Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kunstbörse Rührstücke über die Banalität des Alltags
Mehr Kunstbörse Rührstücke über die Banalität des Alltags
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:49 28.10.2015
Nora Arrieta in ihrem Atelier in Berlin. Quelle: Thomas Häntzschel / nordlicht

Als vor einigen Jahren der Deutschen liebstes Wort gekürt wurde, fiel die Wahl auf das Wort „Habseligkeiten“. Da versichern wir uns permanent der inneren Werte, der Hinfälligkeit des Materiellen, aber am Ende zählen die harten Tatsachen. Was bleibt, sind Gegenstände. Was das für Gegenstände sein können, damit beschäftigt sich die junge Künstlerin Nora Arrieta. Sie hat sich der traditionellen Technik des Keramikbrennens verschrieben. Wobei sie dem Genre eine jugendlich-ungestüme Erfindung beschert, die mit der ersten Assoziation dieses Wortes — Teller, Tassen, klassische Gebrauchsgegenstände — nichts zu tun hat.

Was die 26-Jährige aus der amorphen Knetmasse des Tons macht, sind Objekte, Skulpturen, Installationen. Und Vasen. Letztere tragen ihre Funktion aber nur noch als ganz ferne Erinnerung mit sich herum, weshalb die Bezeichnung als Vase — im Sinne von Gefäß — meist nicht zutrifft. Das schöne Gedicht von John Keats, das er einer antiken griechischen Vase widmete, muss der Betrachter von Nora Arrietas Werken dennoch nicht komplett vergessen. Denn das von Keats beschriebene Wechselspiel von Schönheit und Wahrheit, die ineinander aufgehen, beschäftigt auch Nora Arrieta. Allerdings drehen bei ihr die Storys, die die Vasen erzählen, gewissermaßen frei, ästhetisch zumindest.

„Ich interessiere mich für den Menschen, aber er glänzt meist durch seine Abwesenheit“, sagt die Künstlerin. Was aber zu sehen ist, sind seine „Habseligkeiten“: Waren des täglichen Bedarfs, Zeichen gewöhnlicher Verrichtungen, darunter ein Wasserhahn, der auf eigenem Strahl steht. Ein Mixer, der raumgreifend seine ganze Umgebung rührt. „Dabei kam es mir auf die Dynamik an“, erklärt Nora Arrieta dieses wahrhafte „Rührstück“. Die Banalität täglicher Verrichtungen, gegossen in ein Kunstwerk. Das ist zunächst einmal witzig und ein bisschen abgedreht. Das geht aber viel tiefer. Denn was Nora Arrieta schafft, ist zunächst einmal ein Perspektivwechsel, der das Kleine groß macht, das Unbedeutende in den Vordergrund rückt als eine Art Archäologie des Alltags. Was das Leben bestimmt, sind Küchengeräte, Autos, Fernseher oder Turnschuhe, die am Straßenrand landen. Was ist Wahrheit, was Schönheit? Sagt ein weggeworfenes Paar Turnschuhe etwas über unsere Existenz aus? Ja, wenn sie so gestaltet sind wie bei Nora Arrieta. Die Frage nach der Popkultur, nach dem Archivieren der Insignien einer zeitgeistigen und omnipräsenten Warenwelt der glänzenden Oberflächen vereint sie. Denn gerade um das Gestalten geht es ihr. Die Oberflächen sind geformt und geknetet, keine Mimesis von Markenartikeln, sondern ihre Durchdringung mit den Mitteln der Kunst. Nora Arrieta formt freihändig, bemalt die Objekte anschließend. Man wisse ja nie, was am Ende aus dem Ofen wieder herauskomme, sagt die Künstlerin. Und dabei ist sie eine echte Storytellerin. Sie formt Geschichten in den Raum, ihre Skulpturen haben ein Oben und Unten, aber keinen Anfang und kein Ende.

Dass sich Nora Arrieta auch disziplinieren kann, um zweidimensional eine Fläche zu bespielen, beweisen ihre Grafiken, die für sich stehen, aber auch wie die zweiteilige Arbeit „Fließband“ mit keramischen Arbeiten kombiniert werden können. Auch in der Fläche dekliniert sie die Eigengesetzlichkeit einer Dingwelt durch, und das auf eine sehr konzentrierte Art.

Ein bisschen Pop sind ihre Arbeiten aber doch. „Comfortably numb“ heißt ein Objekt. Angenehm benommen, könnte das übersetzt werden. Die Alltagserfahrung als kleiner Rausch, das kannten auch die Romantiker um John Keats. Und gleichzeitig handelt es sich um einen leicht psychedelischen Song von Pink Floyd. Und um einen Song der Scissor Sisters. Die Bezüge sind da, der Betrachter kann sie wahrnehmen.



Matthias Schümann