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Nachrichten Die Säulen des Pazifismus bröckeln
Nachrichten Die Säulen des Pazifismus bröckeln
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01:23 23.08.2014

Sie wollen, dass die Welt ihnen zusieht, wenn sie ihre bestialischen Morde begehen. Die Terrorbanden des Islamischen Staats (IS) stellen Videos ins Internet, betreiben bluttriefende Propaganda. Das tun sie gezielt: Sie gehen vor gegen alle, die in ihren Augen Ungläubige sind. Gegen Angehörige von religiösen Minderheiten, Christen, Jesiden. Sie töten auch Schiiten und sunnitische Glaubensbrüder — etwa die der kurdischen Peschmerga-Miliz, die sich ihnen im Nordirak entgegenstellt. Und sie töten Journalisten wie den US-Fotografen James Foley, der vor laufender Kamera enthauptet wurde.

Die Propaganda entfaltet ihre Wirkung. Aber nicht so, wie die selbsternannten Gotteskrieger sich das vorstellen. Sie setzen darauf, ihre Gegner aus dem „Haus des Krieges“ in das „Haus des Islam“ zu ziehen. Seit dem Beginn der Überlieferungen teilen islamische Prediger die Welt in diese zwei Häuser. Sie schauen darauf, wo das islamische Recht, die Scharia, herrscht, und wo nicht. Zwischen beiden Häusern gibt es so lange Krieg, bis das Haus des Krieges nicht mehr existiert und das Haus des Islams über die Welt herrscht. So steht es in zwei Suren des Koran. Dieser Krieg heißt Dschihad.

Petrus zog das Schwert

Der Dschihad verunsichert die westliche Welt zutiefst. Blutige, archaische Kämpfe für einen alles übergreifenden Gottesstaat kommen in einer Weltanschauung nicht mehr vor, deren Wurzeln, grob umschrieben, auf der christlichen Nächstenliebe, dem Humanismus der Aufklärung und der Charta der allgemeinen Menschenrechte beruhen. Die Wirkung der Bilder aber muss gewaltig sein, wenn selbst die Friedliebenden auf einmal ihre Positionen verlassen und daran denken, wie Petrus im Garten Gethsemane das Schwert zu ziehen. Halt!, rufen die Bibelfesten sofort, allen voran die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann: „Jesus hat gesagt: ,Stecke dein Schwert an seinen Ort‘.“

In der Gegenwart des Herrn lassen sich Konflikte vielleicht auf diesem Wege lösen, in der realen Welt jedoch nicht. Papst Franziskus hat, von Journalisten auf den drohenden Völkermord im Irak angesprochen, wie Petrus reagiert, und nicht wie Jesus. „In diesen Fällen, in denen es eine ungerechte Aggression gibt, ist es legitim, dem Aggressor Einhalt zu gebieten.“ Das klingt wie eine Kehrtwende in der Haltung der Katholischen Kirche zum Krieg, aber in Wahrheit ist es nur eine — immerhin bedeutende — Stimme in der lange währenden Auseinandersetzung um die Frage, ob es gerechten Krieg geben kann.

Ja, hat der Wiener Moraltheologe Karl Hörmann einst im „Lexikon der christlichen Moral“ festgehalten und sich auf Kirchenväter, Päpste und sogar auf Gott selbst berufen. Gerecht sei ein Krieg dann, wenn ein Feind aufgehalten werden müsse, zur Abwehr schweren Unrechts und zum Schutz des religiösen Lebens vor Bedrängern.

Herrschende Lehre ist diese Einstellung indes nie geworden in der katholischen Kirche, in der evangelischen schon gar nicht. Kraftvoller als die katholischen Bischöfe predigten evangelische Pastoren gegen die Wiederbewaffnung, den Vietnamkrieg und die Nachrüstung. Die Friedensbewegung, anfangs eher im linken Lager politisch verwurzelt, wirkt nach. In allen Umfragen der vergangenen Jahre spricht sich eine Mehrheit der Deutschen gegen Militäreinsätze aus. Wenn man so will: Pazifismus ist in Deutschland Mainstream.

Ausgerechnet in den beiden großen Kirchen aber kam die Debatte um die Bewertung des Pazifismus nur sehr mühsam in Gang, selbst als der in der 1963 von Papst Johannes XXIII. veröffentlichten Enzyklika „Pacem in terris“ (Frieden auf Erden) und in dem Konzilsdokument „Gaudium et Spes“ (Freude und Hoffnung) von 1965 die völlige Abschaffung des Krieges zum verbindlichen Ziel erklärt wurde. In den beiden Irak-Kriegen hatten Vater und Sohn Bush einen wortmächtigen Kritiker gegen sich. Papst Johannes Paul II. geißelte die Waffengänge mit dem legendären Zitat: „Krieg ist niemals ein unabwendbares Schicksal. Krieg ist immer eine Niederlage für die Menschheit.“

Als Bundespräsident Joachim Gauck kürzlich mehr internationales Engagement Deutschlands einforderte, schickten ihm evangelische Pfarrer aus Ostdeutschland einen Protestbrief, Margot Käßmann erinnerte an eine Aktion von Friedrich Schorlemmer, der auf dem Kirchentag 1983 in Wittenberg öffentlich ein Schwert zu Pflugscharen umschmieden ließ.

Linkes Lager ringt mit sich

Ganz vorsichtig aber kann man auch andere Stimmen vernehmen. Auf den Völkermord im Nordirak angesprochen, vermied der EKDRatsvorsitzende Nikolaus Schneider zwar den Begriff des militärischen Eingreifens, fügte jedoch hinzu: „Wenn er der Logik polizeilichen Handelns folgt, um Räume zu schützen, in denen sich die Zivilgesellschaft entwickeln kann, kann ein solcher Einsatz allerdings sinnvoll und notwendig sein.“

Und die politische Linke in Deutschland, die andere Säule des Pazifismus? Auch sie tastet sich vor im Niemandsland zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Mit seinem überraschenden Vorschlag, für den Kampf gegen den IS deutsche Waffen an die irakische Armee und kurdische Kräfte zu liefern, hatte Linksfraktionschef Gregor Gysi einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Seine Stellvertreter Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch stellten sich gegen ihn, Gysi ruderte etwas zurück. Ganz aus der Welt ist der Vorschlag aber nicht. Fraktionsvize Jan Korte sprang Gysi bei: „In diesem Zusammenhang sind die Überlegungen Gregor Gysis gerechtfertigt und sinnvoll.“ Auch die Grünen ringen mit sich. Die reine Lehre bröckelt.

Überraschend deutlich klingt ein Votum aus dem Lager der Hilfsorganisationen. Rupert Neudeck (75), Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, fordert: „Schickt Waffen an die Peschmerga im Norden des Irak, das ist das Einzige, was da hilft.“ In einem „Spiegel“-Gespräch hat Margot Käßmann den erstaunlichen Satz gesagt, sie sei Pazifistin, aber keine Radikalpazifistin. Bewegt sich auch sie?



Reinhard Urschel

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