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„Ich bin zu sehr Nordlicht“

„Ich bin zu sehr Nordlicht“

Morgen kommt der Film „König von Deutschland“ in die Kinos — in einer der Hauptrollen: Jonas Nay.

Lübeck — Man wollte den Schauspieler persönlich treffen, aber Jonas Nay, der Musiker, der Grimme-Preisträger, ist schon wieder auf dem Weg zum nächsten Set. Diesmal nach Polen, wie blöd. Also verabredet man das Gespräch am Telefon; zur geplanten Zeit klingelt es dann auch; am Ende der Leitung zunächst aber — Stille. Neuer Versuch, dann, ah, eine Stimme.

OSTSEE-ZEITUNG: Hallo Jonas, sind Sie das? Alles gut bei Ihnen?

Jonas Nay: Bei mir ist alles super.

OZ: Was treibt Sie nach Polen?

Nay: Der Film heißt Sommersonnenwende; ist ein Film, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges spielt. Erzählt wird die Geschichte eines deutschen jungen Soldaten und eines polnischen Jungen, deren Wege sich immer wieder kreuzen.

OZ: Ein Kriegsfilm?

Nay: Nee, das, was wir machen, ist zumindest nicht das, was man unter einem klassischen Kriegsfilm versteht, also mit ordentlich Kawumm. Man wird in dem ganzen Film nicht ein Mal die Front sehen;

es geht eher darum, wie Jugendliche in dieser Zeit Alltag erleben. Diese Absurdität fand ich total spannend. Ich habe mir vorher nie so richtig Gedanken darüber gemacht, was Jungs in meinem Alter damals so gedacht und gemacht haben.

OZ: Aber in der Schule hatten Sie das Thema schon?

Nay: In der Schule haben wir uns vor allem mit dem Ablauf des Krieges beschäftigt, aber die menschliche Dimension, die hat mir komplett gefehlt.

OZ: Haben Sie das Thema in der Familie debattiert; jetzt aktuell, meine ich?

Nay: Wenn ich meine Familie treffe, geht es nur um uns und nicht um die Geschichten, die ich gerade verfilme. Das ist auch wichtig für mich. Ich habe in der letzten Zeit sehr, sehr viel gedreht, und dann bin ich glücklich, wenn ich aus meiner Film-Welt mal wieder rauskomme.

OZ: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für einen Film?

Nay: Bei mir ist das ganz profan. Ich lese das Drehbuch und entscheide nach Bauchgefühl. Ich kann nur in Rollen schlüpfen, in denen ich mich wohlfühle. Und wenn das so ist, gehe ich zum Casting und schaue, ob ich mit dem Regisseur und der Regisseur mit mir gut arbeiten kann.

OZ: Und beim „König von Deutschland“ hat das funktioniert?

Nay: Die haben mich sofort damit gekriegt, als sie gesagt haben: Du spielst einen Musiker. Und dann durfte ich für den Film auch zwei Songs selbst komponieren, das war für mich eine Verkettung günstiger Umstände.

OZ: Wie ist das, mit Veronica Ferres und Olli Dittrich zu spielen?

Nay: Gerade mit Olli Dittrich war es total toll. Er ist auch jemand, zu dem ich aufgucke, dem habe ich einfach gerne beim Spielen zugeschaut. Er ist ein unfassbar bodenständiger, netter Kerl. Er hat nicht nur meinen Filmvater, sondern auch den Daddy am Set gemimt. Ich vermisse die Zeit schon ein bisschen.

OZ: Weil es so etwas wie Familie war?

Nay: Man wächst extrem schnell zusammen, alle ziehen an einem Strang, um ein gutes Produkt hinzukriegen. Man unterstützt sich gegenseitig, das geht dann schon sehr familiär zu, und dann ist es genauso schnell wieder alles vorüber.

OZ: Und dann kommt die neue Familie?

Nay: Ein bisschen ist das wohl so.

OZ: Im „König von Deutschland“ geht es, wenn ich das richtig verstanden habe, um einen gewöhnlichen Mann, der am Ende aufgrund seiner Gewöhnlichkeit zu einer Art Held wird. Ein Loblied auf den Spießer also?

Nay: Alles, was der König von Deutschland anstellt, entspricht dem Durchschnitt. Er wird von einer Marktforschungsfirma ohne sein Wissen zur tragenden Stimme der Nation. Und als er das merkt, will er auf gar keinen Fall mehr durchschnittlich sein und versucht, da auszubrechen; in diesem Moment wird er zum Helden.

OZ: Das Spießertum siegt?

Nay: Wenn Sie so wollen. Ich selbst versuche gerade ein bisschen Normalität in mein Leben reinzukriegen. Die letzten drei Jahre waren eher Rock‘n‘Roll, und wenn ich dann wieder nach Hause komme, versuche ich, den Spießer in mir zu entdecken.

OZ: Früh ins Bett, Bier ohne Alkohol?

Nay: Einfach mal ein bisschen Zeit für mich haben, mal runterkommen. Es ist so viel passiert, so viele Eindrücke, ich könnte mich jetzt ein halbes Jahr an die Ostsee setzen und das alles verdauen. Und die Zeit will ich mir auch nehmen. Wäre doch schade, wenn das alles so komplett an mir vorbeifliegt und man sagt: Ja, ich habe viel gemacht, aber ich weiß nicht mehr genau, was.

OZ: Sie haben Heimatgefühle?

Nay: Ich habe das ganz doll im Norden. Deswegen wird es mich so schnell auch nicht mehr wegziehen. Was mir auf jeden Fall fehlt, wenn ich im Süden drehe, ist das Wasser. Ich habe gemerkt, wie sehr ich die salzige Luft vermisse. In die Berge könnte ich nicht ziehen; dafür bin ich zu sehr Nordlicht.

OZ: Dann müsste jetzt nicht mehr viel kommen. Zumal, wenn eigentlich alles erreicht ist, oder?

Nay: Ach, ich weiß nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass jetzt irgendwelche Lebensziele gestorben sind, weil ich einen Preis gewonnen habe, darum geht es mir auch nicht.

OZ: Sondern?

Nay: Ich möchte als Pianist besser werden, mit meiner Band bin ich tierisch viel am Proben. Und irgendwann möchte ich eigentlich auch mal richtig Erfolg damit haben. Und beim Film: Da geht es mir in erster Linie darum, ob ich mir das selber gerne im Nachhinein angucke und ich mich nicht selber doof und langweilig finde. Und ob meine Familie oder meine Freunde sagen: Hey Dicker, das war echt peinlich.

OZ: Ihr Konzept scheint zumindest zu funktionieren.

Nay: Ich bin voll dafür. Das alles, was jetzt passiert, hätte ich mir auch so nie ausgemalt.

OZ: Hatten Sie sich das so vorgestellt?

Nay: Ich hab mir da nicht so viele Gedanken gemacht. Ich habe keinen Fernseher und bin auch in meiner Kindheit weitgehend ohne Fernsehen aufgewachsen.

OZ: Aber so etwas wie Stolz, wenn Tausende den eigenen Film sehen, muss es doch geben?

Nay: Ich kann das nicht so recht beschreiben, es ist alles ein bisschen verwirrend.

 

 

Interview: Marion Hahnfeldt

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