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Nachrichten Das Duell um Deutschland
Nachrichten Das Duell um Deutschland
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00:00 31.08.2013

Berlin — Morgen ist TV-Einschalttag, drei Wochen später ist Wahl- Zahltag. Das einzige Fernsehduell von Amtsinhaberin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) um den Posten des Bundeskanzlers verspricht zum Quotenerfolg und zum Risiko-TV gleichermaßen zu werden. Jeder zweite Wahlberechtigte will sich die 90-minütige Politik-Schau ab 20.30 Uhr ansehen.

Steinbrücks SPD liegt in Umfragen bei nur rund 25 Prozent. Aber Schwarz-Gelb kommt momentan nur auf einen Prozentpunkt mehr als Rot-Grün plus Linkspartei zusammen. Bisher war die Union fast immer in Umfragen vor der Bundestagswahl besser als am Wahltag.

„Allerschlechteste Opposition“

Die SPD will mit Steinbrück zumindest die Hälfte der rund zehn Millionen früheren SPD-Wähler zurückgewinnen, die sich mittlerweile enttäuscht passiv verhalten. Ein ehemals führendes Mitglied der Bundesregierung beschreibt die Ausgangssituation respektlos offen: „Die schlechteste Regierung der Nachkriegszeit wird nur noch übertroffen von der allerschlechtesten Opposition.“

Angela Merkel soll, so heißt es, wie schon früher von ehemaligen ZDF-Journalisten vorbereitet worden sein. Wegen ihrer ausgeprägten Schlagfertigkeit ist sie aber noch nie gewählt worden. Steinbrück hat angeblich wieder mit der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel probiert. Die Ausgangslage ist klar: Hier präsentiert die Bundeskanzlerin weitgehend detailfrei ihre Politik, dort startet der Kontrahent polemisch dosierte Frontalangriffe.

Unions-Ziel mit Merkel war es bisher, den Wahlkampf möglichst frei von großen Themen zu halten. So hofft man, auch bis zum 22. September keine große Wechselstimmung aufkommen zu lassen. In den SPD-Planungen gab es bisher ein starkes Auf und Ab von Kurzzeit-Erregungen: Daten-Ausspähung, Euro-Debatte, Mietpreisbremse, Energiewende und in den letzten Stunden das Thema Militärschlag gegen Syrien. Im öffentlichen Bewusstsein blieb aber kein großer Parteienstreit über unterschiedliche Grundsätze hängen. Abwarten als Konzept scheint selbst in der Syrien-Frage nach dem britischen Nein zu einem Militärschlag eine Lösung zu sein.

Als Risiko gilt, dass Steinbrück durch die Kritik der letzten Wochen schon mit einem falschen Wort reizbar gemacht werden könnte. Der SPD-Kandidat muss und will trotzdem knallhart rangehen, beispielsweise beim Mindestlohn, der ungleichen Vermögensverteilung, dem Wirrwarr bei der Energiewende und bei der Krieg-oder-Frieden-Frage. Eingeschworen ist Steinbrück auf die größte denkbare Falle: ein Angriff auf Merkel im Eifer des Gefechts, der als Vorwurf gegen eine Frau missverstanden werden könnte. Er ist schon bisher als Kandidat alles andere als ein Frauentyp.

Nicht unfreundlich werden

Präsidentin gegen den Kavalleristen, das ist die Ausgangslage. Zwei Kandidaten, vier Moderatoren — ein sechsfaches Ego. Unfreundlich darf niemand werden. Angela Merkel redet viel, sagt wenig Belastbares; Peer Steinbrück redet viel und schnell, manches rutscht ihm dabei heraus.

Ein komplett dienstfreies Wochenende hat sich Angela Merkel zugeteilt, um morgen ausgeruht und gelassen ins Kanzler-Duell zu gehen. Man weiß, was auf dem Spiel steht. Sie genießt den Vorteil der Routine, ist gegen fast alle Kritik abgehärtet: Von der Pony-Frisur bis zur Tatenlosigkeit spielte fast alles schon einmal eine Rolle. Lange Zeit ärgerte sich die CDU-Chefin darüber, reagierte und regierte kühl und technokratisch. 2013 wird der emotionale Wandel inszeniert: Werbung in eigener Sache, präsidial, nah, nur nicht die Bürger verärgern.

Der Sozialdemokrat weiß, dass zu Merkels Stärken weder die freie Rede noch der Klartext gehört. Ihr Schutz ist die fast grenzenlose Gelassenheit. Man hat ihm gesagt, schon wenn er es schaffe, dass sie seinen Namen ausspreche, hätte er den ersten Duell-Punkt gemacht.

Peer Steinbrück steht beim TV-Zweikampf vor zwei Mega-Aufgaben: Er will seine eigene Reputation wiederherstellen (nach einem beispiellos holprigen Wahlkampf und einer nahezu totalen Medienkritik), und er muss der SPD und ihren enttäuschten früheren Wählern ein neues Gefühl der Selbstachtung und des Mutes zurückgewinnen. Da er stets Gefahr läuft, sich selbst zu entflammen, wird das rhetorisch gesehen ein Ritt auf der Rasierklinge. Die CDU-Vorsitzende wird es mit ihrer Version der Agenda 2013 probieren: Eigentlich wolle Deutschland doch so bleiben, wie es ist. Eine der beiden Karrieren dürfte am Wahlsonntag zu Ende sein.

Dieter Wonka

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