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Auf dem Weg zum Elder Statesman

Berlin Auf dem Weg zum Elder Statesman

Dem steilen Aufstieg folgte ein jäher Ausstieg. Am 7. April wird Gerhard Schröder 70 — und nähert sich der Politik wieder an. Am liebsten von oben.

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Die große Gerd-Show: Altkanzler Gerhard Schröder verdankte seine Popularität nicht zuletzt der gleichnamigen Radio-Satire. Seine vierte Frau Doris war auch Beraterin. Als Kanzler startete er mit Joschka Fischer und Oskar Lafontaine. Mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin versteht er sich bis heute. Zu den Lieblingsenkeln von Willy Brandt gehörte der einstige Mittelstürmer vom Tus Talle (Spitzname „Acker“) und spätere Juso-Chef nicht unbedingt. Ihm gefällt, wie ihn Maler und Freund Jörg Immendo

Quelle: Fotos: Imago, Paul Glaser, AP, AFP, dpa (5) Montage: Wapner

Berlin. Wie er so dasitzt, grauer Maßanzug, Seidenkrawatte, der Teint vielleicht eine Spur zu dunkel, die Fingerspitzen sanft aneinander getippt im Rhythmus der Argumente, immer bereit, das Wolfslächeln anzuschalten — der könnte schon noch Kanzler.

Doch eine Rückkehr kommt nicht in Betracht. „Wenn Sie mal Kanzler waren, können Sie keinen anderen Politikberuf mehr ergreifen“, sagt Schröder in dem kürzlich erschienenen Interview-Buch „Klare Worte“ (Herder-Verlag). Das abrupte Ende seiner Politikerkarriere nach der — freilich absehbaren — Wahlniederlage 2005 hat Schröder genutzt für einen Seitenwechsel. Seine politische Karriere sollte ihm endlich auch einen finanziellen Ertrag bringen.

Zwar gibt der frühere Bundeskanzler als Beruf wieder Rechtsanwalt an, doch das heißt nicht, dass er in seine früheren hannoverschen Kreise zurückgekehrt ist. Schröder ist als Wirtschaftsmanager ein Global Player. Unter anderem leitet er den Aufsichtsrat, den Aktionärsausschuss, wie man in der Schweiz sagt, der Nord Stream AG. Das Unternehmen mit Sitz im Schweizer Steuersparkanton Zug bildet das Betreiberkonsortium der Ostseepipeline. Die Gasleitung zwischen dem russischen Wyborg und Lubmin bei Greifswald in Vorpommern ist seit zwei Jahren ohne nennenswerte Vorfälle in Betrieb.

Schröder hatte den Job 2006 übernommen — wenige Monate, nachdem er als Bundeskanzler mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin die Absichtserklärung zum Bau der Pipeline unterzeichnet hatte. Seither leitet er die Sitzungen des etwa vier Mal im Jahr tagenden Gremiums. Die finden in der Regel am Flughafen in Zürich statt. Schröder habe Probleme, die zwischen den Vertretern der Anteilseigner Gazprom, Wintershall, Eon, Gasunie und GDF Suez aufgekommen seien, „extrem gut gemanagt“, berichtet Nord-Stream-Sprecher Ulrich Lissek. „Wir wären ohne ihn an vielen Punkten heute nicht da, wo wir sind.“

Für seine Tätigkeit erhält der Altkanzler eine Vergütung, die etwas unter dem Durchschnitt der Aufsichtsratsvorsitzenden der im Leitindex Dax gelisteten 30 Großkonzerne liegt. Schröder habe außerdem bei Nord Stream kein weiteres Aufsichtsratsmandat, heißt es in seinem Berliner Büro, das ihm als Kanzler a.D. zur Verfügung steht. Als solcher bezieht er noch eine Pension in Höhe von 7750 Euro im Monat. Ein weiterer Arbeitgeber ist der Züricher Ringier-Verlag.

Natürlich wird Schröder in diesen Tagen häufig angesprochen auf das Verhältnis zu seinem Duz-Freund Wladimir Putin. Vor allem das Bonmot vom „lupenreinen Demokraten“ hängt ihm an, er rückt nur scheinbar davon ab. Der Begriff sei nicht von ihm gewählt worden, sagt Schröder, sondern von dem Fernseh-Talkmaster Reinhold Beckmann. Vielleicht hätte er den Ausdruck damals so nicht stehen lassen sollen, räumt er ein.

Bei den Sozialdemokraten fangen sie gerade an, ihren Gerd wieder mehr zu mögen. Vor Monaten noch hatte der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel in einem Interview gesagt, die „Agenda 2010“ passe „nicht zu den Genen der SPD“. Das muss wehtun, wenn man von der amtierenden Kanzlerin Dankesbezeugungen dafür bekommt, dass seine Reformen den deutschen Sozialstaat überlebensfähig machten. Mit seiner zweiten großen Lebensleistung, die Deutschen herausgehalten zu haben aus dem Irakkrieg, haben sich die Genossen schnell verbunden gefühlt.

Dem Privatmann Schröder kann man, selbst wenn man es nicht darauf anlegt, hin und wieder in Hannover begegnen. Früh morgens streift er bisweilen mit Terrier Holly um den Maschsee, und regt sich, wie andere Rentner auch, über aggressive Kampfradler auf. Seit seine Frau Doris in die Landespolitik einstieg und so zeitlich gefordert ist, muss der Pensionär trotz seiner Nebentätigkeiten ins Alltagsmanagement der Kleinfamilie einsteigen. Die beiden adoptierten Kinder sind schulpflichtig, müssen bisweilen von A nach B transportiert werden. Das politische Alpha-Tier Gerhard S. eine „Hockey-Mum“ nach amerikanischem Vorbild?

Eine deutsche Illustrierte hat sich vor Kurzem wohl genau solche Sorgen gemacht und eine ihrer erfahrensten Gesellschaftsreporterinnen auf den Altkanzler angesetzt. Ihr Porträt ist ganz freundlich ausgefallen, so freundlich, dass man schon wieder Mitleid haben muss mit dem Kanzler a.D. Es habe etwas Verlorenes, wie der Großpolitiker mit seinem Charisma, seinem Mutterwitz und seiner Intelligenz um Zuwendung buhlen müsse auf politisch zweitrangigen Veranstaltungen. Wenn er nicht Zeit mit seiner Familie verbringen müsse in Hannover-Waldheim, im Ferienhaus auf Borkum oder an der türkischen Mittelmeerküste, dann hetze er in Privatfliegern seiner besten Freunde durch die Welt, um Vorträge zu halten und Firmen zu beraten. Da blühe der Mann regelrecht auf. Wenn er aber für einen Kindergeburtstag oder Elternabend einen Redeauftritt sausen lasse, dann wirke er regelrecht traurig, verdüstert.

Ganz so schlimm wird es wohl nicht sein. Wenn nicht alles täuscht, dann hat er den Weg eingeschlagen, den Elder Statesman zu geben. Die Gene dazu hat er. Seine Mutter ist 99 Jahre alt geworden.

Russisches Gas nach MV
2005 wurde bekannt, dass Gerhard Schröder einen lukrativen Posten bei der Nord Stream AG annimmt. Die betreibt die Ostsee- Pipeline über 1224 Kilometern vom russischen Wyborg bis nach Lubmin bei Greifswald. Das russische Unternehmen Gazprom hält an der Nord Stream AG einen Anteil von 51 Prozent.
Schröder hatte die Ostsee-Pipeline von Russland nach Mecklenburg- Vorpommern bereits als Regierungschef sehr wohlwollend begleitet.

 



Reinhard Urschel

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