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Bildergalerien Das Geheimnis der grünen Gräten
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15:47 25.05.2018
Fischer Ralph Krehl fängt im Strelasund Hornfische. Quelle: Stefan Sauer
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Stahlbrode

„Der Wind kommt heute von da, gestern kam er von da.“ Mit einer 90-Grad-Wende seines Armes und einem schelmischen Grinsen zeigt Fischer Ralph Krehl nach Norden und Osten, nimmt einen Schluck Kaffee aus dem Pott – natürlich türkisch aufgebrüht – und startet Kutter „Maria“.

Den Hornfisch, der derzeit in Vorpommern gefangen wird, umwittert wegen seiner Grätenfärbung und seines martialischen Aussehens etwas Mystisches.

6 Uhr morgens: Krehl geht vom Hafen Stahlbrode auf Hornfisch-Fang. Im Strelasund nahe des Rügener Ufers stehen seit dem Vortag drei Reihen Stellnetze, jeweils 150 Meter lang, die es einzuholen gilt.

Alulatten und Arbeiteraale

Kollegen von Krehl nennen die skurril aussehenden Fische „Alulatten“ oder „Arbeiteraale“. Alte Fischer erzählen, Gott habe etwas zu viel getrunken, als er die Hornfische erschuf. Anders – so die Legende – lasse sich die ungewöhnliche blau-grüne Färbung der Gräten nicht erklären. Fischer Ralph Krehl bleibt eher nüchtern: „Hornfisch ist Hornfisch“, sagt Krehl und nimmt Kurs auf die Netze.

Jedes Frühjahr wandert der silbrig glänzende Schwimmer mit dem langen spitzen Maul in kleineren Schwärmen in die küstennahen Gewässer, um hier abzulaichen. Auf dem Höhepunkt der Saison sehe man die Fische sogar aus dem Wasser springen, berichtet der 52-Jährige. Krehl ist zufrieden mit dem Verlauf der Saison. Es sind die letzten Tage, bevor der an einen Marlin erinnernde Fisch wieder so schlagartig verschwindet, wie er vor vier Wochen aufgetaucht war.

Hornhecht für Forschung uninteressant

Der Hornfisch (Belone belone) – auch Hornhecht genannt – ist eine Rarität, ihn umwittert wegen seiner Grätenfärbung und seines martialischen Aussehens etwas Geheimnisvolles. Auch die Forschung weiß bislang wenig über die Wanderungswege und Bestände. „Hornhechte gehören zu den Top-Prädatoren“, sagt der Fischereibiologe Uwe Krumme vom Thünen-Institut für Ostseefischerei. Für die Forschung sei der Hornhecht bislang eher uninteressant, weil er nicht zu den großen kommerziell genutzten Arten gehöre, nur vier Wochen in den Küstengewässern stehe und der Bestand stabil zu sein scheine. Hornfische fressen Heringsartige, Sprotten, Stichlinge. Die Jungtiere gingen noch in den Laichgebieten auf Jagd nach Insekten und der Brut anderer Fischarten. Trotzdem hat der Fischjäger offenbar keinen bestandsändernden Einfluss auf andere Arten, wie Krumme sagt.

Eine regionale Delikatesse

Für Fischer wie Krehl ist der Hornfisch eine Art „Trittbrettfisch“ zwischen dem Ende der alles dominierenden Heringssaison und dem Flunder-Fang, der Ende Mai beginnt. An guten Tagen, berichtet er, hole er 10 bis 15 Kisten aus dem Wasser. Die langen, kräftigen „Latten“ werden geräuchert, die kleineren gehen „grün“ über die Theke – für zwei Euro das Stück. Im Gegensatz zum Hering liefert die Fischereigenossenschaft in Stahlbrode das Spitzmaul nicht an den Großhandel. „Die Leute hier sind verrückt nach dem Hornfisch“, sagt Krehl. Aus der Nische einer regionalen Delikatesse hat es der Hornfisch nicht geschafft – wahrscheinlich, weil er eben nicht synchron mit den Urlaubern an die Ostseeküste strömt.

Fischer Krehl hat mit seinem Kutter inzwischen die Stellplätze erreicht. Sein Gehilfe Silvio Groß zieht den „Bogen“, die erste Stange, aus dem Wasser, legt die Leine über den Netzholer und schaltet den Motor an. Langsam zieht sich das Stellnetz über die Rolle. Möwen kreisen über den Kutter in Erwartung einer fetten Beute. Plötzen hängen im Netz mal ein Hering, dann die ersten Hornfische.

Kein Ausgleich bei Robbenschäden

Etwa jedes zehnte Exemplar ist angefressen oder es baumelt nur noch der obere Fischteil im Netz. „So sehen Robbenschäden aus“, sagt Krehl verbittert und befördert die Reste zurück ins Wasser. Die wachsende Zahl der Robben macht den Fischern zunehmend das Leben schwer. „Früher kannten wir das gar nicht.“ Das Landesumweltministerium sperrt sich bislang gegen Ausgleichzahlungen oder Entschädigungen, wie von den Fischern gewünscht.

Silvio Groß, der zweite Mann an Bord, säubert noch auf dem Kutter die Prachtexemplare, die später im Räucherofen landen werden. Eine Kiste Hornfisch – das ist die magere Ausbeute an diesem Tag. In wenigen Tagen geht's mit der Flunder weiter.

Darum haben Hornfische gefärbte Gräten

Für die grüne Färbung der Hornfisch-Gräten sorgt das Farbpigment Biliverdin, ein grünes Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin. Weltweit haben nur ganz wenige Fische blau-grüne Gräten, neben dem in Ostsee, Nordsee und Mittelmeer beheimateten Hornfisch auch einige Thunfischarten.Beim Abbau des Blutfarbstoffes während des Erhitzens entsteht zunächst Biliverdin, das dann zu Bilirubin abgebaut wird – ein Prozess, den Menschen bei einem blauen Fleck beobachten.Forschern der Tierärztlichen Hochschule in Hannover gelang es vor einigen Jahren erstmals, das Farbpigment in Proben in Hornhechten und in Aaalmuttern nachzuweisen. Das Farbpigment Biliverdin färbt übrigens auch die Eier des Großvogels Emu grün.

Martina Rathke

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