Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Nachrichten Die Krim-Krise spaltet die Deutschen
Nachrichten Die Krim-Krise spaltet die Deutschen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 22.03.2014

Wladimir Putin spaltet die Krim von der Ukraine ab, aber sein Vorgehen sorgt offenbar auch für eine neue Teilung in den Köpfen von Ost und West — jedenfalls in der Tendenz.

In ostdeutschen Tageszeitungen kommen Hunderte Mails an, die sich kopfschüttelnd über die westliche Ignoranz gegenüber russischen Interessen äußern und dem Westen ebenfalls Völkerrechtsverstöße vorhalten — Stichwort Kosovo. Vor allem aber wird das Ausgreifen der Nato bis an die Grenzen des früheren Sowjet-Imperiums hervorgehoben. Im Westen steht dagegen die Sicht Putins als Aggressor im Vordergrund. Gemeinsam ist den Deutschen die Skepsis gegenüber Wirtschaftssanktionen.

„Wahrheit ist doch: Die Höllenfahrt der Ukraine in den kalten Krieg hat die EU ausgelöst“, schreibt ein empörter Brandenburger an seine Heimatzeitung. „Präsident Putin tut gerade nur das, wozu ihn sein Amtseid verpflichtet, nämlich Schaden von Russland, seinen Menschen und seinen Einrichtungen abzuwenden“, assistiert ein weiterer Leser. „Putin ist ein gekränkter KGB-Despot, der die Niederlage seiner Wirtschaftsordnung nicht eingestehen will. Hallo ihr Russen — baut doch mal ein Auto, das man auch weltweit verkaufen kann“, spottet dagegen ein West-Leser.

Teilt sich Deutschland anno 2014 womöglich in Putin-Verächter (West) und Russland-Versteher (Ost)? Der Berliner Soziologe und Politikwissenschaftler Gero Neugebauer sieht diese Tendenz. Er führt das auf die unterschiedlichen „Sozialisationslandschaften“ zurück, auf andere historische Erfahrungen. Seine Analyse: Im Osten gibt es auch nach Fall des früheren „Bruderstaates“ aus historischen Gründen noch eine größere Nähe zu Russland. Vor allem USA und Nato, „der Westen“ und sein „Aggressionspotenzial“ werden in den neuen Bundesländern kritischer gesehen. „Man ist nicht für Amerika, sieht sich näher am Osten“, sagt Neugebauer.

Insgesamt haben die Deutschen für das Vorgehen Russlands in der Krim-Krise offenbar mehr Verständnis als die Bundesregierung. Das zeigt zumindest die Demoskopie. So sprachen sich in einer Meinungsumfrage für das ZDF nur 25 Prozent der Teilnehmer für Sanktionen gegen Russland aus.

Kein Wunder: Vom Handel mit Russland hängen nach Angaben der Wirtschaft rund 350 000 Arbeitsplätze ab. 6200 deutsche Unternehmen sind in Putins Reich engagiert. Damit ist Russland zwar in der Gesamtbilanz bei weitem nicht so ein wichtiger Partner wie die EU oder die USA. Aber für einzelne Betriebe eben ein sehr wichtiger Kunde.

Auch wenn Putin bei vielen Deutschen sehr unbeliebt ist, gibt es für einen Konfrontationskurs mit Moskau zumindest derzeit keine Mehrheit. „An der Eskalation auf der Krim ist nach Auffassung vieler Menschen nicht allein Russland schuld, sondern auch die neue ukrainische Regierung, die EU und die USA“, sagt Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Zwar werde eingeräumt, die Annexion sei ein Bruch des Völkerrechts, doch zugleich betont, der Westen habe sich auch nicht stets daran gehalten.

Völlig unvorstellbar ist für die Mehrheit der Deutschen eine militärische Auseinandersetzung mit Russland. Für Beobachter wie Gero Neugebauer ist 25 Jahre nach dem Mauerfall das deutsch-deutsche Russland-Schisma symptomatisch: „Auch in so einem Punkt zeigt sich, dass die Einheit noch lange nicht so weit ist, dass Ost und West eine gemeinsame Sicht haben.“



Joachim Riecker und Frank Lindscheid

Anzeige