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„Charlie Hebdo“ — der Kampf geht weiter

„Charlie Hebdo“ — der Kampf geht weiter

Heute kommt das Satireblatt mit drei Millionen Exemplaren auf den Markt. Es wird eine Mischung aus beidem sein — Provokation und Versöhnung.

Paris — Die Überlebenden von „Charlie Hebdo“ lassen sich nicht unterkriegen: Mit der jüngsten Ausgabe der Satirezeitung ist den Karikaturisten eine Woche nach dem tödlichen Anschlag auf ihre Redaktion eine Mischung aus Provokation und Versöhnung gelungen.

Ein weinender Prophet Mohammed schaut den Leser vom Titelblatt an, in der Hand ein Schild mit der weltweit bekannten Solidaritätsbekundung „Je suis Charlie“ — „Ich bin Charlie“. Und darüber steht: „Alles ist vergeben.“ Er habe das geschrieben und angefangen zu weinen, sagte der Zeichner Luz gestern mit Tränen in den Augen. „Unser Mohammed ist in erster Linie ein Mann, der weint. Ich habe keinerlei Sorge, was mein Titelblatt angeht. Denn ich glaube, dass die Menschen intelligent sind, immer mehr, als man glaubt.“

Heute kommt das Blatt mit einer Rekordauflage in den Handel. Ursprünglich waren eine Million Hefte geplant, doch die Nachfrage war riesig. Zeitungshändler berichteten von langen Wartelisten. Schließlich wurden drei Millionen — statt sonst rund 60000 — Exemplare gedruckt, die jetzt in 16 Sprachen in 25 Ländern verkauft werden sollen.

Die Einnahmen aus der neuen Ausgabe, die zwei Monate lang in den Kiosken ausliegen soll, gehen an die Zeitschrift sowie an die Angehörigen der Opfer.

Nach Deutschland werden „nach derzeitigem Stand“ 10500 französischsprachige Hefte geliefert, sagte gestern ein Sprecher des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Sie sollten Sonnabend in den Kiosken sein, die Nachfrage werde die Menge aber wohl „bei weitem“ übertreffen.

Acht „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter wurden beim Überfall erschossen, unter ihnen die legendären Zeichner Charb, Cabu, Wolinski, Tignous und Honoré. Frankreich stürzte in einen Schockzustand, doch den Überlebenden der Zeitung war rasch klar, dass sie nicht klein beigeben dürfen. Schon am Tag nach den Anschlägen betonte „Charlie“-Kolumnist Patrick Pelloux: „Wir werden weitermachen.“

Rund ein Dutzend Mitarbeiter des Satireblatts arbeitete seit Ende vergangener Woche an der Ausgabe. Die linksgerichtete Tageszeitung „Libération“ bot ihnen Unterkunft — wie schon nach einem Brandanschlag auf die Redaktionsräume 2011. „Charlie Hebdo“ hatte da wieder einmal MohammedCartoons veröffentlicht. Dass in der neuen Ausgabe nun erneut eine Karikatur des Propheten abgedruckt wird, ist für die Macher eine Selbstverständlichkeit. „Es wäre verwunderlich gewesen, wenn es keine gegeben hätte“, sagte ihr Anwalt Richard Malka. „In den vergangenen 22 Jahren gab es bei ,Charlie Hebdo‘ keine Ausgabe ohne Karikaturen vom Papst, von Jesus, von Priestern, Rabbinern, Imamen oder von Mohammed. Wir werden nicht zurückweichen, sonst hätte das alles keinen Sinn gehabt.“

Die Mohammed-Zeichnung auf der Titelseite ist die einzige Karikatur des Propheten, dafür macht sich die Zeitung ausgiebig über religiöse Fanatiker lustig. Auf der letzten Seite findet sich ein Cartoon von Luz, in dem islamistische Terroristen im Paradies ankommen und fragen enttäuscht: „Wo sind die 70 Jungfrauen?“ Die Antwort:

„Beim Team von Charlie, du Trottel.“ Auf einer Doppelseite ist zudem eine Karikatur des getöteten Zeichners Cabu zu sehen, in der die Syrien-Reise von Dschihadisten mit dem europäischen Studienaustauschprogramm Erasmus verglichen wird. Das Heft soll auch einen Text der renommierten Psychoanalytikerin Elsa Cayat enthalten, die für „Charlie Hebdo“ schrieb und bei dem Anschlag getötet wurde. Der verletzte Zeichner Riss lieferte aus dem Krankenhaus Karikaturen zu. Überhaupt werden viele ältere Karikaturen und Texte getöteter Kollegen abgedruckt.

„Libération“-Publikationsdirektor Laurent Joffrin sagte, „Charlie Hebdo“ habe mit der Ausgabe seine „zarte Seite gezeigt“. Doch für viele Muslime sind Abbildungen des Propheten nicht hinnehmbar. Die ägyptische Islambehörde sprach von einer „ungerechtfertigten Provokation der Gefühle von 1,5 Milliarden Muslimen“, der französische Zentralrat der Muslime rief vorsorglich zur „Ruhe“ auf.

In Frankreich hält aber vor allem die Welle der Solidarität für die Satirezeitung an. Das kommt auch in den Vorbestellungen für die neue Ausgabe zum Ausdruck. Manche Behörden und Unternehmen haben gleich Tausende Exemplare bestellt, Rathäuser wollen „Charlie“ den Einwohnern ihrer Gemeinde schenken, Firmen ihren Mitarbeitern, Theater ihren Gästen.

 



OZ

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