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Nachrichten Der Aufsteiger
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00:00 09.09.2013

Rostock/Lübeck — Mit 35 musst du oben sein, sagte die Großmutter, dann hast du es geschafft. Das mag beiläufig klingen, nach einem Satz, den man seinem Enkel schon mal mit auf den Weg gibt, wenn er sich aufmacht ins Leben. Sie hat ihm das jedenfalls zugetraut, und Sebastian Papenfuß hat sich daran gehalten. Er ist oben, ziemlich weit sogar, und das in erstaunlich kurzer Zeit.

Er ist ein Beispiel, wie es laut einer neuen Studie gehen kann in Deutschland (siehe unten).

Ein großer Mann begrüßt einen da, ein ehemaliger Handballer, der Kopf fast kahl, aber darin einige Regeln, mit denen er die Dinge schon früh festgezurrt und in eine Ordnung gebracht hat. Er ist jetzt 34 und in der Führung von Bockholdt angekommen, einer Lübecker Reinigungsfirma mit 7000 Mitarbeitern. Er ist Technischer Leiter, verantwortlich für die Technik in mehr als einem Dutzend Niederlassungen zwischen Flensburg und Berlin, zwischen Köln und Stralsund. Und angefangen hat alles, weil Bockholdt damals zehn Mark die Stunde zahlte, netto.

In der Telefonzelle

Sebastian Papenfuß stammt aus Hagenow. Er ist dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, und er hat dort nebenbei Zeitungen ausgetragen, Werbung für einen Baumarkt, die „Bravo“, das alles für etwas Taschengeld. Eines Tages wurden in einer Anzeige Industriereiniger gesucht. Er stellte sich in eine Telefonzelle, rief an, und als er von den zehn Mark die Stunde hörte, war seine Karriere als Zeitungsausträger beendet.

Sein Vater hätte ihn nach der Realschule gern als Kfz-Schlosser gesehen, und er hat sich das auch angeschaut, zwei Wochen lang als Praktikant. Aber es hat ihm nicht gefallen. Er sei nicht so der Bastler, sagt er, keiner, der an Motoren und Getrieben rumschraubt. Er hat stattdessen bei Bockholdt in Rostock eine Lehre gemacht und dann im Unternehmen eine Stufe nach der anderen genommen, immer nach oben.

Er wurde Vorarbeiter, Objektleiter, er kam in den Uelzener Raum und hatte vierzig Mitarbeiter, da war er gerade Anfang zwanzig. Er ging nach München, wurde stellvertretender Leiter einer Niederlassung, machte seinen Meister, und nach zuletzt sechs Jahren als Chef der Filiale in Neumünster mit bis zu 450 Mitarbeitern und 5,5 Millionen Euro Jahresumsatz ist auch das schon fast wieder Geschichte. Bis Ende des Jahres wird er die Geschäfte dort noch übergeben und sich dann ganz um seine neue Funktion kümmern.

Sein Eltern leben nach wie vor in Hagenow. Sein Vater arbeitet beim Ordnungsamt und geht nächstes Jahr in Ruhestand, seine Mutter war beim Roten Kreuz in der Finanzbuchhaltung. Sind sie stolz auf ihren Sohn? „Ich denke schon“, sagt er, und das klingt nicht kokett oder selbstzufrieden, sondern es klingt nach jemandem, der mit sich im Reinen ist und weiß, was er getan hat.

Industriereiniger in Hagenow, das hieß Mitte der Neunziger sauber machen in einem Kartoffelveredelungswerk. Das hieß in der Woche und am Wochenende arbeiten, immer neben der Schule und manches Mal auch, wenn die anderen Handball spielten. Er war 17, als er montagmorgens mit zwei Damen von der Qualitätssicherung die Maschinen abnahm und die Damen sagten: Alles prima, gute Arbeit. Und es war ein Meister, der ihm erklärte: „Wenn du dich gut machst, wirst du auch was in der Firma.“ Vielleicht war dieser Satz so etwas wie ein Schlüsselerlebnis, sagt Sebastian Papenfuß. Da schwang eine Perspektive mit, ein Zutrauen. Aber so ganz neu war das für ihn auch nicht. Man muss sich anstrengen im Leben, so haben ihn seine Eltern erzogen. Man muss sich bewegen, fürs Nichtstun wird man nicht bezahlt. Er hat sich das gemerkt, früh schon, und er hat das entwickelt, was er „Eigenantrieb“ nennt.

Unzufriedene Freundinnen

Das haben nicht immer alle verstanden, Freundinnen etwa, die es nicht besonders toll fanden, wenn er am Wochenende zur Arbeit musste. Aber er hatte einen Plan. Er wollte vorwärtskommen in der Firma, und die gab ihm die Chance dazu, auch als er seinen Meister als Gebäudereiniger machte. Mittwochs nach Feierabend ist er da nach Hamburg zur Schule gefahren, am Sonnabend ebenso, und als er merkte, er wird seiner Arbeit im Betrieb nicht mehr gerecht, gab ihm Bockholdt eine Zeit lang frei. Meisterschule, das war hart, sagt er. Die anderen lagen am Strand, und er saß über seinen Büchern. Aber er wollte diesen Brief haben, er wollte ihn sich an die Wand hängen und einen Haken machen hinter einem weiteren Schritt auf seinem Weg nach oben. Verantwortung ist jedenfalls nichts, was ihn grundsätzlich schrecken könnte. „Zutrauen muss man sich das immer“, sagt er. Aber es gebe ja auch immer jemanden, den man fragen könne. Und Niederlagen kämen sowieso, da müsse man keine Sorge haben.

„Aber dann geht man zwei Tage in sich, guckt, was man besser machen kann, und dann fängt man wieder von vorne an.“

Und wo soll das noch hinführen? Er schüttelt den Kopf. Er hat eine kleine Tochter, eine Lebensgefährtin, und wenn sie in zwei Jahren von Neumünster nach Lübeck kommen, wird das sein achter Umzug für die Firma sein. Das, sagt er, ist erst mal genug.

Peter Intelmann

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