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Familie Wirbelwind Lukas bringt Sonne ins Leben
Mehr Familie Wirbelwind Lukas bringt Sonne ins Leben
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00:00 30.11.2017
Angelika und Peter Ackermann nahmen mit Lukas am Dienstag beim Pflegeelterntreffen im „Kuntibunt“ Greifswald teil. 140 Familien aus der Region folgten der Einladung des Kreises. Das Haus, ehrenamtliche Puppenspieler und das „Takt“ schenkten den Familien unvergessliche Stunden. Quelle: Fotos: Petra Hase
Greifswald

Stillesitzen ist nicht sein Ding. Wie ein Wirbelwind kreist Lukas durch den Raum, lacht und erzählt von seiner neuesten Entdeckung. „So ist er“, sagt Beate Ackermann, „stets in Bewegung.“ Längst haben sich die 53-Jährige und ihr Mann Peter aus Lentschow bei Murchin an diesen quirligen Jungen gewöhnt. Denn seit mehr als zwei Jahren ist er ihr Pflegekind, sie haben die volle Sorgevollmacht. Damit gehört der Neunjährige zu jenen 348 Kindern im Landkreis Vorpommern-Greifswald, die in fremden Familien ein neues Zuhause gefunden haben.

Beate Ackermann hat diesen Schritt nie bereut. Als sie sich 2015 dafür entschied, „waren unsere eigenen Kinder längst aus dem Haus und ich arbeitete noch als Teamleiterin auf einem heilpädagogischen Bauernhof“, erzählt sie. Lukas gehörte damals zu ihren Schützlingen. „Er ist mir sehr ans Herz gewachsen.“ Und als es hieß, der Junge müsse aufgrund seiner Probleme und des Alters anderswo untergebracht werden, hielten die Ackermanns am Stubentisch Familienrat: Soll Lukas ihr Pflegekind werden? „So eine Entscheidung kann man nicht allein treffen, denn sie hat Auswirkungen auf die gesamte Familie“, blickt Beate Ackermann zurück. Deshalb hat das Paar nicht nur seine drei erwachsenen Kinder zum Gespräch gebeten, sondern ebenso die Eltern. Einhelliger Tenor: „Macht es!“

Beate Ackermann hörte auf zu arbeiten. „Ein schwerer Unfall hatte mich zuvor eh schon veranlasst, über mein Leben nachzudenken.“ Sie wollte ganz für Lukas da sein. Und weil es später so gut lief, boten die Ackermanns dem Jugendamt an, ein zweites Pflegekind aufzunehmen. Seit dem Frühjahr lebt nun auch die zehnjährige Emely mit im Haus. Ein alter, sanierter Bauernhof mit viel Platz für alle.

„Natürlich ist das eine große Verantwortung“, versichert Beate Ackermann. Zumal beide Kinder ein ganz gewaltiges Päckchen mit sich herumtrügen. „Das ist nicht immer einfach“, offenbart die Pflegemutter. „Doch sie geben so viel Liebe, knuddeln und herzen, dass wir uns ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen können.“

Dasselbe empfindet Angelika Pape aus Konsages. Auch ihr kam das Haus unheimlich leer vor, als die erwachsenen Kinder ihre eigenen Wege gingen. Als Hausfrau suchte sie nach einer neuen Aufgabe. Den letzten Anstoß habe dann die Nachbarin gegeben, die bereits Pflegekinder hatte. „Mein Mann hat sofort zugestimmt“, sagt die 52-Jährige. Doch als sie 2014 schließlich Max nach einer Hirntumor-OP in einem Krankenhaus kennenlernten, haderte Angelika Pape mit der Entscheidung: „Ein behindertes Kind wollte ich eigentlich nicht“, gesteht sie, „doch mein Mann hat sich gleich in den Jungen verliebt.“

Die Ärzte, sagt sie, „waren überzeugt, dass er nie etwas selbstständig machen werde. Deshalb sollte er in die geschlossene Psychiatrie“.

Heute besucht Max eine Schule „und hat sich so gut entwickelt, dass wir große Freude an ihm haben“, sagt Angelika Pape. Zwar spreche der Achtjährige nicht, könne sich aber gut mit Händen und Füßen artikulieren. „Wir schenken ihm viel Liebe und bekommen diese auch zurück“, sagt Angelika Pape voller Dankbarkeit. Und weil auch ihr Haus groß genug ist, ihre Liebe und Fürsorge reichlich sind, kamen im vorigen Jahr noch zwei kleine Mädchen hinzu.

„Alle Pflegefamilien sehen die Kinder als Bereicherung an. Das beeindruckt mich sehr“, sagt Birgit Müller, die seit 2016 für die Akquise neuer Pflegefamilien im Landkreis zuständig ist. Sie wurde extra neu eingestellt, „Damit wir noch mehr Familien für die kleinen Kinder unter elf Jahren finden“, erklärt Sozialdezernent Dirk Scheer. Zwar gebe es im Kreis tolle Einrichtungen der Jugendhilfe.

„Doch sie können nicht die Wärme und Zuneigung einer Familie ersetzen“, betont er. Gerade diese Kinder, die oft aus schwierigen Verhältnissen stammten, benötigten „ein sicheres Zuhause mit klaren Strukturen“, berichtet Ulrike Trzeciok, seit vielen Jahren im Pflegekinderdienst tätig. „Für manche Kinder ist es schon etwas völlig Neues, gemeinsam am Tisch zu frühstücken. Oder die Erfahrung, dass Erwachsene sich streiten können, ohne das die Fetzen fliegen“, sagt die Sozialpädagogin. Im Laufe ihrer Tätigkeit habe sie oft erfahren, dass Pflegekinder irgendwann ihren Weg gehen, eine Ausbildung absolvieren. Das sei der schönste Lohn.

Pflegeeltern gesucht

255 Kurzzeit- und Dauerpflegefamilien gibt es zurzeit im Kreis, die in der Regel ein oder zwei, manchmal auch drei Kinder betreuen.

Daneben haben sich zehn Pflegefamilien bereiterklärt, im Bedarfsfall unbegleitete minderjährige Ausländer aufzunehmen.

6 Bereitschaftspflegefamilien stehen für den Fall zur Verfügung, dass ein Kind wegen einer Krisensituation umgehend aus der eigenen Familie herausgenommen werden muss.

5000 Euro kostet im Durchschnitt ein Platz in einer der Kinder- und Jugendwohngruppen, die von freien Trägern der Jugendhilfe betrieben werden. Ein Platz in einer Pflegefamilie kostet laut Kreis etwa ein Drittel davon. Die Kosten trägt der Landkreis.

Der Landkreis sucht stetig neue Pflegefamilien, um insbesondere kleine Kinder (bis 11 Jahre) nicht in Wohngruppen unterbringen zu müssen. Wer sich bereit erklärt, wird umfassen vom Jugendamt betreut und beraten.

Infos: birgit.mueller@kreis-vg.de;

☎ 03834-87 60 27 34

Petra Hase

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