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Der Kampf um Hiddensee

Neuendorf Der Kampf um Hiddensee

Seit Jahren überzieht die Stadt Stralsund die Menschen in Neuendorf mit Klagen. Ungefähr 100 sind es inzwischen. Die Insulaner fühlen sich betrogen.

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Klassisch Neuendorf: Auf den Wiesen zwischen den Häusern wurden schon früher Pferde gehalten, oder Fischer trockneten hier ihre Netze. Die Flächen werden seit jeher gemeinschaftlich genutzt.

Quelle: Fotos: Stefan Sauer

Neuendorf. Schon jahrhundertelang trotzen die Hiddenseer den Stürmen, die über ihr „Sötes Länneken“ hinwegziehen. An diesem Tag bläst der Wind mit knapp 100

Stundenkilometern über das süße Ländchen. Im Westen der Insel tobt sich die Ostsee wütend fast bis an die Dünen heran. Im Osten schäumt der Bodden. Von Schaprode schaukeln Schiffe herüber. Es gibt eine Unwetterwarnung.

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Schon 1935 unternahm der damalige Neuendorfer Bürgermeister Gottschalk den Versuch, Stralsund zu überzeugen, das Land zu verkaufen. Ohne Erfolg. Repro: OZ

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Diese steife Brise ist Claas Leschner keine Silbe wert. Der Neuendorfer hat mit seiner Interessengemeinschaft einen eigenen Sturm entfacht, einen Proteststurm gegen die Klagewelle aus der Welterbestadt. Stralsunder und Süder streiten sich um Grundstücke. Süder werden die Neuendorfer genannt, weil sie im südlichsten Dorf der Insel Hiddensee leben, unterhalb von Vitte, Kloster und Grieben.

Die historisch bedingten Eigentumsverhältnisse sind kompliziert. Im 19. Jahrhundert verkauften die Mönche des Stralsunder Klosters zum Heiligen Geist den Neuendorfern nur das Land, das sich unmittelbar unter den Fundamenten ihrer Häuser befindet, und oft ein etwas abgelegenes Stück Ackerfläche dazu, damit sie sich versorgen konnten. Setzt ein Neuendorfer den Fuß vor die Tür, steht er auf einer Wiese, die ihm in den meisten Fällen nicht gehört. Um diese angrenzenden Flächen für Gärten, Zuwege, Wäscheplätze, Ställe und Schuppen rankt sich der Ärger. Das Land verkauften die Mönche nicht, sondern verpachteten es, um dauerhafte Einnahmen zu sichern und den einmaligen Charakter des Dorfes mit seinen Häusern auf weitläufigen Wiesen nicht zu gefährden.

Hier sollte niemand eines Tages zum Großgrundbesitzer aufsteigen und Zäune ziehen können, weshalb die Flurkarte von Neuendorf ganz anders aussieht, als die Realität einem vorgaukelt — wie ein Teppich mit vielen kleinen Flicken drauf. Die Flächen dazwischen gehören Stralsund, aber sie sind nicht einheitlich genug, um lukratives Bauland zu schaffen und zu Höchstpreisen zu vermarkten.

Stralsunds Oberbürgermeister Alexander Badrow (CDU), der hier im Wahlkreis von Angela Merkel manchmal wie der Statthalter der Kanzlerin wirkt, würde einige dieser Flicken gern vergrößern, die alten Eigentumsverhältnisse mit deutlich teureren Pachtverträgen neu regeln und so wenigstens mit den bestehenden Anwesen mehr Geld verdienen. Aber solche Aussagen möchte Badrow lieber nicht als Zitat in der Zeitung lesen. Offen spricht er über Hiddensee nur im Hinterzimmer. Das einzige offizielle Zitat, das sich der 40-Jährige, Typ Jungdynamiker, entlocken lässt, lautet: „Ich als Oberbürgermeister muss die Interessen der Stralsunder vertreten.“

Die Neuregelung der Grundstücksangelegenheiten soll pro Jahr zu Mehreinnahmen von 110 000 Euro führen. Bislang zahlten die Insulaner für die Flächen, die sie mitnutzen, aber auch pflegen, eine Pachtgebühr von 26 Cent pro Quadratmeter. Nun fordert Stralsund weit mehr als zehn Mal so viel — im Durchschnitt 3,60 Euro. Zurzeit schlagen aber hauptsächlich Verfahrenskosten zu Buche.

„Der verklagt das ganze Dorf“, sagt Leschner. Diese Rechnung geht auf: 90 Häuser hat Neuendorf, für 80 Grundstücke bestehen Pachtverträge mit der Stadt, die seit 2008 rund 100 Gerichtsverfahren gegen die Pächter in Gang gesetzt hat. Bei einigen laufen mehrere Prozesse parallel.

