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Nachrichten Coole Sprünge, coole Typen
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00:00 18.07.2013
Nur Fliegen ist schöner: Kitesurfer genießen gleichzeitig die Geschwindigkeit und den freien Flug über die Wellen. Beim Welt Cup vor St. Peter-Ording treffen die besten der Zunft aufeinander. Quelle: Sebastian Schäffel
St. Peter-Ording

Der Verkaufsschlager sind Pudelmützen. Und das am Strand, bei wolkenlosem Himmel, bei über 20 Grad. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Die Bommel sind neongelb, quietsch-orange oder froschgrün. 15 Euro kostet das Stück. „Erst waren sie praktisch, dann nützlich — und jetzt einfach stylisch“, erklärt Nik Ressig. Der 36-Jährige trägt ein grün-blau-gestreiftes Modell, lässt darunter seine feuchten Haare trocknen, schützt seine Ohren vor dem Wind. Ressig startet für das Team Germany beim Kitesurf World Cup vor St. Peter-Ording, wo noch bis Sonntag die besten Sportler der Welt gegeneinander antreten.

Und Style ist dabei das Stichwort. Am Check-In-Schalter bedient eine blonde Mitarbeiterin in zerrissenen Hotpants die ankommenden Gäste. Auf dem Parkplatz stehen Hunderte VW-Busse und Wohnmobile.

Davor wird gegrillt, Hip-Hop-Beats klingen aus den mitgebrachten Boxen der Gäste und Teilnehmer. Der Sport ist jung, die meisten Besucher auch. „Wir wollen eine Art Festivalcharakter schaffen“, sagt Sprecher Sven Kaatz. Zum achten Mal ist St. Peter-Ording Austragungsort des Weltcups, rund 150 000 Besucher werden erwartet. Kaatz meint: „Egal ob 8 oder 80 Jahre alt — auch die Gäste sollen zu uns kommen, die sich nicht nur für den Sport interessieren.“ Manchmal bleibt der ohnehin aus: Die Fahnen wehen zwar im Wind, fünf Knoten reichen aber nicht aus, zehn sollten es zum Kiten schon sein.

Also, Zeit für einen Bummel über das 20 000 Quadratmeter große Gelände am Strand. „Lufthansa Fun-Area“, „MTV Segway Parcours“, Probesitzen in den neuen VW‘s. Die Sponsoren finanzieren das Groß-Event mit und wollen auf St. Peter ihr Image aufpolieren. Attraktiv werden für die coolen Kids. Ihre Side-Events sorgen zumindest für Abwechslung bei der Flaute.

Selbst die Bundeswehr ist mit einem Stand vertreten und will ihren Coolnessfaktor erhöhen. Karriereberatung am Beach. Präsent sein, Fragen beantworten seien die Aufgaben, sagt ein Bundeswehr-Berater.

„Damals hatte ich auch noch lange Haare wie du“, erzählt er einem jungen Interessenten.

Alle sind hier per Du — und das ist nicht unsympathisch. Auf dem Gelände bewegen sich Europameister und Weltcupsieger wie normale Urlauber. Die mehrfache Weltmeisterin aus Frankreich, Gisela Pulido, vertreibt sich die Zeit beim Beachvolleyball. Jan-Philipp Ehm aus Plön hat dafür gerade keine Zeit. Mit 13 Jahren ist er der jüngste Teilnehmer beim Weltcup und muss gerade seine Ausrüstung checken. Im Freestyle, also der Disziplin, in der Tricks auf dem Board von einer Jury bewertet werden, ist der „Blind Judge“ einer seiner Paradesprünge. Dabei hakt er seine Sicherung des Schirms erst aus, dreht sich dann um 180 Grad in der Luft und übergibt die Stange des Kites dann hinter seinem Rücken. Der Trick ist ein Muss, um in der Bewertung durch die Juroren am Ende auf einem der vorderen Plätze zu landen. Im ersten Lauf hat es für Jan-Philipp nicht ganz gereicht, er hofft jetzt auf den Hoffnungslauf. Mit seinen Eltern wohnt der Schüler aus Plön die Woche im Wohnmobil am Strand. Im Fahrerlager fühlt er sich voll akzeptiert. „Na klar, unterschätzen mich auch einige“, glaubt er. Irgendwann will Jan-Philipp bei der Deutschen Meisterschaft einmal auf dem Podium stehen.

Kraft und Geschicklichkeit, darauf kommt es an im Freestyle, auf Erfahrung und Ausdauer im Slalom, der zweiten Hauptdisziplin. Nur der Schnellste gewinnt, wenn er einen festgelegten Bojen-Kurs fehlerfrei umkurvt. Während im Freestyle nur die Jüngeren oben mitmischen, haben im Slalom eher die Älteren die Oberhand.

Manchmal auch der Älteste. Detlef Teichmann ist mit 64 Jahren der Oldie im Feld. Zur Silberhochzeit 1999 bekam der Berliner von seiner Frau einen Kitesurfkurs geschenkt. Danach war der gelernte Segler Feuer und Flamme. In St. Peter-Ording wurde er im ersten Lauf immerhin Elfter von 40 Startern. „Ich könnte der Großvater von den meisten hier sein“, rechnet Teichmann vor. Respekt erhalte er für seine Leistung, sagt er. Normalerweise reist der pensionierte Siemens-Ingenieur dem Kitesurf-Zirkus aber nur durch die Welt hinterher und dreht Videos für das Internet.

Live dabei ist dagegen Heinz- Dieter Hecke, der Badestellenleiter am Strand. Er lobt Sportler und Gäste: „Alle sehr diszipliniert“. Zwar seien Gemeinde als auch Rettungskräfte mit mehr Personal vor Ort als an regulären Sommertagen, aber das Chaos breche durch den Weltcup nicht aus. Einzig der Müll werde mehr. Aber dafür gibt es ja den „Beachcleaner“. Das traktorähnliche Ungetüm pflügt in den Morgenstunden zweimal über das Areal. „Der holt selbst den letzten Kronkorken aus dem Sand“, freut sich Hecke und meint: „Ziemlich cool.“ In St. Peter-Ording wird in diesen Tagen eben sogar die Müllabfuhr richtig stylisch.

World Cup-Programm
Heute

10 bis 18 Uhr: Kitesurf-Wettkämpfe in allen Disziplinen und Side-Events am Strand von St. Peter-Ording

19 Uhr: N-Joy The Party

21.30 Uhr: Live-Musik (Cosmo Klein)

Morgen

10 bis 18 Uhr: Kitesurf-Wettkämpfe in allen Disziplinen und Side-Events

19 Uhr: N-Joy tThe Party

22 Uhr: Live-Musik The Disco Boys

Sonnabend

10 bis 18 Uhr: Kitesurf- Wettkämpfe in allen Disziplinen und Side-Events

22 Uhr: Live-Musik mit Dicofamily

Sonntag

10 bis 18 Uhr: Kitesurf-Wettkämpfe in allen Disziplinen und Side-Events

16 Uhr: offizielle Siegerehrung für alle Disziplinen

Jan Wulf