschungs- und Medienanträge sowie politische Bildung. Im Vergleich mit anderen Ostseeregionen gebe es aus Wismar wenig erhaltene Stasi-Unterlagen. „Nur 7,2 laufende Meter. Das heißt nicht, dass hier weniger spioniert und gesammelt wurde, sondern dass das MfS, das Ministerium für Staatssicherheit, in den letzten Tagen seiner Existenz in Wismar fleißig Akten vernichtet hat.“

Deutlich wird dennoch: Der Arm der Stasi, „Schild und Schwert der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“, reichte in viele Lebensbereiche der Wismarer. Offizielle und inoffizielle Mitarbeiter (IM) überwachten und denunzierten auf der Mathias-Thesen-Werft, im Hafen, in der Ingenieurschule, in der Erweiterten Oberschule, in kirchlichen Gruppen. Wer ins Netz der Stasi geriet, musste mit Anweisungen, einer Verhaftung und einer Verurteilung rechnen, nicht selten auch mit Arbeitslager in Sibirien oder dem Tod. Michael Heinz nannte Beispiele und zeigte Fotos auf einer großen Leinwand:

Richard Wendt, der Spionage verdächtigt, der Student Alfred Nätke, der zur militanten und antikommunistischen Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit gehört haben soll, und weitere Wismarer wurden in den 50er-Jahren in Moskau hingerichtet. Der Wismarer Pastor Robert Lansemann, der Vertriebenen und Flüchtlingen half und Informationen über Angehörige an den Suchdienst des Roten Kreuzes weiterleitete, starb vermutlich nach Medikamentenentzug 1951 im Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes NKWD in Schwerin.

Das MfS, die Kreisdienststelle befand sich in der Dr.-Leber-Straße, war laut Michael Heinz in der Stadt und im Kreis Wismar für rund 90000 Menschen verantwortlich. Acht konspirative Objekte, von außen als solche nicht erkennbar, soll es in Wismar gegeben haben. Dazu weitere Liegenschaften und Treffpunkte, beispielsweise 17 „konspirative Wohnungen“. „1989 arbeiteten in Wismar 53 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter“, so der Historiker aus Kröpelin. Dazu müsse eine große Zahl an inoffiziellen Mitarbeitern gerechnet werden.

Eine Reise des Hamburger Bürgermeisters Henning Voscherau (1941 bis 2016) im Jahr 1989 nach Wismar hatte die Stasi minutiös dokumentiert – von der Einreise in die DDR über das Parken an der Wasserkunst bis zum Strandspaziergang in Wendorf. Auf der Werft überprüften die Spitzel nicht nur die Einhaltung der Arbeitsnormen, sondern auch Streikende, Havarien und die Lagerung von Materialien.

Auf das „Ökumenische Zentrum Umwelt“ mit einer Bibliothek in einem Keller in der Bliedenstraße hatte die Stasi 18 inoffizielle Mitarbeiter angesetzt und bis August 1989 eine „Konzeption zur Zerschlagung“ erarbeitet. Ausreisewillige, „Republikflüchtlinge“ und Zeugen Jehovas wurden eingesperrt.

Nach dem Vortrag nutzten viele Zeughaus-Besucher die Chance, Fragen zu stellen. Einige äußerten den Wunsch, die Namen der inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi zu erfahren. Hier lobte Volker Höffer richterliche Entscheidungen, dies nicht zu gestatten. „IM war nicht gleich IM. Es gab unterschiedliche Anwerbungsversuche. Einige wurden unter Druck gesetzt und erpresst, andere waren aus Karrieregründen dabei oder wollten Abenteuer erleben. Es gab auch menschliche Schweine, die Spaß daran hatten, ihre Mitmenschen und sogar Freunde und Angehörige zu verpfeifen. Und es gab gefälschte IM-Akten. Man kann also nicht alle Stasi-Leute über einen Kamm scheren“, so Höffer. „Nach der Wende haben Stasi-Leute schnell die Marktwirtschaft begriffen und ihre politischen Kontakte bedient.“

Höffers Schlusswort: „Menschenrechte, wie wir sie heute kennen, fallen nicht vom Himmel, sondern müssen hart erarbeitet werden.“

Norbert Wiaterek

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