Der von Fischerwitwe Edith Klinckenberg wird demnächst vor dem Landgericht Stralsund verhandelt. Die rüstige 81-Jährige besitzt eines der letzten Häuser in Neuendorf, das noch im Originalzustand erhalten ist. Niedrige Decken, Heuboden obendrüber, keine Fremdenzimmer. Sie lebt seit 60 Jahren auf der Insel, heizt mit Kohle und erhält jeden Monat 600 Euro Rente. „Ich komm‘ gerade so hin. Die Kosten für den Prozess machen mir aber zu schaffen.“ Ihre Kinder werden das Haus eines Tages übernehmen. Leschner, der Edith Klinckenberg in der Auseinandersetzung zur Seite steht, brummt: „Die Stralsunder denken immer, wir haben einen Haufen Geld in der Hinterhand. Quatsch ist das.“ Häuser würden hier nicht mit großem Gewinn verkauft, sondern fast immer innerhalb der Familien weitervererbt.

In den vergangenen drei Jahren hat Oberbürgermeister Badrow das Eiland dreimal überfliegen lassen, um Luftaufnahmen machen zu lassen. Mit den Fotos will er belegen, wie viele Quadratmeter Land die Neuendorfer um ihre Häuser herum wirklich nutzen, was sich aber ohne Zäune schwer schätzen lässt. Edith Klinckenberg soll knapp 800 Quadratmeter pachten, auf denen die alte Dame sich angeblich ganz allein ausbreite. 2200 Euro müsste sie pro Jahr zahlen. Der Richter am Landgericht hat daraufhin einen Gutachter beauftragt, den Wert ihrer Fläche neu zu bewerten. Er kam auf einen Preis, der nur bei zwei Dritteln der Summe liegt, die ein anderer Gutachter im Auftrag von Stralsund ermittelt hatte. Der Anwalt der Hansestadt erklärte den Richter daraufhin für befangen.

„Dieser Streit ist bei uns immer Thema, bei allen Familienfeiern und zu Weihnachten.“ Das sagt Ann-Kathrin Gessmann, während sie im Café Rosi ein Bier zapft. Das Café Rosi ist bekannt für seinen Sturmsack, einen mit Sanddorn gefüllten Windbeutel. Und wer hier Sturmsack bestellt, sitzt passenderweise auf dem Grund und Boden Stralsunds, weil sich das „Rosi“ in einem Anbau am Haus von Ann-Kathrin Gessmanns Eltern befindet.

Die Hiddenseer haben der Hansestadt inzwischen zwei Güteangebote vorgelegt, um ein Mediationsverfahren gebeten — alles abgelehnt. In ihrer Not haben sie im Februar an Angela Merkel geschrieben, aber auch eine Kanzlerin kann Gerichtsurteile nicht einfach ungeschehen machen, selbst wenn sie der ihr vertraute Stralsunder Oberbürgermeister erwirkt hat. Für ihn besteht kein Grund zur Umkehr. Er hat bislang alle Verfahren gewonnen. Dennoch wirkt das irgendwie so, als wenn jemand auf einer autofreien Insel wie Hiddensee den klitzekleinsten Paragrafen der Straßenverkehrsordnung durchsetzen will, was rechtlich funktionieren mag, aber nicht unbedingt der Lebenswirklichkeit entspricht.

Claas Leschner ist überzeugt, dass die Nachfrage den Preis bestimmen muss. „Und mit ein paar Metern Land, die direkt an unseren Häusern beginnen, können nur wir selbst etwas anfangen und sonst niemand. Alles andere hat doch mit gesundem Menschenverstand nichts zu tun.“

Gemeinde Hiddensee verzichtet auf Pachteinnahmen von bis zu 55 000 Euro im Jahr
1835 erwarb das Stralsunder Kloster zum Heiligen Geist die Insel Hiddensee. Von der Gesamtfläche der Insel (19 Quadratkilometer) wurden 13,4 Quadratkilometer von der Klosterverwaltung bewirtschaftet und verpachtet. 1946 erfolgte die Enteignung der städtischen Klöster. Nach der Wende wurden die Flächen Stralsund sowie der Gemeinde Hiddensee jeweils zur Hälfte zugeordnet. Deshalb würden die zu erwartenden Einnahmen von 110 000 Euro pro Jahr nach der Erhöhung der Pachtgebühren in Neuendorf zur Hälfte der kommunalen Inselkasse zugutekommen. Allerdings hat die Gemeinde ihre Solidarität mit den Neuendorfern erklärt und verzichtet vorerst auf ihren Anteil.

 



Benjamin Fischer

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