Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Nachrichten Fliegen kommt nicht in Frage
Nachrichten Fliegen kommt nicht in Frage
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:24 03.04.2014

Mit dem härtesten Streik der Unternehmensgeschichte haben die Piloten den Betrieb der Lufthansa weitgehend lahmgelegt. Bis 13 Uhr fielen gestern alle Flüge der Lufthansa und der Tochtergesellschaft Germanwings von und nach Frankfurt, München und Düsseldorf aus. Allein in Hamburg wurden 112 aller 416 An- und Abflüge gestrichen, teilte der Flughafen mit. Rund 12 000 Passagiere mussten umbuchen oder auf andere Verkehrsmittel ausweichen. Die Piloten beider Airlines legen bis einschließlich morgen die Arbeit nieder.

Bis dahin wird der Luftverkehr durch die Lufthansa-Piloten fast überall stark beeinträchtigt. Viele Maschinen der „Kraniche“ und von Germanwings bleiben am Boden. Die Pilotengewerkschaft „Vereinigung Cockpit“ hatte den dreitägigen Ausstand im Tarifstreit mit der Lufthansa zuvor angekündigt.

„Heute ist ein Erfahrungstag, um zu sehen, wie viele Piloten zum Dienst antreten“, sagte die Hamburger Flughafensprecherin Stefanie Harder gestern. „Daraus können wir Rückschlüsse für die kommenden beiden Streiktage ziehen.“ Heute sollen laut Sonderflugplan in Hamburg 110 von 420 Flügen ausfallen, morgen 70 von 434. An beiden Tagen zusammen bleiben etwa 19 000 Passagiere auf der Strecke. Der Lufthansa-Konzernsprecher für Norddeutschland, Wolfgang Weber, sagte, der Pilotenstreik führe trotzdem bislang nicht zum Chaos. Alle Reisenden seien frühzeitig über die Änderungen informiert worden.

„Bislang ist es sehr viel ruhiger als an einem normalen Betriebstag“, bestätigte Flughafensprecherin Harder. Um Reisenden bei Fragen zu helfen, setzt der Flughafen zudem auch heute und morgen mehr Mitarbeiter ein als sonst.

Knapp ein Drittel der Lufthansa-Flüge werde in Hamburg vom Regional-Carrier Eurowings im Auftrag der Germanwings übernommen, so Weber. Von 99 Abflügen übernahm Eurowings 27, damit sei etwa einem Fünftel der Passagiere geholfen worden. Die Eurowings fliegt mit kleineren Maschinen mit 90 Sitzen. Die Piloten dieser Gesellschaft sind nicht vom Lufthansa-Streik betroffen.

Andere Flughäfen, allen voran Frankfurt, waren deutlich schwerer betroffen. Am Frankfurter Flughafen seien 43 Lufthansa-Maschinen am Boden geblieben, sagte der Leiter des dortigen Lufthansa-Krisenzentrums, Werner Knorr. Im Ausland seien 112 Flieger nicht gestartet. 42 Europaflüge konnten in Frankfurt dagegen gestern starten, zudem sollten fünf Interkontinental-Maschinen abheben. „Wir halten das Drehkreuz kontrolliert an, um die Streikauswirkungen möglichst nur auf die drei Streiktage zu beschränken“, sagte Knorr. Auch nach dem Streik seien noch „leichte Anpassungen“

am Flugplan zu erwarten.

Auch am zweiten großen Drehkreuz der Lufthansa, dem Flughafen München, war die Lage entspannt. Durch die geringere Anzahl an Starts und Landungen sei auch weniger los, sagte ein Sprecher. Der Flughafen habe zwar Kontakt zu Hotels aufgenommen, sollte die Lufthansa Unterstützung bei der Versorgung gestrandeter Passagiere benötigen. Doch dies sei rein „präventiv“.

Insgesamt hat Lufthansa für die Streiktage bis einschließlich Freitag rund 3800 Flüge abgesagt und kann nur etwa 500 Verbindungen mit Jets nicht bestreikter Tochterfirmen anbieten. Zwischen 80 und 100 freiwillige Piloten seien im Einsatz, sagte Knorr. Hinzu kämen noch einige Manager mit Pilotenschein.

Betroffen sind insgesamt rund 425 000 Fluggäste, denen verschiedene Umbuchmöglichkeiten angeboten wurden. Passagiere, die nicht weiterbefördert werden könnten, bekämen ein Hotelzimmer, sagte der Frankfurter Stationsleiter der Lufthansa, Andreas Döpper.

Die Piloten demonstrierten gestern vor der Lufthansa-Basis am Frankfurter Flughafen. Es waren mehrere Hundert. Währenddessen waren von Hamburg bis München keine Aktionen zu sehen.

Die Piloten selbst fühlten sich gestern in ihrer Streik-Rolle teils nicht ganz wohl. „Lieber würde ich heute im Airbus sitzen und nach San Francisco fliegen, statt hier dumm mit einem Schild zu stehen“, sagt Benjamin Sindram. Der Lufthansa-Copilot war gestern nach Frankfurt gekommen, um für seine Rechte im Alter zu kämpfen.

Sindram ist 36 Jahre alt. „Ich sehe, dass viele ältere Kollegen sehr fit sind“, sagt er. Das Älterwerden lasse sich mit Erfahrung ausgleichen. „Ich möchte später einmal selbst entscheiden können, ob ich mich noch fit genug fühle, meine Passagiere zu fliegen“, sagt er, „aber die Lufthansa will mir das wegnehmen.“

Die Fluggesellschaft erwartet, dass der Flugverkehr nach dem dreitägigen Streik der Piloten ab Sonnabend wieder gut laufen werde, sagte Sprecherin Barbara Schädler.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) rief Lufthansa und Gewerkschaft zu einer schnellen Einigung auf. „Jeder Tag mit Streik schränkt die Mobilität Hunderttausender ein.“



OZ

Anzeige