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Traditonsreiche Vergangenheit

Rostock Traditonsreiche Vergangenheit

Es gab und gibt daraus durchaus Veröffentlichungswertes aus der Geschichte der Ulmenstraße. „Viele der jungen chauvinistisch und nationalistisch verblendeten Soldaten des I.

Rostock. I. und III. Bataillons des Großherzoglichen Mecklenburgischen Füsilierregiments Nr. 90 „Kaiser Wilhelm“ an der Ulmenstraße zu Rostock verbluteten auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges oder kehrten als verwundete Krüppel heim. Im „Rostocker Anzeiger“ vom 23. Juni 1918 erdrückten spaltenlange Todesanzeigen von gefallenen Soldaten den Gedenkartikel zum Jubiläum der Stadt Rostock.

Mit dem Kanonendonner aus dem Buggeschütz des in Petrograd ankernden Kreuzers „Aurora“ am Morgen des 7. November 1917 wurde eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit eingeleitet. An der Seite der Petrograder Arbeiter, Soldaten und Matrosen kämpften auch deutsche Arbeiter, ehemalige Kriegsgefangene oder Internierte. Der Seemann Karl Kießling aus Bannewitz bei Wolgast gehörte zu jenen bewaffneten Kräften der Revolution, die das Telegrafenamt besetzten und am Sturm auf das Winterpalais teilnahmen.

Unter dem Einfluss der Oktoberrevolution nahm der Kampf der Volksmassen gegen den imperialistischen Krieg in Deutschland einen gewaltigen Aufschwung. Angespornt durch das Beispiel ihrer russischen Klassenbrüder erhoben sich am 3. November 1918 in Kiel die Roten Matrosen gegen die imperialistische Klassenherrschaft. Von den Militaristen in die Uniform der Kaiserlichen Marine gesteckten Arbeiter leiteten mit dem bewaffneten Aufstand die deutsche Novemberrevolution ein, die sich schnell über das ganze Land ausbreitete.

Am 6. November 1918 legten rot beflaggte Torpedoboote aus Kiel im Warnemünder Hafen an. Von Warnemünde ging die revolutionäre Bewegung auf Rostock über. 1.500 Soldaten der Rostocker Garnison berieten in Gehlsdorf mit den Kieler Matrosen und Arbeitern der Stadt die ersten Aufgaben der Revolution. Der Appell an die Arbeiter und Soldaten, sich wie die Matrosen und Werftarbeiter in Kiel zu erheben, veranlasste die Rostocker Werftarbeiter, die Arbeit niederzulegen und die Soldaten, ihre Offiziere abzusetzen.

Am 9. November 1918 entstand der Rostocker Arbeiter- und Soldatenrat. Auf dem Rostocker Rathaus wehte die rote Arbeiterfahne.

In Berlin kämpfte die am 11. November 1918 von Heinrich Dorrenbach und Paul Wieczorek geschaffene proletarische Matroseneinheit – die Volksmarinedivision – heldenhaft bis zu ihrer Auflösung nach den Märzkämpfen 1919.

In der Novemberrevolution 1918 fegten Arbeiter gemeinsam mit revolutionären Soldaten und Matrosen die Monarchie in Deutschland hinweg und erkämpfte wichtige demokratische Rechte. Die Grundfrage der Revolution, die Machtfrage, konnte das bewaffnete Proletariat jedoch nicht zu seinem Gunsten entscheiden. Die Hauptursache hierfür war die opportunistische Politik und Ideologie der rechten Führer der Sozialdemokratie. Aber im Feuer der Novemberrevolution entstand die Kommunistische Partei Deutschlands. In Rostock gründete eine kleine Gruppe linker Sozialdemokraten der USPD auf der Neptunwerft zunächst eine Organisation des Spartakusbundes, die Ende 1918 schon 50 Mitglieder zählte.

Am 19. Januar 1919 bildete sich die Rostocker Ortsgruppe der KPD.

Als im März 1920 in Rostock die Kapp-Putschisten versuchten, ihren konterrevolutionären Staatsstreich zu organisieren, antworten die Rostocker Arbeiter mit dem Generalstreik. Am 13.März 1920 trat ein Organisationsausschuss zusammen, dem Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilose angehörten. Schon am nächsten Tag konnte sich das erste Rostocker Arbeiterbataillon unter Leitung von Karl Otto formieren.

Rund 700 bewaffnete Arbeiter umstellten am 16. März 1920 die backsteinrote Kaserne an der Rostocker Ulmenstraße, in der sich etwa 600 Zeitfreiwillige mit zurück gebliebenen Truppen des III. Bataillons des Infanterieregiments 17 der Reichswehrbrigade 9 verschanzt hatten.

Den Eingeschlossenen gelang es nicht, den Belagerungsring der Arbeiter zu durchbrechen. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage der Putschisten forderte Marineleutnant Klein vom Flugplatz Warnemünde über Funk von Kiel Flugzeuge mit Bomben zum Einsatz gegen die Rostocker Arbeiterwehr an.

Am 18.März 1920 unternahmen sechs der brutalsten Konterrevolutionäre einen gewaltsamen Ausbruchsversuch. Bestückt mit einem schweren Maschinengewehr, rasten sie in voller Fahrt durch die Ulmenstraße. Dabei schossen sie blindwütig auf Türen und Fenster der Häuser, töteten den Arbeiter Warning, verletzten den Maurer Heinrich Dähn und verwundeten Frau Martha Vilense aus der Margaretenstraße 21 am Fenster ihrer Wohnung schwer.

Im Friedhofsweg bereiteten die empörten Arbeiter den Kapp-Putschisten einen gebührenden Empfang. Sie erwiderten das Feuer der Mordschützen und setzten so die Amokfahrer außer Gefecht. Vier von ihnen waren kaisertreue Offiziere oder königlich-preußische Fahnenjunker, ein Gutsbesitzer aus Redewisch befand sich darunter, und der LKW-Fahrer gehörte später zur NSDAP-Gauleitung Mecklenburg-Lübeck.

Die in der Ulmen-Kaserne eingeschlossenen Zeitfreiwilligen versuchten unter Mitnahme vieler Waffen, der Umklammerung der Arbeiter zu entkommen. Wild um sich schießend, flüchteten sie über die Kasernenmauer am Bahnhof Parkstraße in Richtung Güstrow. Ihnen folgten mehrere proletarische Hundertschaften aus Rostock, die die Kapp-Putschisten mit Unterstützung Bützower Arbeiter beim Dorf Katelbogen umzingelten und nach kurzem Gefecht entwaffneten.

Am 4. Oktober 1964 wird dem deutschen Teil der backsteinroten Kaserne an der Ulmenstraße der Traditionsname des revolutionären antifaschistischen Hamburger Arbeiterführers Fiete Schulze verliehen. Die traditionsreiche Ulmenstraße wird am 22. Oktober 1969 in Fiete-Schulze-Straße umbenannt. Am 29. November 1985 wird der Grenzbrigade Küste der Ehrenname „Fiete Schulze“, die ihren Führungssitz in der Kaserne an der einstigen Ulmenstraße hat, verliehen.

Mit dem Untergang der DDR verschwindet auch der Name des Antifaschisten und Kriegsgegners Fiete Schule aus dem Stadtverzeichnis und dem Gedächtnis der Menschen der Ulmenstraße. Eine neue Umbenennung hielt ich für angebracht, z.B. in Oberst-Georg-Klein-Straße.

Erwin Otte

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