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„Dieser Krieg muss endlich aufhören“

Rostock „Dieser Krieg muss endlich aufhören“

Wael Badawi ist dem Bürgerkrieg in Syrien entkommen. Jetzt lebt er in Rostock und hofft, dass seine Familie überlebt — und er sie wiedersehen kann.

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Rostock. Gestern erfuhr Wael Badawi (21), dass seine 28-jährige Cousine und ihre Kinder (zwei und fünf) beim Versuch, mit dem Boot über die Türkei nach Griechenland zu fliehen, ertrunken sind.

„Es ist schrecklich.“ Wael sitzt auf seinem Bett im Zimmer des Rostocker Flüchtlingsheims in der Satower Straße. Gegenüber schläft sein Zimmergenosse, ein Kurde. Vor drei Monaten floh Wael selbst aus dem syrischen Aleppo bis nach Rostock.

„Die Situation in meiner Heimatstadt ist furchtbar“, sagt er. „Man kann nicht einfach von einem Stadtteil in den anderen gehen, zum Beispiel um einzukaufen. Man muss ständig Angst haben.“ Immer wieder würden Wohnviertel beschossen. Mal von den Regierungstruppen, mal von den Aufständischen. „Sie schießen mit Gewehren und Mörsern, die unkontrolliert irgendwo einschlagen.“ Wael beobachtete, wie Regierungssoldaten versuchten, ein von der Opposition besetztes Haus zu erstürmen. „Schließlich legten sie es mit einem Panzer in Schutt und Asche. Obwohl die eigenen Leute noch gar nicht herausgekommen waren.“ Jedes Gebäude, in dem die Regierung Aufständische vermute, werde zerstört. Ohne Rücksicht auf die Bewohner, sagt Wael.

Ein Menschenleben zählt mitunter nicht mehr viel im umkämpften Syrien. Zivilisten gerieten ständig zwischen die Fronten. „Wenn die Aufständischen ein Viertel angreifen, sagen sie den Leuten, sie sollen es verlassen. Aber wohin sollen sie denn gehen?“

Seine Familie wohnt im Zentrum von Aleppo, Vater Jihad (50) ist Ingenieur, Mutter Hala (40) Hausfrau. Waed macht sich Sorgen um sie, um seine Schwester Joel (16) und seinen Bruder Tofik (18). Tofik ist krank, er hat Gelbsucht, braucht Antibiotika. Wael: „Solche Medikamente zu bekommen ist derzeit bei uns aber fast unmöglich.“

Er selbst ist Student, studierte Tiermedizin und Ökonomie. Dann beschlossen er und seine Eltern, dass er das Land verlassen müsse. Wenigstens er, der Älteste, sollte eine Chance bekommen. „Meine Mutter verkaufte ihren Schmuck, damit sie mir das nötige Geld geben konnte.“ Es waren 7000 Euro. „So viel nehmen die Schleuser.“

Wael reiste nach Istanbul. „Dort gibt es einen Markt, auf dem die Menschenschmuggler sind.“ Einer erklärte sich bereit, Wael und vier andere Flüchtlinge in einem Lkw nach Deutschland zu bringen. „Wir saßen im Anhänger ganz vorne, gleich hinter der Fahrerkabine. Der Rest der Ladefläche war mit Waren vollgestapelt.“ Welchen Weg der Laster nahm, weiß Wael nicht. „Wir saßen ja die ganze Zeit im Dunkeln.“ Alle fünf Stunden habe der Fahrer gestoppt, damit die Flüchtlinge aussteigen und frische Luft atmen konnten.

In Deutschland beantragte Wael Asyl. „Es geht mir hier sehr gut. Kein Vergleich zu Aleppo. Aber ich kann natürlich nicht weiterstudieren — die Zeit ist verloren.“

Manchmal versucht er zu lernen, über das Internet. Manchmal geht er in die Stadt. „Hier gibt es alles zu kaufen. In Aleppo fast nichts mehr. Und wenn, ist es dreimal so teuer wie hier.“ Gerne würde er seiner Familie etwas schicken, aber es geht nicht. „Seit ich hier bin, habe ich keinen Kontakt mehr.“ Denn in Aleppo gebe es kein funktionierendes Handynetz und kein Internet mehr. Es gebe keinen Strom, oft kein Wasser.

Wael wünscht sich nur noch, dass das Elend und das Sterben endlich ein Ende haben. Er sympathisiert mit keiner bestimmten Oppositionsgruppe. „Es gibt so viele verschiedene Milizen.“ Auch Libyer, Iraker und Tunesier, sogar Tschetschenen seien unter den Kämpfern. Er respektiere Scheich Moaz al-Khatib, der seit Ende 2012 Präsident der Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte ist. „Er hat in Moskau gesagt, dass er den Dialog sucht, verhandeln will. Wir haben uns alle gefreut. Doch das ist Monate her. Seither scheint er verschwunden — wir haben nichts mehr von ihm gehört.“

Das Assad-Regime sei korrupt, meint Wael, dennoch kann er sich nicht vorstellen, dass Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wurde. „So dumm sind die auch nicht.“ Ein US-Angriff auf Syrien, da ist er sicher, würde das Leid nur verschlimmern. „Jeden Tag sterben Menschen ob durch Raketen oder Giftgas — was macht das für einen Unterschied?“

Die Menschen in Syrien sehnten sich nach Frieden. Seine Nachbarn seien Juden. „Wir sind immer alle gut ausgekommen, egal ob Moslems, Christen oder Alawiten.“ Er schüttelt resigniert den Kopf. „Dieser Krieg muss endlich aufhören.“

 

Marcus Stöcklin

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