Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Wo Schüler ihren Lehrer „Onkel Rudi“ nannten

Wismar Wo Schüler ihren Lehrer „Onkel Rudi“ nannten

Dr. Rudolf Kleiminger leitete Große Stadtschule / Er gründete die Altschülerschaft / Seine Geschichte der Schule ist Standardwerk

Voriger Artikel
Runde um Runde laufen und Geld sammeln
Nächster Artikel
Was heute in MV wichtig wird

Der Lehrer Dr. Rudolf Kleiminger im Mathematikunterricht an der Großen Stadtschule. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1940.

Quelle: Fotos: Stadtarchiv Wismar

Wismar. Am 19. August 1967 starb Dr. phil. Rudolf Kleiminger in seinem Haus am Fritz-Reuter-Platz 3 in Wismar. Er war Lehrer und Direktor an der Großen Stadtschule sowie geachteter Heimatforscher. Seine Schüler verehrten ihn. „Onkel Rudi“ hieß er bei ihnen, die Altschüler nennen ihn noch heute so.

Serie

Kalenderblatt

Rudolf Kleiminger wurde am 19. November 1884 in Neustadt/Elde als Sohn eines Pastors geboren. Die Familie zog 1888 nach Teterow, wo Rudolf die Schule besuchte und danach aufs Friderico-Francisceum in Doberan wechselte. Hier erhielt er eine humanistische Bildung und machte 1903 das Abitur. Danach studierte er Mathematik, Physik, Zoologie und Botanik zunächst an der Universität in Tübingen, ab 1904 in Halle und ab 1905 in Rostock. Hier promovierte er  1906 mit der Dissertation „Über die innere Energie des Isopentans“ zum Dr. phil. 1907 legte Kleiminger sein Staatsexamen mit Lehrbefähigung ab und leistete bis 1908 seinen Wehrdienst.

Nach Probejahren für den höheren Schuldienst in Güstrow und Parchim ging Kleiminger 1910 an das Realgymnasium in Schwerin, wo er bis 1924 Mathematik lehrte. Das Schweriner Unterrichtsministerium holte ihn 1921 für ein halbes Jahr als wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Am 1. April 1924 wurde Dr. Rudolf Kleiminger als Studiendirektor an die Große Stadtschule in Wismar berufen. Er wird sich als Glücksfall für die Schule in aufkommender schwerer Zeit erweisen.

Der mittlerweile erfahrene Pädagoge begann in Wismar äußerst zurückhaltend die 1923 verstaatliche Große Stadtschule neu zu ordnen und nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Das war notwendig, da das damalige Lehrerkollegium einen beachtlichen Altersdurchschnitt hatte. Trotzdem erreichte er durch Beharrlichkeit, die Sammlungen der Schule neu zu ordnen, den Unterrichtsablauf zu gestalten und die dringende bauliche Erweiterung voranzutreiben. Statt des geplanten neuen Gymnasiums kam am bestehenden Schulhaus ein Anbau hinzu.

Schon vor 1933 begann die NSDAP auf den Schulbetrieb Einfluss zunehmen, was Kleiminger gut zu verhindern wusste. Doch ab dem 8. März waren die Nazis mit dem damaligen Kreisleiter Alfred Pleuger an der Macht und dieser setzte die vorgegebene Parteilinie voll durch.

Am 17. Mai 1933 gründet Kleiminger mit ehemaligen Schülern die „Altschülerschaft der Großen Stadtschule“ im Haus der Wismarer Kaufmannscompagnie mit dem Ziel, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Vereinsmitglieder zu stärken und in Wahrung der humanistischen Tradition der Lehranstalt eine Gegenkraft zum Nationalsozialismus zu bilden. Der freiwillige Verbund aller ehemaligen Schüler besteht bis heute.

Zum Gedenken an den ehemaligen Schulleiter wird seit einigen Jahren an der Schule der „Dr.-Kleiminger-Preis“ für herausragende Leistungen an Schüler verliehen.

