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Nachrichten Der langsame Tod des Fernseh-Dinos
Nachrichten Der langsame Tod des Fernseh-Dinos
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00:00 04.04.2014

Die Quote war eine Katastrophe. Jeder wusste das, und jedem war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Den Schuldigen hatte man auch schnell ausgemacht. Wenn es beim Fußball nicht läuft, muss der Trainer gehen, wenn eine Unterhaltsshow dahinsiecht, wird der Moderator gefeuert. So sind die Reflexe der Branche. Also war Schluss für den smarten Wolfgang Lippert. Am 18. September 1993 wollten nur noch 12,86 Millionen Deutsche bei „Wetten, dass ..?“ zusehen. Lippert wurde umstandslos entsorgt, im November desselben Jahres übernahm Thomas Gottschalk wieder das Kommando auf dem berühmtesten Sofa der Fernsehgeschichte seit Loriot.

Markus Lanz kann von den Quoten eines Wolfgang Lippert nur träumen. Er schaffte zuletzt nicht einmal die Hälfte dessen, wofür sein Vor-Vorgänger gehen musste. 5,85 Millionen waren es nur noch, und obwohl man beim ZDF immer wieder beteuerte, man wollte die Pferde nicht wechseln, scheinen die Tage des 45-jährigen Südtirolers als Moderator der ältesten TV-Unterhaltungsshow des Landes gezählt.

Vielleicht wird die Sendung morgen Abend aus Offenburg so etwas wie die letzte Chance. Es kann aber auch sein, dass der Abschied schon längst beschlossen ist.

Die Jungen sind dafür,

dass es weitergeht

Wenn es stimmt, was derzeit durch die Gerüchteküche der Medienwelt brutzelt, wollen beide nicht mehr, das ZDF nicht und Lanz auch nicht. Intendant Thomas Bellut ließ zuletzt die bislang hartnäckig gezeigte Rückendeckung für den Moderator vermissen, dem „Handelsblatt“ sagte er auf die Frage zur Zukunft des Showklassikers: „Ich weiß es wirklich nicht.“ In diesem Jahr werde man sehen, „wie stark die Marke noch ist“. Das klingt nach einer Bewährungsstrafe, bestenfalls. Die „Bunte“ will sogar gehört haben, dass Lanz seinerseits das Leiden beenden will. „Wetten, dass er bald hinschmeißt?“, schreibt das Blatt in der jüngsten Ausgabe. Aus seinem privaten Umfeld will die „Bunte“ erfahren haben, dass Lanz seinen Vertrag nicht verlängern wird. Das hieße: Noch drei Sendungen, dann ist Schluss. Andere „Freunde“ des Moderators werden sogar mit den Worten zitiert: „Noch zwei Sendungen, das war‘s dann.“

Das Fernsehvolk selber ist indes offenbar noch gespalten. In einer Forsa-Umfrage für das Magazin „Stern“ sprachen sich 41 Prozent für eine Fortführung der Sendung aus. Nur wenig mehr (42 Prozent) plädierten für eine Einstellung der Show. Das Interessante dabei: Für eine Fortsetzung sind erstaunlich viele Zuschauer zwischen 14 und 29 Jahren — also gerade jene, die eigentlich im Verdacht standen, des Fernseh-Dinos überdrüssig zu sein. 63 Prozent von ihnen sagen: „The show must go on!“ Bei den über 45-Jährigen möchten das nur 31 Prozent. Ebenfalls nicht unwichtig: Nur eine Minderheit lastet Markus Lanz den Niedergang von „Wetten, dass..?“ direkt an. Nur 28 Prozent der Befragten sehen in ihm den Schuldigen, 51 Prozent glauben, dass die Krise andere Gründe hat.

Die Mischung kommt an — sogar China kopiert das Format

Aber welche? Darüber rätselt man am Mainzer Lerchenberg schon lange. Könnte es einfach sein, dass das erfolgreichste Konzept der TV-Geschichte so in die Jahre gekommen ist, dass die Zuschauer nur noch aus Gewohnheit zuschauen? Oder — noch schlimmer — aus Schadenfreude? Seit „Wetten, dass..?“-Erfinder Frank Elstner am 14. Februar 1981 die erste Folge der Show moderierte, ist ja nur an den Fassaden, nie aber am Kern des Formats etwas verändert worden.

Damals — Ronald Reagan ist gerade Präsident der USA geworden, in Polen gründet sich die Gewerkschaft „Solidarnosc“, und Prinz Charles schickt sich an, Lady Diana Spencer zu heiraten — sitzen bis zu 20 Millionen vor dem TV-Gerät, die Show ist ein Knüller. Gleich in der ersten Sendung überzieht Elstner um 43 Minuten, dieser „offene Sendeschluss“ wird zum Markenzeichen. Im Februar 1985 schauen sich 23,42 Millionen „Wetten, dass..?“ an — ein einsamer Rekord.

Elstners Show ist von Beginn an ein TV-Ereignis für die ganze Familie, trotz der grammatikalisch unsinnigen Schreibweise mit zwei Punkten vor dem Fragezeichen. Der Samstagabend wird in deutschen Wohnzimmern wieder zum gemeinsamen Fernsehabend. Nicht nur da übrigens: Zahlreiche Länder kopieren das Format, sogar in China läuft eine Adaption der Sendung. Die Mischung aus Show, Musik und Talkrunde kommt an, Elstner und später Gottschalk holen reihenweise Weltstars auf ihr Sofa.

Das tun sie zwar heute immer noch, doch inzwischen wirkt „Wetten, dass..?“ mehr und mehr angestaubt. Für die Gäste ist die Show eine gern genutzte Chance, Werbung in eigener Sache zu betreiben. Ein neuer Film, eine neues Buch, eine neue Sendung — bei Lanz bringt man sie an den Mann. Zudem nutzt sich manch‘ Gaststar ein wenig ab; die Gesichter kommen einfach immer und immer wieder. Den Rekord hält Schauspielerin Iris Berben mit zehn Auftritten als Wettpatin, aber auch Til Schweiger, Otto Waalkes (je neun Auftritte) oder Karl Lagerfeld (sieben Auftritte) kennen sich auf dem Sofa bestens aus. Veronika Ferres wird morgen in Offenburg zum achten Mal dort Platz nehmen — worüber will Lanz mit der Frau noch reden?

Die nächsten drei Termine stehen fest — und dann?

All das weiß natürlich auch das ZDF. Dort ist zwar zu hören, die Sendung gehe auf jeden Fall nach der sehr langen Sommerpause im Oktober weiter, am 4. Oktober kommt „Wetten, dass..?“ aus Erfurt, am 11. November aus Graz und am 13. Dezember aus Nürnberg. Aber wie es dann weitergeht — und ob es dann weitergeht — sagt niemand.

Nicht gerade hilfreich war da wohl dann auch eine Meldung des ZDF Anfang der Woche. „Markus Lanz wird ab 2015 neuer Chefsteward des Traumschiffs“, twitterte der Sender als Aprilscherz. Aber wer weiß, vielleicht war es ja auch gar keiner.



Uwe Nesemann

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