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Leserbriefe Mindestlohn oder Ausbeutung?
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14:23 04.12.2017
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Rostock

Der Durchblick verlangt ein bisschen ökonomische Schulung, aber eigentlich noch mehr kritischen Verstand. Dass die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind, bleibt wohl verschlossen. Einsparungen sind im Privathaushalt eventuell sinnvoll, gesamtwirtschaftlich aber völlig unsinnig, wie man beispielsweise an Portugal sieht, das sich den Spardiktaten von Merkel aus Berlin widersetzt und deshalb nun einen Aufschwung erlebt. Schäuble staunt!

Dass einige Branchen gegen den Mindestlohn Amok laufen, ist verständlich, geht es schließlich darum, Gewinne zu sichern und die Dividendenbezieher zu bedienen. Wenn Unternehmen Milliardengewinne einfahren und dazu noch kaum Steuern zahlen, darf getrost die Frage gestellt werden, warum die Arbeitnehmer nicht zu einem Mindestmaß auch an den Früchten der angebotenen Erwerbsarbeit beteiligt werden. Zumal, wenn die Klagen von DAX-Unternehmen kommen, die 31,6 Milliarden an einige wenige Dividendenbezieher ausgeschüttet haben.

Unternehmensmodelle, bei denen sich die Arbeitgeber ein wenig Luxus leisten können, indem sie den Arbeitnehmern Hungerlöhne zahlen und den Rat geben, sich den Rest vom Staat zu holen, haben bei uns nichts verloren. Immerhin subventionierte der Staat die „Aufstocker“ bereits mit über 50 Milliarden Steuergeldern, die anderweitig fehlen! Allein im Jahr 2016 zahlte der Staat insgesamt knapp 10,78 Milliarden Euro, um Aufstocker-Haushalte auf Hartz-IV-Niveau zu heben. Das sind rund 250 Millionen Euro mehr als noch im Vorjahr. Das reicht wohl immer noch nicht. Gier frisst Hirn!

Ebenfalls wurde der Beweis erbracht, dass die Horrorszenarien der angeblichen Wirtschaftswissenschaftler zum Verlust von hunderttausenden Arbeitsplätzen allesamt falsch waren. Im Gegenteil! Ebenfalls wird wohl den Arbeitgebern auch ewig ein Geheimnis bleiben, warum unsere Nachbarländer höhere Löhne zahlen können. Wie machen die Unternehmer das dort bloß? Und warum verlassen viele Fachkräfte Deutschland in Richtung Schweiz, Großbritannien, Niederlande oder Skandinavien? Doch wohl hauptsächlich wegen der viel besseren Bezahlung und den deutlich besseren Arbeitsmarktchancen in den anderen Ländern. Die Produktivität Frankreichs ist der Deutschlands vergleichbar. Warum sollte sich Deutschland also nicht einen Mindestlohn von 10,43 Euro (entsprechend des höheren Niedriglohnschwellenwerts in Deutschlands) leisten können?

Wie kann es überhaupt zu diesen extremen Exportüberschüssen kommen, wenn Deutschland angeblich ein Hochlohnland ist? Bald werden wir alle so „wettbewerbsfähig“ sein, dass sich keiner mehr etwas kaufen kann. Denn wer kann dann noch konsumieren? Überhaupt stellt sich dann die Frage, für wen noch produziert wird. Auf wen zielte eine Produktion, deren Träger (Arbeitskräfte) sich nicht ernähren können? Aber wenigstens ist ja Herr Haacker vom Mindestlohn Lichtjahre entfernt.

Benno Thiel

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