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Nachrichten Die Überschall-Frau: Rostockerin fliegt den Eurofighter
Nachrichten Die Überschall-Frau: Rostockerin fliegt den Eurofighter
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00:00 18.06.2013
Hauptmann Ulrike Flender vor einem der beim Jagdgeschwader Laage stationierten Eurofighter. Quelle: Katrin Starke
Köln

Sie ist die Frau der Superlative. Nicht nur, dass Ulrike Flender als Deutschlands erste Kampfpilotin seit Jahren einen Tornado fliegt: Als erste Frau bei der Luftwaffe darf die beim Luftwaffengeschwader 73 in Laage stationierte Offizierin sich nun auch hinter den Steuerknüppel eines Eurofighters klemmen. Ein Dreivierteljahr lang ist sie auf dem Fliegerhorst in Laage auf dem Mehrzweckkampfflugzeug ausgebildet worden. „Erfolgreich“, wie die 30-Jährige — ansonsten eher bekannt für ihre Schüchternheit — selbstbewusst erklärt, als sie neben dem Jet steht. Der mittlerweile ihren Namen als Schriftzug am Rumpf trägt.

2007 schloss „Uli“ Flender ihre Ausbildung zur Jet-Pilotin ab. „Ich wollte nur fliegen, nicht die erste Frau sein“, sagt sie. Die Frau in Uniform ist inzwischen bei der Bundeswehr ein Stück Alltag.

Vorbei die Zeit, als Fans sie um ein Autogramm gebeten haben. Kein täglicher Kampf mehr, um es sich und den Kameraden von der fliegenden Truppe zu beweisen. Stattdessen zeigt sich auch mal ein entspanntes Lächeln im schmalen Gesicht. Flender weiß, was sie kann: Abitur in Stuttgart mit den Leistungskursen Technik und Englisch, Offiziersprüfung in Köln, brillantes Abschneiden beim Pilotentest, Grundausbildung in Bayreuth und Flugstunden in Kanada und den USA. Jetzt Pilotin in Laage — wo sie weiter an ihrer steilen Karriere arbeitet. Längst steht die Frau mit Pferdeschwanz im Rang eines Hauptmanns. Nicht genug: „Ich will Rottenführerin werden.“ Zwei bis drei Flugzeuge in militärischer Formation will sie künftig anleiten. Und irgendwann dann auch zum Major befördert werden. Ihr Horizont kennt keine Grenzen. Kein Wunder, schließlich wollte sie „als Kind Astronautin werden“.

Nur der Körper ist ihr manchmal eine Hürde. „61 Kilogramm sind das Mindestgewicht für einen Piloten im Eurofighter“, sagt Flender. 61,5 Kilogramm bringe sie auf die Waage. „Manchmal sogar mit Mühe.“

Auch kräftige Muskeln brauche sie. Nein, nicht so sehr Bizeps und Trizeps an den Oberarmen. Mit schüchternem Lächeln schiebt sie ihren Unterkiefer vor: „Ich habe einen Schwanenhals, deshalb muss ich regelmäßig meine Nackenmuskulatur trainieren.“

Mit bis zu zweifacher Schallgeschwindigkeit überfliegt sie das Mecklenburger Flachland und die Küste, die Sauerstoffmaske fest auf Nase und Mund gepresst. Pures Adrenalin im Blut. Der Feind in den Wolken — bislang nur Simulation, Manöver ohne Verluste. „Im Eurofighter zu fliegen, das ist anders“, sagt Flender. Kein Vergleich mit dem Kampfbomber Tornado. „Da habe ich Radarstellungen bekämpft.“

Beim Flug mit dem Eurofighter, dem Mehrzweckkampfjet, gehe es vor allem um strategisches und taktisches Denken. „Das reizt mich“, zieht sie ein Fazit aus ihrer Ausbildung in Laage.

