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Es wird kühl in Europa

Es wird kühl in Europa

Der Westen steht wieder gegen Russland. Vieles erinnert derzeit an überwunden geglaubte Muster. Ist der Kalte Krieg zurück?

In den Nächten vor Pfingsten 1950 wanderten Tausende junge Menschen auf morastigen Wegen durchs Wesloer Moor am Lübecker Stadtrand und überschritten die Grenze zur DDR. Volkspolizisten mit Taschenlampen holten sie ab und brachten sie in ein Sammellager. Die Jugendlichen wollten zum „Deutschlandtreffen der Jugend für Frieden und Völkerfreundschaft“ im sowjetischen Sektor von Berlin fahren. Auf legalem Wege war das nicht möglich.

Wenige Tage später kampierten 8000 Berlin-Rückkehrer auf der Grenze zwischen Lübeck und dem mecklenburgischen Herrnburg. 600 westdeutsche Polizisten versperrten ihnen den Rückweg, ostdeutsche Genossen bauten für sie Feldküchen auf. Um wieder einreisen zu können, sollten die Jugendlichen sich von den westdeutschen Behörden ärztlich untersuchen und registrieren lassen, was viele von ihnen verweigerten. Nicht ganz ohne Grund: Wenige Monate später sprach die Bundesregierung ein Berufsverbot für FDJ-Mitglieder im öffentlichen Dienst aus.

Der kalte Krieg war nicht bloß eine Sache der Strategen in Militär und Politik. Jeder konnte in ihn hineingeraten: idealistische Jugendliche, Polizisten in Ost und West, aber auch einfache Bürger ohne besonderes politisches Interesse, die nur ihre Verwandten auf der anderen Seite der Grenze besuchen wollten. Einer Grenze, die Europa, ja, die ganze Welt in zwei Lager teilte, die einander bedrohten und sich gegenseitig misstrauten.

Entsteht eine solche Grenze in Europa von Neuem? Seit Russland sich die Krim einverleibt hat, mehren sich die Zeichen:

Die G8-Runde wird wieder zur G7-Runde — zum ersten Mal, seit Russland 1998 dazugebeten wurde. Damals galt das als Zeichen eines neuen politischen Klimas.

Pensionierte Generale in Deutschland fordern, die Wehrpflicht wieder einzuführen. „Deutschland kann die Landesverteidigung im Bündnisfall anders nicht gewährleisten“, sagte der ehemalige Nato-General Egon Ramms der „Bild“-Zeitung.

Die Nato bleckt die Zähne. „Wir können nicht weiter abrüsten, während der Rest der Welt aufrüstet und während manche an unseren Grenzen mit den Säbeln rasseln“, ließ sich Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen vernehmen. Und die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen setzte eins drauf: „Jetzt ist für die Bündnispartner an den Außengrenzen wichtig, dass die Nato Präsenz zeigt“, sagte sie dem „Spiegel“.

Der amerikanische Präsident sichert den Nato-Partnern Bündnistreue zu. „Niemand sollte das Engagement der Vereinigten Staaten für die Sicherheit Europas in Zweifel ziehen“, sagte Barack Obama der niederländischen Tageszeitung „De Volkskrant“.

Nach zwei heißen Weltkriegen und im Angesicht gigantischer Atomwaffenarsenale konnte der Kalte Krieg als geringeres Übel erscheinen: schlechter als der Weltfrieden, aber besser als die Selbstvernichtung der Menschheit. Der Kalte Krieg schien bei aller Hysterie und Paranoia auch eine gewisse Verlässlichkeit mit sich zu bringen. Zumindest, so glaubte man, könne man sich darauf verlassen, dass rationale Akteure die eigene Vernichtung vermeiden wollen.

Aber diese Verlässlichkeit war trügerisch. In den Oktobertagen 1962 rangen John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow um die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba. Hätte einer von ihnen die Nerven oder die Kontrolle des Verfahrens verloren, hätte es zum Atomkrieg kommen können.

Gut 20 Jahre später hätte wieder nur wenig gefehlt — nur dass die Welt diesmal nichts davon erfuhr: In der Nacht vom 26. auf den 27. September 1983 verhinderte Oberstleutnant Stanislaw Petrow in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung die Katastrophe. Im Alleingang.

Der Kalte Krieg war auch gar nicht so kalt. In den Stellvertreterkriegen der Supermächte in Asien und Afrika starben zwischen 1950 und 1989 Millionen Menschen — darunter im Koreakrieg (1950—1953), im Vietnamkrieg (1955—1975) und im sowjetischen Afghanistankrieg (1979—1989). Die Völker dieser Länder zahlten den Preis für das „Gleichgewicht des Schreckens“.

In den Gesellschaften Europas und Amerikas richtete der Kalte Krieg Schaden an. Die kommunistischen Regimes im Osten benutzten die atomare Bedrohung, um ihre Diktatur zu legitimieren — einschließlich der brutalen Niederschlagung von Volksaufständen wie 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei. Im Westen wuchs sich der Antikommunismus zur Ideologie und manchmal auch zur Hysterie aus — ob im Kleinen wie bei der Schikane gegen westdeutsche FDJ-Anhänger in Lübeck oder im Großen wie bei der Hexenjagd, die der amerikanische Senator Joseph McCarthy Anfang der 50er Jahre auf wirkliche und vermeintliche Kommunisten in den USA entfesselte.

Steht uns das alles wieder bevor? Die Geschichte wiederholt sich nicht. Russland hat weder das weltpolitische Gewicht der Sowjetunion noch eine Ideologie, mit der sich im Ausland Unterstützung mobilisieren ließe. Trotzdem wird das politische Klima in Europa wieder kälter. Russland hat seine militärische Übermacht genutzt, um ohne Rücksicht auf das Völkerrecht sein Staatsgebiet zu erweitern. Darauf war offenbar niemand vorbereitet, schon gar nicht in der EU.

Große ideologische Konflikte wird diese Abkühlung nicht verursachen. Aber gewisse Vereisungen sind schon zu erkennen. Polnische Intellektuelle beschwören jetzt wieder den Kalten Krieger Ronald Reagan, den sie als den Bezwinger der Sowjetunion sehen. Deutsche Linke werben um Verständnis für Russland. „Putschisten als Partner“, titelte die linke Tageszeitung „Junge Welt“ über das Assoziierungsabkommen der EU mit der ukrainischen Übergangsregierung im Zeichen der Krimkrise. Die Zeitung war zu DDR-Zeiten das Zentralorgan der FDJ.

 



Hanno Kabel

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