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Bildergalerien Unterwegs mit der Greifswalder Müllabfuhr
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15:55 23.03.2018
Ulf Buths und Michael Groth sind Müllmänner in Greifswald. Quelle: Philip Schülermann
Greifswald

Michael Groth hat den Lkw noch nicht mal zum Stehen gebracht, da springt Ulf Buths schon ab. Hinten, am Heck des tonnenschweren orangefarbenen Müllwagens, fährt er mit, um dann schnell von Tonne zu Tonne zu gelangen. Mit Schwung zieht er sie auf Verschlägen und hinter Stahl Türen hervor, hängt sie ein, leert sie aus. Die beiden Müllwerker sind ein eingespieltes Team. Seit Jahren sind sie gemeinsam in Greifswald unterwegs. Jeder Handgriff sitzt. Ein Knochenjob.

Michael Groth und Ulf Buths sind seit mehr als 20 Jahren Müllmänner in der Hansestadt. Täglich bewegen sie bis zu 28 Tonnen Abfall - ein Knochenjob.

Abfahrt um 6 Uhr morgens

Es wird gerade erst hell, da stehen Groth und Buths bereits mit laufendem Motor auf dem Gelände der Entsorgungsgesellschaft Vorpommern-Greifswald (EGVG). Es ist 6 Uhr in der Früh. Und nach und nach verlassen Müllwagen den Hof am Ende des Gewerbegebiets Eckhardsberg. Für Michael Groth und Ulf Buths geht es an diesem Morgen in Richtung Uni-Campus und Ostseeviertel. Das ist ihre erste Tour, danach ist Pause. Zwei weitere werden sie an diesem Tag noch fahren, Hausmüll und Altpapier abholen. Man gewöhne sich an die Uhrzeit, sagen sie. Für Michael Groth, einem hageren Mann, 60 Jahre alt und stolzer Großvater, ist sie ein Pluspunkt des Jobs bei der Müllabfuhr. „Wir haben geregelte Arbeitszeiten.“ 6 bis 14.45 Uhr, inklusive Frühstücks- und Mittagspausen. „Die Zeit vergeht schnell, das ist gut“, findet Groth.

„Bekommt Gefühl dafür“

Ulf Buths streift sich die Handschuhe über und klettert rückwärts aus dem Lkw. Längere Strecken legt der gut gelaunte Mann mit Schnäuzer und Wollmütze zusammen mit Groth im Führerhaus zurück. Denn es ist kalt an diesem Morgen, die Haltegriffe am Heck sind aus Stahl, da bekommt man schnell kalte Finger. „Das schlimmste ist Regen“, sagt Buths (53). Schnee könne man zumindest abklopfen, dafür strengt die Arbeit bei Frost mehr an: Container frieren fest, rollen schlechter im Schnee, es ist rutschig. Diesen Dienst begleiten Sonnenschein und Temperaturen über null Grad. Vier Tonnen zerren Buths und Groth zum Wagen, hängen sie ein und drücken den Knopf, der die Behälter in die Luft steigen lässt und der Abfall so in den Laderaum fällt. Manchmal reicht das nicht. Dann müssen sie die Tonnen etwas schütteln, um sie zu entleeren. Woher weiß man, dass kein Müll mehr drin ist? „Man bekommt ein Gefühl dafür“, sagt Buths. In den Morgenstunden ertönt das charakteristische metallische Scheppern der rüttelnden Maschine. Im Führerhaus ist das Ausschütten zu spüren. Ein kleiner Monitor auf dem Armaturenbrett zeigt Buths, wie er am Heck Tonnen heranzieht und sie leert. Dann springt er auf eines der Trittbretter – weiter geht’s.

