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Im postfaktischen Zeitalter angekommen

„Endgültig: Wiro darf Heinkel-Mauer abreißen“ vom 04.05.2017 Im postfaktischen Zeitalter angekommen

M. Riedel aus Rostock

Rostock. Das Todesurteil gegen ein bedeutendes Zeugnis der Rostocker Industriegeschichte und Wahrzeichen Rostocks ist nun gefallen. In diesen Tagen wartet das weltweit einmalige Denkmal wie ein Todeskandidat in einigen wenigen Länder dieser Erde auf die Vollstreckung des Urteils (durch Abrissbagger), denn mit Gnade ist in dieser Stadt nicht zu rechnen. Die wirtschaftlichen Interessen der stadteigenen Wiro sind einfach zu groß.

Grund des harten Urteils ist der angeblich fehlende Gebrauchswert, der nicht durch Erträge aufgewogen werden kann. Im Nordmagazin vom 04.05.17 nahm Herr Minister Pegel im Juristendeutsch wie folgt genauer Stellung: „Die Argumente gegen den Erhalt sind ganz erhebliche Investitionskosten und keinerlei Möglichkeit, das nutzbringend einzusetzen, in einer Weise es in Wert zu setzten, die augenscheinlich eine Eigenständigkeit bewahrt, außer das eine Mauer da weiter stehen würde.“

Bei diesen Worten fallen jedem Rostocker sofort weitere Denkmale ein, denen es bei genauerer Betrachtung auch an Gebrauchswert fehlen würde. Die historische Stadtmauer von Rostock dürfte dann bald fallen und ob die in Rostocker Kirchen investierten Millionen jemals gewinnbringend werden, ist anzuzweifeln. Vielleicht sind zu SED-Zeiten auch Denkmale wegen fehlendem Gebrauchswert gefallen – welcher Schelm würde das jetzt noch kritisieren wollen?

Es ist eine Schande für die Stadt Rostock, gegründet auf mangelhaften Gutachten, völlig überzogenen Kostenschätzungen, Scheinheiligkeiten, Heucheleien, Unwahrheiten, Inkompetenz und immer getragen von der Absicht, niemals dieses Denkmal wirklich erhalten zu wollen. Das die „Heinkelmauer“ in die Planung des Wettbewerbssiegers gut integriert war, es auch andere Vorschläge gab, niemals Anträge auf Förderungen zur Kostenminderung gestellt, niemals andere denkmalerfahrene Gremien zur Lösungssuche eingebunden und viele andere für den Erhalt positive Fakten ignoriert wurden, spielte bei der Entscheidungsfindung offenbar überhaupt keine Rolle.

Dieses Urteil ist von einem Ministerium getroffen worden, das keine spezialisierte Denkmal-Fachbehörde ist und bisher überhaupt nicht in die jahrelangen Auseinandersetzungen um das Denkmal einbezogen war, mithin für Denkmalangelegenheiten nicht zuständig ist. Und genau dieses Ministerium beurteilt jetzt den Gebrauchswert des einmaligen Denkmals? Die Entscheidung wäre vermutlich besser im zuständigen Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur als Oberste Denkmalschutzbehörde aufgehoben. Verstehe einer den Bürokratismus, ich jedenfalls nicht.

Rostock ist mit dieser Entscheidung endgültig im postfaktischen Zeitalter angekommen, in dem Populisten ein gewichtiges Wort haben, wie am Beispiel Denkmal Heinkelmauer nachzuweisen ist. Mauer abreißen und das Problem ist gelöst. Wir alle müssen uns der Schuld bewusst sein, hier versagt zu haben, ob nun durch Tun oder Unterlassen.

Vielleicht wird in 50 Jahren von unserer Nachfahren die „Heinkelmauer“ nach einem vernichtenden Urteil über die jetzigen Vorgänge wieder aufgebaut werden, so wie bald das Petritor in Rostock. Dann wäre der jetzige Sieg der Rostocker Kulturamtsleiterin, Frau Dr. Selling, ein Pyrrhussieg gewesen.

Liebe engagierte Rostocker, geben wir keine Ruhe, kämpfen wir weiter mit Demut für das Denkmal, das sich sehr gut einbinden und mit sehr, sehr viel weniger Geld am originalen Ort erhalten lässt. Lassen wir uns nicht mit ein paar Ziegelsteinen und einem Tor abspeisen, die vielleicht irgendwo neben Bombenflugzeugen auf dem Dach vom Edeka-Markt respektlos an dieses Denkmal erinnern sollen.

M. Riedel

M. Riedel

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