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Leserbriefe Die armen Stuttgarter ...
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06:00 06.03.2013
Stuttgart

Öffentliche Proteste, Juchtenkäfer-Liebhaber, Baumumarmer - Fehlanzeige.

Angenommen ich hätte 1994 den Bau eines Hauses in Warnemünde geplant und die damaligen Kosten als Grundlage genommen. Weitere Annahme, der Bau des Hauses wäre erst 2010 (ab diesem Zeitpunkt begannen der „spontane" Aufstand der „Wutbürger") erfolgt. Hätte ich dann mit denselben Kosten wie 1994 rechnen müssen? Nein, Grund und Boden, Personal, Material, Energie, diese Kosten hätten sich im Laufe von 16 Jahren nach oben entwickelt. Und genau diese Entwicklung verteuert das Vorhaben in nicht unerheblichem Umfang.

Mittlerweile haben wir Schlichtungsverfahren, Volksbegehren, umfangreiche Sicherungsmaßnahmen und weitere Verzögerungen zu verzeichnen, die nicht kostenneutral ablaufen.

2010 fand in BW eine Landtagswahl statt. Auf der einen Seite ein MP, der nicht unbedingt als Sympathieträger zu bezeichnen ist. Eine Aktion, die, wäre Fukushima nicht passiert, für das Land ein Gewinn gewesen wäre, sprich, der Rückkauf der EnBW-Anteile durch das Land. Diese Maßnahme wurde übrigens auch von Grünen und der SPD befürwortet (will aber keiner mehr wahrhaben). Die vermeintliche „Mauschelei" hatte den Sinn, die Kosten für den Rückkauf, die bei einer öffentlichen Diskussion durch Spekulationen gestiegen wären, zu begrenzen. Fukushima hat diesem Vorhaben ein jähes Ende gesetzt.

Die Grünen haben ihre Chance gesehen. Offiziell wird der Protest natürlich von besorgten Mitbürgern getragen. Merkwürdig nur, dass die Protestbewegung über finanzielle und logistische Mittel verfügt, die ganz „spontan" zur Verfügung standen. Der Umstand, dass Logos, Fähnchen etc. über eine grüne Farbgebung verfügen, sicher nur ein Zufall. Offziell hielten sich die Grünen mit personeller Präsenz heraus, aber dass die Köpfe des spontanen Protests den grünen Ideen sehr nahe stehen, lässt sich nicht leugnen.

Teilweise wurde die Stuttgarter Bevölkerung mit erwiesenermaßen falschen Informationen versorgt, es wurden Szenarien einstürzender Häuser ausführlich dargelegt, da wird sich der unbedarfte, schwäbische Häuslebauer doch erst mal wundern.

2010, passend zur Landtagswahl, fanden sich in den Briefkästen Falschinformationen („Achtung - Ihr Haus wird untertunnelt"), pünktlich zur OB-Wahl wurde die Aktion wiederholt und pünktlich zur Entscheidungen oder auch zur nächsten Bundestagswahl („Merkel weg" anstelle von „Mappus weg" bzw. „Schuster weg") gibt es eine erneute mediale Kampagne (d.h. die Briefkästen wurden und werden wieder ungewollt befüllt). Und die Grünen sind natürlich ohne jeglichen Einfluss auf die Steuerung der Aktionen.

Vielleicht auch noch die Anmerkung, dass sich die genannten Kosten NICHT auf das eigentliche Bahnhofsgebäude beziehen, sondern dass sich eine gesamte Infrastrukturmaßnahme dahinter verbirgt.

Sicher, es wird hinsichtlich der freiwerdenden Gelände eine Spekulation ergeben. Investoren werden aber mit Sicherheit keine Investition tätigen, wenn sich damit kein Geld verdienen lässt. Aber dass nun einzelne Unternehmer bzw. deren Interessen den Hauptgrund für das Vorhaben bilden, halte ich für eine gewagte Spekulation. Wenn dem weltweit führenden Hersteller von Tunnelbohrmaschinen nur finanzielle Interessen unterstellt werden, dann ist das aus meiner Sicht ein Witz. Man schaue sich nur einmal weltweiten Projekte der Fa. Herrenknecht an und richte seinen Blick auch einmal auf die Entwicklung von Umsatz, Gewinn und Mitarbeiterzahl. Ich kenne in BW KEINE Unternehmen, die in der sog. „Finanzkrise" 2008/2009 die Mitarbeiterzahlen gesteigert haben - bis auf eine Ausnahme. Ob Herrenknecht bei S21 mitwirkt oder nicht, das Unternehmen verfügt über eine Auftragslage, die nicht typisch für mittelständische Unternehmen ist (und das ohne Abwrackprämien, staatliche Unterstützungsleistungen in Form von Kurzarbeitergeldern oder ähnliche Subventionen, bei denen man den Steuerzahler als „Solidaritätszahler" missbraucht).

Ich denke, die jüngere Generation freut sich über einen frischen Wind in der Landeshauptstadt. Und ich bin gespannt, ob ich in 10 Jahren die Fernzüge durch einen Lüftungsschaft in meinem Keller beobachten kann (lt. den neuesten, „aufklärenden" Schriften soll ein Tunnel nun in gerade mal 10 Meter Tiefe unter dem Haus gebohrt werden).

Und es wäre schön, wenn die S21-Gegner wieder mehr um ihre Kinder oder Enkelkinder kümmern würden, als um Juchtenkäfer, Fledermäuse und Parkanlagen (die zumindest in der Vergangenheit aufgrund des zweifelhaften Rufs zu bestimmten Tageszeiten eher gemieden als genutzt wurden).

Ledo Nams