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100 Jahre Skagerrak: Ein Enkel erinnert sich

Kartzitz 100 Jahre Skagerrak: Ein Enkel erinnert sich

Beide Großväter des Rüganers Jürgen Schultz-Siemens kämpften in der Schlacht

Kartzitz. Es war die größte Seeschlacht der Geschichte: Genau vor 100 Jahren, am 31. Mai 1916, bekämpften sich die deutsche und die britische Flotte am Skagerrak, der Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen. Die Bilanz: 8645 Tote und 25 versenkte Schiffe. Die britischen Verluste waren größer als die deutschen, einen echten Sieger hatte die Schlacht aber nicht, da sich das Kräfteverhältnis der Gegner kaum änderte. Dennoch feierten die Deutschen ihre Helden.

Einer von ihnen war Korvettenkapitän Max Schultz (1874-1917). Sein Enkel, Jürgen Schultz-Siemens, hält in Kartzitz auf Rügen die Erinnerung an ihn und an seinen anderen Großvater, der ebenfalls am Skagerrak kämpfte, wach. Max Schultz war Chef der VI. deutschen Torpedobootflottille. Am Ende der Skagerrak-Schlacht erhielt er den Auftrag, mit seinen Torpedobooten direkt auf die britische Flotte zuzufahren. So sollte er die Schlachtlinie der Briten aufbrechen und es ihnen erschweren, die sich absetzende deutsche Flotte zu verfolgen. „Er hat erreicht, dass die Engländer abdrehen mussten und so wohl vielen deutschen Marinesoldaten das Leben gerettet“, berichtet Jürgen Schultz-Siemens.

Kennengelernt hat er seinen Großvater nicht, denn dieser fiel ein halbes Jahr später. Doch ein Teil der Orden, ebenso wie den Marinedolch des Großvaters und ein Ölbild von ihm, hält er in Ehren. Und er sammelt Berichte über ihn und seinen tollkühnen Angriff. „Er schrieb nach der Schlacht von dem gigantischen Anblick, als er die gesamte britische Flotte vor sich hatte.“ Die angreifenden Torpedoboote wurden mit den größten Kalibern beschossen, die die Briten hatten. „Ein 32-Zentimeter-Geschoss, das so groß wie ein Koffer war, flog über das Boot meines Großvaters. Danach fragte er den Kommandanten: ,Hast du ihn fliegen sehen?’“

Für diesen Einsatz erhielt Max Schultz das Ritterkreuz aus der Hand von Kaiser Wilhelm II., den er schon vorher persönlich kannte. „Max hat öfter mit dem Kaiser Tennis gespielt“, weiß dessen Enkel.

Auch seinen Gegner in der Skagerrak-Schlacht, den britischen Flottenchef Admiral John Jellicoe, kannte Schultz gut. „Die beiden hatten gemeinsam während des Boxeraufstandes 1900 gegen die Chinesen gekämpft. Bis heute steht der Enkel mit Jellicoes Familie in Kontakt. „Letzte Woche war ich zu einer Kranzniederlegung in London eingeladen.“

Der andere Großvater von Jürgen Schultz-Siemens war Leopold Siemens (1889-1979). Er spielte in der Skagerrak-Schlacht zwar keine so illustre Rolle wie Max Schultz, als Funkoffizier auf dem Linienschiff „Rheinland“ war er aber auch extrem wichtig, befindet sein Enkel. „Die Technik war damals relativ neu, üblich war noch die Verständigung per Lichtzeichen. Aber wegen des ganzen Rauchs waren die kaum zu sehen, also wurde der Funk umso wichtiger.“ Das Schiff seines Großvaters erhielt zwei Treffer, zehn Kameraden starben. „Er erzählte mir später, was für ein schrecklicher Anblick das war.“

Anders als der so früh gestorbene Großvater Max konnte Schultz-Siemens seinen Großvater Leopold ausgiebig befragen. „Er war durch und durch ein Seemann und hatte ein sehr großes Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Menschen, für die er verantwortlich war“, beschreibt er ihn.

Erst vier Tage vor der Skagerrak-Schlacht hatte Leopold seine spätere Frau kennengelernt. Dann wurde es für ihn ernst, nachdem die Marine zuvor zwei Jahre lang untätig vor Anker gelegen hatte. Zu groß war die Angst, die kräftemäßig weit überlegene Royal Navy könnte die vom Kaiser so geliebten Großkampfschiffe versenken.

Doch im Mai 1916 gingen die Deutschen in die Offensive. Angriffe auf Handelsschiffe sollten die Briten aus der Reserve locken. Doch diese hatten von den Plänen erfahren und schickten ihre Grand Fleet los. Im Skagerrak trafen beide Flotten aufeinander. Es entspann sich eine Schlacht, die einen Tag und eine Nacht lang tobte. Am Ende lagen 14 britische und elf deutsche Schiffe samt Besatzungen auf dem Meeresgrund. Die Deutschen waren zwar zahlenmäßiger Sieger, gleichzeitig wurde der Marineführung aber klar, dass die Briten nicht zu schlagen waren.

Diese Erkenntnis teilten auch Jürgen Schultz-Siemens’ Großväter: „Beide waren glücklich, dass sie die Schlacht überlebt hatten und stolz, dass sie den Briten bewiesen hatten, dass sie nicht unbesiegbar sind. Aber beide waren auch überzeugt, dass die Schlacht an der Gesamtsituation nichts geändert hatte.“ Trotz der grauenhaften Erfahrungen des Ersten Weltkriegs bekämpften sich Deutsche und Briten ab 1939 erneut. „Unfassbar, dass sich solch ein irrsinniges Desaster bereits nach rund 20 Jahren in Europa wiederholen musste“, sagt Jürgen Schultz-Siemens.

Axel Büssem

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