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Leserbriefe Wachstum rechnet sich systemisch nicht automatisch
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10:44 12.05.2017
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Rostock

Erinnert man die politischen und persönlichen Kämpfe vor 1989, um z.B. Landschaftsschutzgebiete überhaupt einzurichten oder die weitgehende Vernichtung des innerstädtischen Lindenparks zu verhindern, sind wohl nicht wenige Bürger heute doch sprachlos, die noch erinnern und vergleichen können.

Eine Stadt verändert sich immer, jedoch droht Rostock mittelfristig ein Zustand, der nicht wenige Neubürger und deren Kinder bewusst oder unbewusst aus bekannten Metropolen genau erst nach Rostock gebracht hat. Betriebswirtschaftliche und städteplanerische Konzepte sind für Langzeiteffekte der Umweltpsychologie bisher noch weitgehend blind. Unser Umweltempfinden wird tradiert und relativ skaliert. Leider durch langfristige Wahrnehmungsfilterung auch gegen die eigenen Bedürfnisse der Gesundheit.

Wer in Beton aufgewachsen ist, empfindet bereits einen monotonen grünen Rasen als Erleichterung, eine Wiese mit Insekten aber auch ggf. angstgestört als unordentliche Zumutung. Die medial vermittelten Angstzustände kulminieren heute soweit, dass Eltern sogar auf dem Lande Kinder nicht mehr für lebendigen Unterricht in den Wald lassen wollen. Das kann nur als krank definiert werden, und viele sprechen heute aus, dass vielerorts die Gestaltung öffentlicher Räume psychopathologische Züge angenommen hat.

Viele Aspekte der modernen Stress- und Aggressionsforschung müssten in Rostock Alarmglocken auslösen, ganz abgesehen von Kilometern Fahrradwegen, welche man zu bestimmten Tageszeiten gerade mit Kindern nur noch in der Not am tuckernden Stau vorbei befahren will. Gelangt Rostock an einen Kipppunkt, werden sich die Verkehrsaufkommen ggf. dramatisch erhöhen, da Bewohner der Innenstadt auch dem Zwang unterworfen werden, mit höherer Frequenz diese zur Erholung zu verlassen.

Von sozial toten Bürovierteln vieler Metropolen sind wir zwar entfernt, aber es könnte der paradox erscheinende Fall eintreten, dass die Konzentration weiterer Bürger in Rostock der Kommune auch finanziell keinen Nettogewinn in die Kassen spült, die Denkwirtschaft ggf. sogar aus der Stadt schrittweise abwandern könnte.

Eine Regiopole, die sich mit der ländlichen Umgebung konkurrierend definiert, ist ein Auslaufmodell. Das Schönreden von Städten hält in vielen Belangen keiner Prüfung stand, und schon gar nicht, wenn man allen Kindern wieder das Recht zubilligte, wenigstens im Sommer eine gewisse Zeit nicht in Pseudoumwelten verbringen zu müssen und das Gehirn wieder seinen normalen Dienst tun zu lassen. Alle Zeichen für nachhaltige Entwicklung deuten heute auf Kooperations-, nicht auf Konzentrationssysteme.

Die Autolawinen am Morgen könnten sich also ggf. am Nachmittag in der Zukunft Rostocks verdoppeln, wenn Rostocker intuitiv veranlasst und notwendig mehr als sonst die Stadt verlassen müssen. Der Autodauerlärm wäre dann nicht nur in der Hauptsaison bis in den späteren Abend gegeben.

Rostock steuert wohl in eine entscheidende Phase, welche Langzeiteffekte auslösen kann, die auch wirtschaftlich diametral wirksam werden könnten. In Zeiten, wo z.B. Studierende ihren Studienort schon von der Mensaqualität abhängig machen bzw. machen müssen, sind Raumplanungen ohne umweltpsychologische Strategien über das gesetzlich Notwendige hinaus problematisch.

Wer bewusst in einem halbwegs natürlichen Gebiet wandert, möchte genau nicht auf Bebauung treffen. Es kommt zur Wahrnehmung der relativen Raumverkleinerung, ebenso wie bei Windmühlen im Meer. Wir kommen so nicht mehr zur erwarteten und notwendigen Ruhe. Uralte Studien der Psychologie, und wir wundern uns über niedrige Aggressionsschwellen. Sie haben hier auch eine ihrer Ursachen. Unsere Planungen versagen immer an der Schnittstelle Mensch.

Mit wirtschaftlichen Erwägungen die Destruktion der Reste naturähnlicher Gefüge hoffähig zu machen, stellt neben dem Extrem der i.w.S. Naturphobie ein sicheres Zeichen dafür dar, dass wir Tiefpunkte denkbarer Entfremdung vom natürlichen System erreichen. Sie waren in der Geschichte immer untrügliches Zeichen, um nach dem grundlegenden Fehler im System zu suchen, wenn die kritische Selbstreflexion intakt war.

Da selbst Technologien schon so schnell sterben, dass sie meist keine Zeit haben, etwas systemeffizient retten zu können, bleibt nur noch Mensch an sich. Da gibt es positive Zeichen, denn die Kommunikationsphobie in wirklich menschlichen Belangen ist in der Generation U30 weit weniger ausgeprägt als bei der zugehörigen Ü. Mit vorgenannter Generation sollte man vielleicht einmal reden, wie sie sich Rostock vorstellt, wenn wir uns die Radieschen bereits von unten beschauen. Vorausgesetzt, wir haben dann noch unversiegelten Boden, auf dem solche in Rostock wachsen.

Arne Schoor

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