Rudolf Kleiminger hat nachweislich in der Nazizeit versucht, diese Ideologie von seinen Schülern fernzuhalten. Er hatte zu ihnen einen wunderbaren Kontakt, was sich an den zweimal jährlich bis heute herausgegebenen Altschülerheften zeigt. Er trauerte mit den Eltern, deren Kinder, seine Schüler, zu Tode kamen. Er wusste, wovon er redete, denn das Ehepaar Kleiminger hatte drei Söhne, wovon zwei an der Front fielen. Noch im Frühjahr 1945 schickte er das letzte Altschülerheft, notdürftig auf einer Vervielfältigungsmaschine bei Dornier gedruckt, an seine Schüler an die Front. Nicht um Durchhalteparolen zu verkünden, sondern um ihnen mit einem Gruß aus der Heimat Freude und Trost in schwerer Zeit zu bereiten.

Es muss für ihn sehr schmerzlich gewesen sein, als er am 1. September 1945 wegen seiner nachgewiesenen Anwartschaft auf eine NSDAP-Mitgliedschaft, die er als Schutz brauchte, aus dem Direktorenamt und am 6. Januar 1946 aus dem Schuldienst entlassen wurde. Fortan widmete er sich ganz seinen heimatgeschichtlichen Forschungen. Er hatte schon ab 1934 Werke über das Heiligen-Geist-Hospital, das Graue und das Schwarze Kloster, die zur Wismarer Standardliteratur über die Stadtgeschichte gehören, verfasst. Nach 1946 arbeitete er an einer umfassenden Geschichte zur Großen Stadtschule, die sein Hauptwerk werden sollte. Die Zeit des Nationalsozialismus an der Schule wird von ihm akribisch dokumentiert, genauso wie die gefallenen Schüler im letzten Krieg.

Kleiminger war Mitautor der Festschrift zur 725-Jahr-Feier Wismars 1954. Die Stadt war seine Heimat geworden. Vor seinem Tod 1967 übergab Dr. Kleiminger dem in Kiel tätigen Gymnasialdirektor Joachim Grehn das 1200 Seiten eng beschriebene Manuskript, mit der Bitte, dies für eine spätere Veröffentlichung in Sicherheit zu bringen. 1991 kam die Altschülerschaft dieser Bitte von „Onkel Rudi“

nach: Ein nachgefragtes geschichtliches Standardwerk zu einer der ältesten Schulen in Mecklenburg, liegt nun gebunden vor. Die Große Stadtschule wird 1948 in Geschwister-Scholl-Oberschule umbenannt und erhält 1991 den Kompromissnamen Große Stadtschule – Geschwister-Scholl-Gymnasium.

Was sonst noch geschah

19. August 1993: Der Schwedenstein von 1903 wird in der Straße Am Schwedenstein aufgestellt und eingeweiht

19. August 1997: Die zwei Kanonen aus dem schwedischen Landskrona werden vor dem Stadthaus aufgestellt – auf Initiative des Lions Club Wismar und Heinz-Jürgen Sturbeck.

20. August 1826: Anton Haupt wird mit 26 Jahren Wismars Bürgermeister.

20. August 1828: Im Welt-Erbe-Haus, der ehemaligen Kaufmanns-Compagnie, übergibt der Tapezierer Hermann Fölker (laut Inschrift) im Haus des Bürgermeisters Gabriel Lembcke den Tapetensaal mit der Panoramatapete.

20. August 1954: Die Wilhelmstraße wird in Claus-Jesup-Straße umbenannt.

20. August 2000: Der erste Schwedenlauf mit 70 Läufern findet während des ersten Schwedenfestes statt.

23. August 1934: Alle städtischen Beamten werden auf Adolf Hitler vereidigt.

24. August 2006: Die Teilstrecke der Autobahn 14 zwischen Wismar und Jesendorf wird für den Verkehr freigegeben. Am 21. Dezember 2009 ist die gesamte Strecke bis Schwerin fertig.

Detlef Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wismar
Verlagshaus Wismar

Mecklenburger Straße 28
23966 Wismar

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag 10.00-17.00 Uhr
Freitag 10.00-16.00 Uhr

Leiterin Lokalredaktion: Kerstin Schröder
E-Mail: wismar@ostsee-zeitung.de
Telefon: 0 38 41 / 415 65

Ticket- und Anzeigenverkauf: 03841 / 41550.

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.