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Wer schreibt den letzten Akt?

Zum Aufstieg und Fall des Staatstheaters Nordost Wer schreibt den letzten Akt?

Thomas Wieck aus Berlin

Berlin. Krachledern oder halbseiden, so wie einige Inszenierungen des Theaters Vorpommern üblicherweise daherkommen, so präsentiert sich auch das vielaktige aber sehr reale vorpommersche Schicksalsdrama „Staatstheater Nordost“. Jetzt scheint dieses monumentale Drama ein schändliches Ende zu nehmen, bloß, wer schreibt den letzten Akt?

Keiner der Beteiligten wollte es wahrhaben, was jedem mit der Theatermaterie Vertrauten klar war: das „Staatstheater Nordost“ (welch merkwürdiger Staat mag das wohl sein: „Nordost“?) kostet mehr als es sich die Erfinder träumen ließen oder aber – und das dürfte der Realität näher kommen –, sie verrieten. Mit dieser Technik des Herunterrechnens der wirklichen Kosten übernahmen sie nur die seit langem von Architektenbüros und Politikern in trauter Zweisamkeit geübte Praxis der viel zu niedrig angesetzten Investitionssummen, um der Bevölkerung manch sinnlosen Bau aufzuschwatzen und manch notwendigen Bau schön zu reden und klein zu rechnen. Natürlich über die Köpfe aller anderen, was immer die Mehrheit der betroffenen Bevölkerung ist, des angebliche Souverän, hinweg. Es wäre nun guter demokratischer Brauch, dass die hauptverantwortlichen Projektemacher und Rechenmeister dieses Staatstheaters in spe schleunigst ihr Päckchen packen und sich still seitwärts in die Büsche schlagen.

Ein jährlicher 40 Millionen - Etat für ein Theater mit einem Einzugsgebiet von ca. 400 000 Einwohnern sind eine tatsächlich absurde Summe, denn von diesen 400.000 sind einschlägiger theatersoziologischer Erfahrung nach höchstens 10 Prozent potenzielle Theatergänger. Um allein die möglichen, damit aber keineswegs als realisiert anzunehmenden Interessen von ca. 40.000 Personen vorauseilend zu befriedigen, stellt die öffentliche Hand, zum Großteil gespeist aus der Arbeit aller, 40 000 000 Euro großzügig jährlich zur Verfügung. Diese Relation ist asozial, dürfte aber jedem der Beteiligten von vornherein bekannt gewesen sein. Trotzdem wurde das Projekt weiter vorwärtsgetrieben. Warum?

Kulturpolitische und -ökonomische Gründe scheiden aus, bleiben allein private Interessen einiger Weniger. Wer diese sind, ist so lange belanglos, solange sicher ist, dass dieses geldfressende Theaterungeheuer (Staatstheater Nordost) sich in Wohlgefallen auflöst und seine geistigen Väter und Mütter sich aufs Altenteil zurückziehen. Es gibt keinen Grund die bisherige Theaterstruktur zu ändern, aber viele Gründe die öffentliche Wirksamkeit derselben zu verbessern. Und da gibt es nur einen Weg, der über künstlerische Qualität und territoriale Verankerung in den Spielgebieten und ihrer Bevölkerung führt.

Theater für die Stadt und in der Stadt – in Stralsund, in Greifswald, in Neubrandenburg und Neustrelitz. Wo das nachweisbar nicht gelingt, sind die verantwortlichen Künstler freundlichst aber nachdrücklich anzuhalten, sich anderwärts umzusehen. Und das ist nun mal Sache der Bürgermeister. Und wenn die von der Sache nichts verstehen, was ihnen niemand verübeln kann, dann sollten sie sich theatererfahrene und gänzlich unvoreingenommene Ratgeber bestellen. Aus dem Schweriner Ministerium ist diesbezüglich nichts zu erwarten.

Thomas Wieck

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