Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Studium und Beruf Wenn Handwerker das Handwerk verlassen
Mehr Studium und Beruf Wenn Handwerker das Handwerk verlassen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:24 14.05.2018
Maßarbeit bei Spezialisten: Bei seinem Arbeitgeber Microquartz in München arbeitet Eric Jacob unter anderem an solchen hauchdünnen Quarzglaskapillaren. Quelle: Tobias Hase

München (dpa/tmn) – Das Gehalt war Eric Jacob am Anfang seines Berufslebens ziemlich egal. „Ich fand es interessant, ein Handwerk zu lernen und etwas Künstlerisches zu machen“, sagt der 28-Jährige.

Doch schon während seiner Ausbildung an der Berufsfachschule Glas im thüringischen Lauscha stellte er fest, dass die Arbeit als selbstständiger Glasbläser eine ziemlich brotlose Kunst ist. Also sattelte Jacob eine Ausbildung zum Apparatebauer drauf - in der Hoffnung, anschließend Kühlapparaturen und ähnliches Glaszubehör für Labore bauen und reparieren zu können. „Das ist eine ganz coole Arbeit, aber es wird selten etwas frei.“ Wer so einen Job einmal hat, behält ihn meist lange.

Jacobs Plan hat aber trotzdem funktioniert, wenn auch auf Umwegen: Mittlerweile arbeitet der gebürtige Berliner als Produktionsbetreuer bei dem Spezialglas-Unternehmen Microquartz auf dem Siemens-Gelände in München.

Die Firma stellt kilometerlange, hauchfeine Röhrchen aus Quarzglas für Gaschromatografen her. Jacobs jetziger Job sei so speziell, „dass man ihn nirgends lernen kann und dass es eine gewisse Unschärfe im Anforderungsprofil gab“, sagt sein Chef Daniel Schichl. Wichtig sei ihm gewesen, jemanden zu finden, der sich mit dem Werkstoff Glas bestens auskennt. „Ich habe gezielt auf die Industrie hingearbeitet“, sagt Jacob.

„Bei der Bezahlung wird das Handwerk nie mithalten können“, sagt Bernd Stockburger von der Handwerkskammer Region Stuttgart. „Wenn Handwerker in die Industrie abwandern, dann in aller Regel wegen der besseren Bezahlung.“ Wanderungsbewegungen habe es zwar schon immer gegeben, die gute konjunkturelle Lage habe das Phänomen aber verstärkt.

Positiv gesehen könne man es als Kompliment und sichtbares Zeichen für die hohen Ausbildungsstandards im Handwerk werten, wenn Handwerksgesellen auch anderswo gefragte Fachkräfte seien, erläutert Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). „Allerdings liegt es gerade in Zeiten eines zunehmenden Fachkräftemangels nicht im Interesse eines Betriebes, nach einer Ausbildung wertvolle Fachkräfte zu verlieren.“

Für Arbeitnehmer dagegen ist die Wechselmöglichkeit eine gute Nachricht. Denn nicht nur in der Region Stuttgart sind vor allem Feinwerkmechaniker, Elektriker, Metallbauer, Kfz-Mechatroniker oder Anlagenbauer aus dem Handwerk gefragte Industrie-Arbeitskräfte.

Laut einer Studie des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen von 2016 wird das Thema seit etwas mehr als zehn Jahren immer wichtiger, vor allem in Elektro- und Metallberufen. Kein Wunder angesichts dieser Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft im Handwerk verdient demnach derzeit durchschnittlich 2782 Euro, während ein Facharbeiter in einem nicht-handwerklichen Betrieb des produzierenden Gewerbes durchschnittlich 3794 Euro bekommt.

Lässt sich der Trend noch umkehren? „Jeder Handwerksbetrieb muss sich aufhübschen“, sagt Stockburger. Schließlich habe die Arbeit dort auch ihre Vorteile: Punkten könnten die Betriebe mit familiärer Arbeitsatmosphäre, mit besseren Arbeitszeiten als in der Industrie und der Tatsache, dass die Mitarbeiter einen erkennbaren Anteil am Firmenerfolg haben. „Sie sehen am Ende des Tages, was sie geleistet haben. Sie sind kein Rädchen im großen Getriebe“, sagt der Ausbildungsexperte.

Mehr zum Thema

Wehret den Anfängen - das gilt am besten auch für Mobbing unter Kollegen. Denn ist das Arbeitsklima erst vergiftet, können Konfrontationen schnell eskalieren.

08.05.2018

Immer mehr junge Leute in Deutschland studieren. Ob jemand die Uni besucht, hängt aber noch immer stark vom Elternhaus ab. Das zeigt eine aktuelle Studie: Sind Mama oder Papa auch Akademiker, sind es vermutlich auch die Kinder - ansonsten eher nicht.

09.05.2018

Azubis müssen ihre Abschlussprüfungen nicht beim ersten Versuch bestehen. Sie kann nachgeholt werden. Doch welche Hilfe können sich junge Menschen suchen, wenn sie merken, dass eine erfolgreiche Abschlussprüfung in weite Ferne rückt?

09.05.2018
Studium und Beruf Nicht nur Dübel in der Wand - Wie werde ich Fassadenmonteur/in?

Verschiedene Formen, Farben und Größen von Gebäuden machen ein Stadtbild erst interessant. Verantwortlich dafür sind Fassadenmonteure: Sie verkleiden Gebäude mit Glas, Keramik oder Metall und sorgen dafür, dass alles schützt und richtig sitzt.

14.05.2018
Studium und Beruf Nichts als Fußball im Büro - Überlebenstipps für WM-Muffel

Das unfassbare Tor aus der zweiten Halbzeit. Der furchtbare Schiedsrichter im Abendspiel. Und wie sind die deutschen Chancen im Viertelfinale? Für Fußball-Fans ist die WM auch ein Festival der Fachsimpelei - für deren Kollegen aber oft eher eine Tortur.

11.05.2018

Azubis müssen ihre Abschlussprüfungen nicht beim ersten Versuch bestehen. Sie kann nachgeholt werden. Doch welche Hilfe können sich junge Menschen suchen, wenn sie merken, dass eine erfolgreiche Abschlussprüfung in weite Ferne rückt?

09.05.2018