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Deine Tierwelt Die Tierflüsterer von Kirch Baggendorf
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00:00 30.11.2017
Tierarzt Bernd Uecker versorgt einen zugunfähigen Storch in Kirch Baggendorf mit selbstgeangelten Fischen. Quelle: Foto: Privat
Kirch Baggendorf

Da stehen die beiden auf dem Acker und taxieren sich. Auf der einen Seite der Kirch Baggendorfer Tierarzt Bernd Uecker, auf der anderen Adebar. Der eine trägt einen Eimer mit Fischen, der andere hat einen knurrenden Magen. Am Ende ist der Hunger größer als die Vorsicht. Bis auf einen Meter nähert sich der schwarz-weiße Schreitvogel dem 55-Jährigen.

Familie Uecker kümmert sich um einen Storch und über 40 Igel

Ob der wohl noch einen Leckerbissen für ihn hat?

Seit Wochen ist Adebar das Gespräch in Kirch Baggendorf. Obwohl es bereits November ist, macht der Zugvogel keine Anstalten, in den warmen Süden zu fliegen.

Stattdessen hockte er zunächst auf der Feuerwache in Grimmen. Nach gut vier Wochen dort machte er die Flatter, stakste wenig später durch Kirch Baggendorf und erkor sich ein Haus als Ausguck, von dessen Dach er den gesamten Ort im Blick hatte.

Mit einem Feldstecher bewaffnet, konnte Igelmutter Christiane Uecker schließlich ausmachen, dass der Storch beringt war. „Anhand der Inschrift konnte nachvollzogen werden, dass Adebar 2016 von einer Frau aus Altentreptow aufgezogen wurde, nachdem er aus dem Nest gefallen war“, erzählt sie.

Sicher ist auch, dass der Vogel – übrigens eine Storchendame – bereits im vorigen Jahr nicht mit ihren Artgenossen nach Afrika zog. Weshalb sie das nicht tat – ob sie eingesperrt oder gar kupiert worden war – lässt sich nicht mehr sagen. „Wenn aber ein Storch im ersten Jahr nicht mit den anderen wegzieht, dann zieht er nie wieder“, weiß Frank Tetzlaff, Cheftierpfleger des Tierparks Greifswald und bekannt als Storchenexperte.

Nach Tetzlaffs Einschätzung machten Adebar die niedrigen Temperaturen wenig aus, schlimmer sei, dass der Vogel nichts mehr zu fressen findet und verhungern würde, werde ihm nicht geholfen. Da stand für Ueckers fest, dass sie versuchen würden, dem Tier zu helfen. Bernd Uecker, Chef des Anglervereins Sportfischer Trebeltal, zog mit seiner Angel los, um Adebar ein paar Leckerbissen aus dem Vereinsteich zu ziehen. Tatsächlich gingen ihm einige Plötzen und Rotfedern an den Haken. „Unser Ziel ist es, sie möglichst zu fangen und nach Greifswald in den Tierpark zu bringen, wo sie den Winter über bei den dort lebenden Adebaren verbringen kann“, sagt Christiane Uecker. Da Frau Storch eine Handaufzucht ist, hat das Kirch Baggendorfer Ehepaar Hoffnung, dass der Einfangversuch gelingen könnte.

Für Frank Tetzlaff wäre ein weiterer zu stopfender Schnabel kein großes Problem. „Natürlich ist es schade, dass diese Störchin nie ein Zugverhalten entwickeln konnte. Aber sie kann im Frühjahr mit einem zurückkehrenden Storchenmännchen Junge aufziehen, die sich wie ganz normale Zugvögel verhalten und so zur Erhaltung ihrer Art beitragen“, so der Storchenvater, der sich übrigens auch um den kleinen Waldkauz und die Waldohreule kümmerte, die Christiane Uecker in diesem Frühjahr erstversorgte, nach dem sie aus dem Nest gefallen und bei ihr abgegeben worden waren. „Beide konnte ich wieder gesund und munter in die Freiheit entlassen“, sagt er.

Auf Ueckers Grundstück ist in der Zwischenzeit eine Voliere entstanden. Nur für den Fall, dass der Tierliebhaberein irgendwann wieder eine Eule zum Versorgen und Aufpäppeln gebracht wird. Dass sich Sohn Robert gern der nachtaktiven Vögel annehmen möchte, freut sie. „Ich bin ja eigentlich Igelmutter und damit gut ausgelastet“, sagt Christiane Uecker.

107 Igel wurden ihr seit August bislang gebracht – viele waren viel zu klein und schwach, hätten den Winter ohne Hilfe nicht überstehen. „Schuld ist das nasse und kalte Frühjahr. Die erwachsenen Tiere fanden nichts zu fressen und bekamen später als üblich Junge. Als die Jungtiere soweit waren, wurde es wieder nass und kalt und das Nahrungsangebot ging zurück. „In so einem Fall versorgen die Alttiere ihre Jungen nicht mehr, sie müssen sich ja selbst Winterspeck anfressen“, erklärt die 59-Jährige den Teufelskreis, die immer wieder Hilferufe aus ganz Mecklenburg-Vorpommern erhält. Sogar aus Wismar haben Leute bei ihr angerufen, die einen kleinen Igel, 220 Gramm, gefunden hatten. Derzeit leben 42 Stachelpelze in der Igelkiste und noch immer kommen fast täglich geschwächte Tiere hinzu. „Ich weiß schon gar nicht mehr, wo ich sie alle unterbringen soll, aber ich werde auch niemanden wegschicken, der Hilfe braucht“, sagt Christiane Uecker. Egal, ob es sich um Igel, Storch, Eule oder sonstige Tiere handelt.

Gelebte Tierliebe

107 Igel wurden seit August in der Igelkiste in Kirch Baggendorf betreut. Ein Großteil konnte aufgepäppelt und wieder in die Natur entlassen werden, für 15 von ihnen kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Aktuell versorgt Christiane Uecker 42 Igel, die meisten werden auch den Winter über bei ihr bleiben müssen.

2017 war für die Stachelpelze ein ungünstiges Jahr: Im nassen und kalten Frühjahr fanden die Tiere wenig Nahrung, bekamen deshalb später als sonst Junge und konnten diese am Ende wegen eines nassen und kalten Herbstes nicht versorgen.

Christiane Uecker erhält derzeit viele Hilferuf aus ganz M-V – viele Menschen bringen ihren Igel mit einem Gewicht von nur 200 bis 300 Gramm Gewicht.

500 Gramm Körpergewicht benötigt ein Igel mindestens, um den Winter gut zu überstehen.

Tierarzt Bernd Uecker kümmert sich derzeit um einen Storch, der nicht nach Afrika gezogen ist.

Der einst von Hand aufgezogene

Vogel, der nie richtig ausgewildert wurde und dadurch sein Zugverhalten verlernte, wird von ihm mit Futter versorgt.

Im Frühjahr kümmerten sich

Ueckers zudem um einen Waldkauz sowie eine Waldohreule – beide konnten wieder ausgewildert werden.

Claudia Noatnick

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