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Es geht um Theater und viel mehr

Pölchow Es geht um Theater und viel mehr

Bei der aktuellen Diskussion zur Theaterstruktur gelangen die begleitenden Erschütterungen im Sektor kultureller Landesverantwortung schnell in den Hintergrund.

Pölchow. Der Fingerzeig auf das Kultusministerium greift zu kurz, denn MV hat schon seit Jahren ein wirtschaftlich relevantes Kulturproblem, welches eng mit dem Verkehrsministerium verbunden zu sein scheint.

In trauter Dreisamkeit stehen Kunst- und Kulturangebot, Öffentliche Verkehrsmittel und Preis-Leistungs-Verhältnis des ÖPNV als höchste Gefahrenpotenziale des Tourismus in MV (Platz 10 von 13 Bundesländern) im Aktenschrank; das (wohl auch sommerliche) Schlechtwetterangebot gehört außerdem noch zu den größten Schwächen des Landes (Landestourismuskonzeption 2010).

Wirtschaftsminister Glawe und Verkehrsminister Schlotmann sind fernab der Diskussion, jedoch völlig ungerechterweise. Die Kommunen versuchen Probleme zu lösen, die nicht in ihrer Verantwortung liegen. Kein Mensch kommt nach einem Theater- oder Konzertbesuch in Schwerin, Rostock oder Stralsund am Samstagabend zurück in sein eigenes Bett, so er nicht selbst in unmittelbarer Nähe wohnt oder ein Auto bzw. die notwendige Sehkraft besitzt, im Dunkel nach Hause fahren zu können.

Die Einkommenssituation im Land schließt einen Großteil von Bürgern nicht unbedingt durch Eintrittspreise von der typischen Abendkultur am Wochenende aus, sondern erst Hotel- oder Taxirechnung stehen oft in keinem Verhältnis und machen eine abendliche Kulturveranstaltung im eigenen Lande finanziell oft zum Wochenendurlaub.

Fast schon verrückt erscheint es, dass mit fortwährend geschrumpfter Personaldecke nun Theater auch noch landesverantwortliches Verkehrsmanagement betreiben müssen, um die offenbar durchaus Kulturbedürftigen in der Fläche - wer würde sonst mehrere Stunden Busfahrt über viele Dörfer in Kauf nehmen! – mit gecharterten (und vollen) Bussen aus MV den Theaterbesuch zu ermöglichen.

Mit der „Sommerkultur“ des NDR bzw. privaten und lokal kommunalen Unternehmungen mag MV die Defizite saisonal ausgleichen, jedoch ist Tourismusexperten und –vereinen offenbar schon lange klar, dass mehr bzw. nachhaltiger Tourismus maßgeblich in die Nebensaison zu entwickeln ist. Zwar könnte ein Kultusminister mit seinen Problemkindern Bildung und Kultur auch im eigenen Hause Strategisches entwickeln, was aus der Not eine Tugend machte, aber diese Tugend kann man nicht von einer Management GmbH verlangen, die Kultur offenbar im alten Denken als Ausgabenposten statt investiven, Landeszukunft mit entscheidenden Sektor zu verstehen hatte.

Die innerhalb weniger Jahre zerstörten Strukturen bedürfen in der Regel Jahrzehnte und potenzierter Kosten zur Restaurierung, um von Kultur als „Kitt und Anker“ sozial, ökonomisch und politisch fragiler Gemeinwesen gar nicht zu reden. Die in der „Zeit“ gerade vorgestellte, gut ausgebildete „Generation Y“ wird im Winter nicht auf die Sommerfestspiele in MV warten wollen, selbst bei bundesweit gleichen Löhnen.

MV zieht auch junge Menschen an, Attraktivität des Arbeits- und Naturraums wird aber sehr häufig mit dem Bedürfnis nach Attraktivität auch des Bildungs- und Kulturraums verbunden. Unser Land hat ein Problem, welches der Kultusminister bei bestem Willen allein nicht zu lösen vermag. Mit einem überregionalen „Kultur-Verkehr-Tourismus-Konzept“ (Hamburg scheint dort schon wieder weiter…) ginge es nicht darum, lokalen Kulturinitiativen Konkurrenz zu machen oder Orchester tingeln zu lassen, sondern Bürgern und Touristen im Land zumindest akzeptablen Zugang zur vom Land geförderten „Kultur mit besonderer Qualität“ zu gewähren, und dafür ist jeder Kultusminister auf eine Form von Kulturpolitik der gesamten Regierung angewiesen, welche über demografische Mechanik hinauszugehen und quer durch das Land ein motivierendes Ziel zu formulieren vermag.

Schillers „Tochter der Freiheit“ und die Tourismuswirtschaft haben in MV keine Schwindsucht verdient und könnten sich mit einem interministeriellen Gestaltungswillen gegenseitig nutzbringend aus der Klemme helfen, und die Kommunen wären sicher die letzten, welche sich dabei konzeptionell isolieren wollten.

Arne Schoor

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