Und ist vielleicht doch typisch Frau? Auf die Frage nach einem möglichen Auslandseinsatz sagt sie: „Ich reiße mich nicht darum.“ Wenngleich klar sei, dass sie als Soldatin dorthin gehe, wo sie gebraucht werde. Dass ihr Beruf nicht ungefährlich ist, dass die Waffen eines Kampfflugzeuges töten können — nichts, was man ausblenden könnte. Vielleicht etwas, was Flender verdrängt, wenn sie sich aufs Rad schwingt. Oder die die Laufschuhe überstreift, um von ihrer Rostocker Wohnung aus in Richtung Biestow zu joggen. In der Hansestadt ist die junge Frau, die in „Aidlingen bei Böblingen bei Stuttgart“ geboren wurde, mittlerweile heimisch geworden. Lebt im Trubel der studentischen Szene in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt. „Klein und schön“, das ist für sie die Hansestadt. „Hier möchte ich ein paar Jahre bleiben.“

Flender ist der Prototyp für die neue Generation Frau bei der Bundeswehr. „Frauen wollen bei uns gezielt Karriere machen“, sagt Inga Köpcke (29), Karriereberaterin bei der Bundeswehr. „Viele, die bereits mit einer Berufsausbildung zur Beratung kommen und genau wissen, was sie wollen. Auch, was auf sie zukommt.“

Begehrter Job über den Wolken
Elf Frauen versehen zurzeit ihren Dienst als Pilotin bei der Bundeswehr. Drei von ihnen fliegen im Jet, sieben in Transportflugzeugen und eine im Hubschrauber, teilt die Luftwaffe in Köln mit. Drei weitere Pilotinnen befinden sich in der Ausbildung. Ein Platz im Cockpit eines modernen Kampflugzeugs ist begehrt: Jedes Jahr bewerben sich rund 1600 Kandidaten für die Pilotenausbildung bei der Bundeswehr, weniger als 60 werden eingestellt. Für den Eurofighter müssen Bewerber körperlich und geistig besonders fit sein. Wegen der extremen Druckverhältnisse dürfen sie keine Plomben im Mund haben, ein zu langer Oberschenkel kann ebenfalls ein K.o.-Kriterium sein, wegen der Enge in der Kanzel.

Die fliegerische Grundausbildung findet in Sheppard und in Holloman in den USA statt. In Laage trainiert die Luftwaffe den Pilotennachwuchs für das Waffensystem Eurofighter. Dieser Teil der Ausbildung soll ab 2017 ebenfalls nach Holloman verlagert werden, Laage verliert dann auch Flugzeuge.

Flugstunde im Super-Kampfjet kostet bis zu 90 000 Euro

40 Kampfjets des Typs Eurofighter Typhoon — so der vollständige Name — sind zurzeit beim Jagdgeschwader 73 der Bundeswehr in Laage bei Rostock stationiert. Insgesamt besitzt die Luftwaffe zurzeit 102 Eurofighter. Weitere Stützpunkte sind Neuburg an der Donau (Bayern) und Nörvenich (Nordrhein-Westfalen). Das Flugzeug wurde seit den 1970er Jahren von den Nato-Ländern Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien entwickelt — als Reaktion auf die schnellen russischen Mig29-Flugzeuge, die den damals üblichen Phantom-Kampfjets der Nato weit überlegen waren. Erst 2003 wurden die ersten Eurofighter in Deutschland nach langer Planungs- und Konstruktionszeit und politischen Diskussionen in Dienst gestellt.

Das knapp 16 Meter lange Flugzeug kann mit bis zu zweifacher Schallgeschwindigkeit fliegen, das sind etwa 2100 Stundenkilometer. Nur acht Sekunden benötigt ein Eurofighter, um aus dem Stand zu starten. Im Cockpit drücken Kräfte von bis zu 9 G auf den Piloten — das entspricht dem neunfachen des eigenen Körpergewichts. Um nicht ohnmächtig zu werden, tragen die Flieger einen Spezialanzug mit Kammern, die mit einer Flüssigkeit gefüllt werden, die den Druck ausgleicht. Zur Bewaffnung zählen unter anderem eine 27-Millimeter-Kanone, Kurz- und Langstreckenraketen und Luft-/Bodenflugkörper.

138 Millionen Euro kostet ein Eurofighter. Kritiker bezeichnen den Flieger als einen der teuersten Flops der Rüstungsgeschichte — mit Ende des Kalten Krieges werde der Kampfjet nicht mehr benötigt. Auch der Betrieb ist teuer: Angaben für die Kosten je Flugstunde reichen von 73 000 bis 90 000 Euro. Ursprünglich sollten 250 Eurofighter gekauft werden. Die Bestellung der letzten ausstehenden Tranche mit 37 Fliegern steht zur Diskussion. Ohne sie käme die Bundeswehr ab 2017 auf 140 Eurofighter.

Katrin Starke