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Leserbriefe Sorgfältig geplante Auseinandersetzung mit der Geschichte
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10:10 03.03.2018
Rostock

Derzeit kündigt sich an, daß die Leben und die Toten der vermeintlich anderen der Schlüssel zum Selbstverständnis sind. Wenigstens historisch sollte das funktionieren. Leider regiert unbewusste Erinnerung in vielen Diskussionen, um nicht Affekt zu sagen. Er ist menschlich, aber oft durch alte oder sogar uralte Erinnerungen ohne Bewusstsein hervorgerufen.

Die Geisteswissenschaften reklamieren deshalb neu die Analyse des Einzelfalles. Das gilt auch für jeden Einzelnen in seiner Familiengeschichte. Aktuell kündigt sich an, daß wir mit Abstand und Sicht auf die konkreten Fälle im Individuellen richtig und falsch historisch neu bewerten werden. Oft sind einzelne Tote der entscheidende Schlüssel der Erinnerung und der Problemlösung.

Insbesondere die ungeklärten Todesfälle, die nicht zufällig nie aufzuklären waren. Wir hätten sonst die Akten geschlossen und nach 100 Jahren alles in der überdrehten Zeit vergessen. Das wirkliche Thema gerät aber jetzt durch Affekte wieder in den Hintergrund.

Zu frühe Besuche der Konzentrationslager haben zum Teil Kinder in der DDR tief traumatisiert. Eine immense innere Wut steckt heute noch in vielen dieser Menschen. Erstaunlich ist jedoch, daß diese Menschen einen Film wie "What our fathers did" oft heute menschlicher bzw. affektfreier sehen als das weithin wütende Publikum. Sie sehen offenbar genauer hin, können sich in den Einzelnen hinein versetzen und merken, dass der Film weit mehr zeigt als wir derzeit sehen wollen.

Der Schlüssel für den Besuch eines Konzentrationslagers 2018 liegt in der Hand der Lehrer, Eltern und der Schulpsychologen. Als notwendige Vorbereitung erscheint, die Familiengeschichte in der heutigen Zeit erst einmal menschlich und vorurteilsfrei im Klassenzimmer zu besprechen bevor der Besuch des Konzentrationslagers stattfindet. Und das sollte ohne Lügen und Scham geschehen, denn Enkel bzw. Urenkel der Opfer und Täter aller Seiten sitzen heute in einer Schulklasse nebeneinander.

Kinder sind die Problemlöser seit Jahrtausenden. Keiner kann sich seine Großeltern aussuchen. Sind Lehrer selbst noch unbewusst befangen, sollten Eltern, Großeltern dazu kommen, welche im besten Fall Opfer und Täter affektfrei zumindest symbolisch vertreten können. Dann wird eine Schulklasse zur Summe der Einzelfälle. Hypersensitive Jugendliche sollte ggf. den Besuch eines Konzentrationslagers um 1-2 Jahre aufschieben oder Teile des Besuchsprogramms auslassen können. Sie nehmen am Ort des Geschehens ggf. zeitlos Realität wahr und können darüber oft nicht sprechen, weil die Gruppe in der Regel mit weit höherer Distanz, Schutzfiltern oder aus der Familiengeschichte übertragen abwehrend agiert. Hier spielen Schulpsychologen eine entscheidende Rolle wie auch bei der dem Besuch folgenden emotionalen Verarbeitung. Viele Schulpsychologen werden ggf. dabei an ihre eigenen Grenzen gelangen und sollten sich wirklich mit dem Thema speziell auseinandersetzen. Das emotionale Alter von Jugendlichen ist höchst divers geworden.

Die politische Wetterlage der 2 Seiten ist also ein wohl stimmiges Abbild des Problems. Es lässt sich nur in jedem Klassenzimmer lösen. Wenn die langfristige Familiengeschichte der Kinder bzw. Jugendlichen aus Scham im Dunklen bleibt, sind Unverständlichkeiten im Verhalten bei den Besuchen wohl vorprogrammiert. Die Angst jeden Lehrers. Man wird sie nie völlig ausschließen können, aber auch hier ist die empathische Lösung des Einzelfalles und nicht das verklemmte bzw. affektive Steinewerfen auf einen Schüler entscheidend. Ggf. sind diese Ausfälle sogar notwendig, um ungenügend vorbereitete Besuche von Konzentrationslagern anzuzeigen.

Das Wort Schuld ist im systemischen Sinn oft völlig unangebracht. Kollektiv verdrängte Probleme sind anders nicht zu erkennen. In Familien ist das nicht anders. Das schwarze Schaf ist notwendig, um das vergessene Verletzende irgendwann zur Auflösung zu bringen.

Viele Suizide dürften auf diese leider beiderseits unerkannten, normalen Regualtionsfaktoren in Humansystemen zurückzuführen sein. Das sollte auch beim Blick in ein Klassenzimmer nicht vergessen werden. Oft ist das Wort Zufall dort nur Ausdruck von Hilflosigkeit. Im überdrehten Alltag ist auch das leider noch ganz menschlich.

Beim Besuch eines Konzentrationslagers geht es also um die individuell rechte Zeit. Wer zu früh kommt, wird nämlich ggf. auch bestraft, und ganze Bücher beschäftigen sich mit der Belohnung des Wartens. Unsere Zeitvorstellung ist im Grundsatz noch tief uniform und linear geprägt. Das soll sich offenbar wieder ändern, und dabei ist vielleicht entscheidend, was wir aus der Geschichte in allen Facetten menschlichen Lebens der letzten Jahrhunderte gelernt haben. Allein der menschliche Fehler ist vermutlich die Orientierung, um Jahrtausende auf näherem Boden und global als Mensch zu verstehen. Erst einmal sich selbst und nicht die anderen als Problem zu sehen, wäre ein empathischer Anfang.

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