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Familie Nach Feierabend noch Trecker gefahren
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00:00 02.12.2017
Bretwisch

Mit ihren inzwischen 95 Lebensjahren ist Maria Kuß die älteste Einwohnerin vom Bretwisch.

„59 wäre besser...“, macht die Seniorin lächelnd einen scherzhaften Zahlendreher. Maria Kuß stammt aus Saatzig in Hinterpommern, dem heutigen Polen.

„Im Februar 1945 mussten wir raus“, blickt sie zurück. Mit drei Familien und auf Planwagen sei man damals geflüchtet. In ihrem Wagen seien die Mutter und zwei Geschwister mitgefahren. Wochenlang waren die Flüchtenden unterwegs, oft im Schneetreiben.

„Oben auf der Autobahn fuhren die Panzer und die Soldaten, und wir unten mit den Pferdewagen.“– „In Brandenburg haben sie uns die Pferde und die Wagen weggeklaut“, erzählt Maria Kuß: „Das Gute aber – unsere Betten hatten wir noch.“ Maria war damals 23 Jahre alt.

Nachdem sie zunächst in Zarnekla wohnte, landete Maria Kuß mit ihrer Mutter schließlich in Bretwisch. Dort kauften sie ein Haus. In den 1950er-Jahren arbeitete die junge Frau bei der Maschinen- und Traktorenstation (MTS) in Düvier. „Vier Jahre lang, als Traktoristin“, erzählt Maria Kuß stolz. Viel Spaß habe ihr das damals gemacht.

Sie sei sogar einmal als „beste Traktoristin“ ausgezeichnet worden: „Dafür gab es 50 Mark und eine kleine Flasche Pfefferminzlikör.“ Die Kollegen haben damals mit ihr um 50 Mark gewettet, dass sie es nicht schafft, die Flasche vor aller Augen zu leeren. Aber Maria, die damals auch „Küsschen“ genannt wurde, zeigte es allen: „Ich habe die Flasche ausgetrunken, aber nicht auf einmal. Dann habe ich aber zugesehen, dass ich nach Hause kam – da hatte ich schon Schluderschuhe an...“

Die 50 Mark, die sie gewann, habe sie damals zusammen mit dem Auszeichnungsgeld für Bettgestelle ausgegeben, verrät Maria Kuß. Nach ihrer Traktoristen-Zeit hat die Bretwischerin bei der Landwirtschaftlichem Produktionsgenossenschaft (LPG) in der Tierproduktion gearbeitet. „Im Sauenstall, da ging so manche Nacht bei drauf“, erzählt die Seniorin. „Nach Feierabend bin ich dann noch Trecker gefahren und habe gepflügt, weil die zu wenig Leute hatten.“ Bis zum Ende der 1980er-Jahre züchtete Maria Kuß auch Pferde. „Zwei bis drei Ponys hatten wir hier immer“, erzählt die Frau, die im Jahr 1982 in Rente ging.

Mit ihrer Tochter Martina Kuß-Boven (48) lebt die Seniorin jetzt in Bretwisch unter einem Dach. Die Beine der 95-Jährigen wollen nicht mehr so und auch die Augen nicht. „Handarbeiten würde ich gern nochmal machen. Früher habe ich gestrickt und gehäkelt. Aber das geht leider nicht mehr“, bedauert Maria Kuß. „Oma hört viel Musik von CD’s. Ab und zu schauen auch mal frühere Arbeitskollegen vorbei“, berichtet Tochter Martina Kuß-Boven. „Zweimal in der Woche wird sie zur Tagespflege nach Loitz gefahren. Auch, um mal unter Leute zu kommen.“

Peter Franke

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