„Alles nur Klischees“

Das Zweiergespann macht den Job gern – und beide seit weit mehr als 20 Jahren, knapp acht davon im Team. Es geht in Richtung Ostseeviertel. Als sie an einer Ampel warten, winkt ihnen ein kleiner Junge zu. Müllmänner faszinieren – vor allem Jungs. „Vielleicht liegt das an der Technik“, meint Groth. Dass man sich sehr dreckig mache, es immer stinke oder dass Job und Ekel Hand in Hand gingen – „Das sind alles nur Klischees“, sagt er und zeigt an sich herunter. Sein orangefarbener Anzug ist sauber. „Ich habe ja auch mehr mit den Tonnen zu tun!“, sagt sein Kollege und mustert seine Jacke. Besonders schmutzig ist aber auch die nicht. Von Gestank ist ebenfalls wenig zu merken. Buths sagt aber: „Im Sommer stinkt es deutlich mehr“.Wer Müllmann werden will, müsse arbeiten können, sagt Groth und meint: Der Job ist körperlich anstrengend. „Das merkt man erst, wenn man mal ein paar Tage frei hat“, so Buths. Er lacht. „Wenn die Muskeln mal abschlaffen.“

Müll ist überall anders

Groth und Buths kennen ihre Tour auswendig. „Ich könnte sie blind fahren“, sagt Fahrer Groth. Gewicht und Inhalt der Tonnen unterscheiden sich von Stadtteil zu Stadtteil. Besonders voll seien die Behälter in Neubausiedlungen – weil die Leute den Müll nicht richtig trennen würden. Wo junge – oder besonders alte – Menschen leben, „merkt man an den Windeln“, sagt Groth. Sie bedeuten überfüllte und schwere Container. Weniger Müll gebe es in Gegenden mit Einfamilienhäusern. An eine skurrile Situation erinnert sich Buths oft zurück. „In einem Container schlief jemand.“ Als sie kurz vom Entleeren den Deckel schlossen, sei der auf geschnellt und ein Mann habe hinaus geguckt. „Da habe ich natürlich einen Riesenschreck gekriegt“, erzählt Buths. Der Mann hatte viel Glück. Wäre er im Laderaum gelandet, hätte er das wohl nicht überlebt, denn der Müll wird im Inneren zusammengepresst.

Links und rechts nur Zentimeter

„Und schon wieder“, schimpft Groth leise. Das Auto eines Handwerkers parkt so, dass er den Müllwagen gerade so vorbei manövrieren kann. Michael Groth muss sich konzentrieren. Sein Blick wandert zwischen den Seitenspiegeln und den kleinen Monitor, der das Heck in Draufsicht und Ulf Buths gestikulierend zeigt, hin und her. 15 Meter ist sein Lkw lang und mehr als drei Meter breit. Hinzu kommt, dass er hinten ausschwenkt, wenn er eine Kurve fährt. Vor allem in der Innenstadt haben es die Müllfahrer schwer. Die Straßen sind schmal, die Kurven eng, und überall stehen Pkw. Früher mussten sie dort den Müll noch aus Kellern schleppen. Das sei zum Glück vorbei.

„Eine Waage im Hintern“

Zu den Hausabfällen kommen noch Sonderaufträge. Eine der letzten Stationen in der Morgenrunde ist eine Apotheke. Buhts und Groth klettern aus dem Wagen, verschwinden kurz hinter einer Glasfassade und kommen mit einem blauen Sack wieder raus. Die Abfälle dürfen nicht im Hausmüll entsorgt werden. Dann: kurzer Stopp an der Tankstelle, Kaffee und Brötchen kaufen. Es ist kurz nach 9 Uhr. 5,04 Tonnen Müll haben Groth und Buths gerade auf dem Entsorgungshof abgeladen – die Ladung der ersten Tour. Fünf Tonnen hatte Fahrer Groth geschätzt. „Ich sage immer, ich habe eine Waage im Hintern“, sagt er lachend. An Montagen bringen sie oft 28 Tonnen. Mehr als 600 Behälter bewegt hat das Team regelmäßig. „Sport braucht man bei diesem Job nicht mehr machen“, sagt Müllfahrer Groth. Noch zwei Jahre blieben ihm bis zum Ruhestand. Er freut sich auf mehr Zeit mit seinen Enkelkindern. So wie kürzlich im Urlaub auf Büsum. Da trennten die Menschen ihren Müll übrigens besser, sagt er.

 

 Schülermann Philip