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Wismar Zeitreise und Spurensuche

Amerikanische Nachfahren der jüdischen Kaufmannsfamilie Karseboom zu Gast in Wismar

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Spurensuche im Wismarer Stadtarchiv: Ethan und Victoria Hertz (Bildmitte) im Gespräch mit Falk Bersch, Gerd Giese und Dr. Florian Ostrop von der Projektgruppe Stolpersteine.

Wismar. „Ich möchte verstehen“, beschreibt Ethan Hertz das, was ihn antreibt. Verstehen, was eigentlich nicht verständlich, nicht nachvollziehbar ist. Mit seine Frau Victoria hat er eine weite Reise von North Carolina (USA) nach Hamburg und Wismar gewagt, um sich auf die Spuren seiner Familie zu begeben. Falk Bersch, Gerd Giese und Dr. Florian Ostrop von der Wismarer Stolpersteingruppe empfingen die Familie in der Hansestadt und ermöglichten mit dem, was Falk Bersch in monatelanger Recherchearbeit über die Familie heraus gefunden hat, eine Spurensuche.

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Amerikanische Nachfahren der jüdischen Kaufmannsfamilie Karseboom zu Gast in Wismar

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Angesehene Wismarer Kaufleute

„Meine Mutter ist in Wismar geboren“, erzählt Ethan Hertz von Ingrid Alice Karseboom, geboren 1928 als Tochter von Friedrich und Lucie Karseboom. Friedrich (genannt Fritz) Karseboom war wie sein Vater Alfred ein bekannter Wismarer, das „Kaufhaus Friedrich Karseboom“ direkt hinter dem Rathaus war eine gute Adresse und das größte jüdische Kaufhaus in der Region. Adolf Karseboom hatte 1908 das Kaufhaus in Wismar übernommen, war zeitweise im Stadtparlament und, wie es in der Todesanzeige vom 27. Oktober 1926 steht, eine „geachtete Persönlichkeit“. Ein Jahr vor Adolf Karsebooms Tod übernahm Friedrich die Geschäfte.

Vieles weiß Ethan Hertz aus den Erzählungen der Mutter, anderes nun dank der Akten aus dem Wismarer und Hamburger Archiv, dank der Recherchearbeit von Falk Bersch und den Übersetzungen ins Englische.

„Meine Mutter hat so viel von Wismar erzählt, ich wollte sehen, ob es hier noch Spuren gibt“, erzählt der US-Amerikaner.

In den gebundenen Ausgaben des Mecklenburger Tageblatts lassen sich viele finden. Angefangen mit den Werbeanzeigen des Kaufhauses Karseboom. „Die Wismarer sind dort gerne hingegangen“, weiß Falk Bersch aus seinen Recherchen.

Nach 1933: Pranger und SA-Soldaten vor dem Geschäft

„Für mich ist es schwer vorstellbar, dass jemand, nur weil er eine andere Religion als der derzeitige Machthaber ausübt, so behandelt wird“, fasst Ethan Hertz das, was seine Familie danach in Wismar und Hamburg erlebte, zusammen.

1935 wurde der Pranger („Kaak“) auf dem Wismarer Marktplatz eingeweiht, im Mecklenburger Tageblatt erschien ein Schmähgedicht ohne Namensnennung: „Wer will den neuen Kaak zieren?“ Angesprochen fühlen sollten sich die Menschen, die im Kaufhaus Karseboom einkauften. Falk Bersch: „Vor dem Kaufhaus standen SA-Leute und haben genau geguckt, wer ins Geschäft geht, und haben die Menschen angesprochen.“

Die Menschen, die dort trotzdem einkauften, wurden von Sozialleistungen ausgeschlossen.

1935 dann die nächsten Anzeige im Mecklenburger Tageblatt: „Die Fa. Friedrich Karseboom in arischen Besitz übergegangen“. Historiker Florian Ostrop: „Das Kaufhaus musste weit unter Wert verkauft werden.“ Allerdings mit der optimistischen Option, die Geschäfte weiter zu führen, sobald die Situation in Deutschland das zuließe. Falk Bersch: „Im Adressbuch der Seestadt Wismar 1934 findet sich letztmalig ein Eintrag zu Karsebooms, 1937 taucht der Name im Adressbuch nicht mehr auf.“ In der Villa der Familie am Vogelsang wohnt Ernst Wessel, der Direktor der Waggonfabrik.

Zelte in Wismar abgebrochen

Schon 1933 oder 1934 zog die Familie nach Hamburg, versuchte dort, sich eine neue Existenz aufzubauen. Erfolglos. „Sie hofften, dass sich die Lage in Deutschland wieder bessert“, erzählt Ethan Hertz aus der Familiengeschichte. 1937 zog die Familie nach Palästina. „Meine Mutter war neun Jahre alt damals“, erzählt der 1953 geborene Ethan Hertz. 1956 immigrierte die Familie in die USA.

Deportiert nach Theresienstadt

Die 71-Jährige Frieda Karseboom verblieb einzig in Hamburg, sie pflegte ihre diphtheriekranke Nichte und wollte Deutschland nicht verlassen. Ab 1941 musste sie den Judenstern tragen, am 15. Juli 1942 wurde sie mit weiteren Familienmitgliedern nach Theresienstadt deportiert, am 21. November 1942 starb sie dort (angegebene Todesursache Lungentuberkulose). Die Todesanzeige führte zu Selbstmordversuchen von Lucie Karseboom, Friedas Tochter in Palästina/ Israel – sie hatte Schuldgefühle, nicht alles unternommen zu haben, um die Mutter zur Flucht zu bewegen. Ethan Hertz: „Mein Großvater ist in den 1950er Jahren zurück nach Hamburg gezogen. Das konnte ich nicht verstehen, er ging zurück in ein Land, das seine Mutter und seine Tante ermordet hat!“ Er ist dankbar, trotzdem.

„Fast die ganze Familie hat überlebt. Andere hatten nicht so ein Glück.“ Ethan Hertz kennt nur die schönen Erzählungen seiner Mutter aus Wismar.

Stolperstein für die Familie

In Hamburg erinnert ein Stolperstein an die Familie, auch die Wismarer Stolpersteingruppe plant, mit Stolpersteinen vor dem Kaufhaus an die bedeutende Wismarer Kaufmannsfamilie und ihr Schicksal zu erinnern.

CHRONIK

Im Jahre 1908 hatte Adolf Karseboom das direkt hinter dem Wismarer Rathaus gelegene Kaufhaus übernommen. 1926 starb Adolf Karseboom. Ein Jahr zuvor hatte Friedrich Karseboom die Geschäfte übernommen.

1935 musste das Kaufhaus weit unter Wert verkauft werden. Die Familie war ein Jahr bzw. zwei Jahre zuvor nach Hamburg gezogen.

1937 zog die Familie dann nach Palästina,

in den 1950er-Jahren schließlich in die USA.

Nicole Hollatz

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