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Abrocken und Tee trinken

Abrocken und Tee trinken

Francis Rossi über den späten neuen Sound von Status Quo und den Bandausstieg von Rick Parfitt

Rostock Wer hätte das gedacht. Die Hardrockband Status Quo tauscht die Telecaster gegen Akustikgitarren. Der Untertitel „Thats a Fact“ des neuen Albums „Aquostic II“ verspricht Dauerhaftigkeit. Die ersten Akustikkonzerte waren eine reine Freude. Am 17. November sind Status Quo in der Rostocker Stadthalle zu hören.

Was sagt die Fanbasis zu Ihren akustischen Auftritten?

Francis Rossi: Die Hardcorefans hassen es. Aber es gibt genügend andere Leute, die es lieben. „Aquostic I“ war das meistverkaufende Album seit langem.

Und der elektrische Quo-Rock ist nach 45 Jahren Vergangenheit?

Francis Rossi: Nach dem Album „Quid pro Quo“ 2011 war es eigentlich vorbei. Immer die gleichen Tonarten, immer die gleiche Zahl von Beats per Minute. Das Ding klang ja fast wie ein Album von AC/DC. Auch wurde das mit den Konzerten immer schmerzhafter.

Inwiefern?

Francis Rossi: Am Morgen nach einem elektrischen Gig tut dir alles weh: Arme, Beine, der Hals ist wund. Man wird alt. Der Engländer sagt: Abwechslung tut Wunder. Eigentlich hatte ich vor, am Ende des Jahres aufzuhören. Dann kam die Akustiksache. Die war frisch und riskant.

Der irische Neuzugang Richie Malone, der für Ihren Ko-Gitarristen Rick Parfitt eingesprungen ist, scheint die Band zu inspirieren.

Francis Rossi: Die Quo-Show unserer „letzten elektrischen Tour“ hat sich durch diesen jungen Mann total verändert, und er ist wirklich jung – 29. Er hat dieser Band in den Hintern getreten.

Plötzlich zogen wieder alle am gleichen Strang und da ist eine solche Energie! So weiß ich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht, was mit Quo passieren wird. Ich denke, wir machen erst mal akustisch weiter – aber (seufzt), leider sind die elektrischen Shows sooo gut.

Manche Lieder finden unplugged geradezu zu ihrer wahren Natur. „Hold You Back“ hörte sich schon 1977 nach Celtic Folk in Metalrüstung an.

Francis Rossi: Genau. 85 bis 90 Prozent der Songs der frühen Zeit haben wir sowieso auf akustischen Gitarren komponiert: „In my Chair“, „Paper Plane“, „Caroline“. Das war prima, die Gitarre sitzt an deinem Brustkorb, du wirst vom Sound durchdrungen. Schwer war es oft, von einer akustischen zu einer elektrischen Aufnahme zu gelangen. Im Prinzip gehen wir dahin zurück, woher die Songs kommen.

Und ziehen zusätzlich Publikum.

Francis Rossi: Viele lieben das ,Eh-eh-eh!', genauso viele wechseln bei unserem „Eh-eh-eh“ aber sofort den Sender. Jetzt sagen mir Leute: „Ich wusste gar nicht, dass ihr so hübsche Lieder habt“. Ich sagte: „Was habt ihr denn die ganze Zeit gehört?“ Ich bin angefixt von dem Neustart. Und das mit 67. Sie-ben-und-sech-zig.

Sieht man Ihnen nicht an.

Francis Rossi: Als ich 40 war und mein Vater arbeitete noch, dachte ich: „Wie dumm.“ Jetzt bin ich so alt wie er und ich arbeite ebenfalls noch. Aber wenn man in Europa unterwegs ist, sind es meist reife und alte Bands, die das Live-Business beherrschen. Auch im Radio gibt’s viel Musik, die 30 bis 60 Jahre alt ist. Die Jüngeren hören da rein. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir 1969 Musik von 1920 gehört hätten. Der alte Rock’n’Roll aber lebt noch. Und viele der Bands auch.

Im Juni klopfte trotzdem das Ende bei Status Quo an. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Rick Parfitt seinen fast tödlichen Herzinfarkt erlitt?

Francis Rossi: Fuck! Das war’s. Wir sahen ihn auf dem Boden liegen, wir waren völlig erledigt. Sie sagten, er sei tot. Sie holten ihn zurück. In seiner Pressemitteilung erklärte er jetzt ganz philosophisch, er sei der wilde Mann der Band gewesen, während wir anderen das Rock’n’Roll-Leben in unseren späten Dreißigern aufgegeben hätten. Und dass er nun den Preis zahle.

Status Quo sind nach der Schrecksekunde ohne ihn weitergezogen.

Francis Rossi: Ich weiß. Das ist schräg. Viele sagen: „Ihr hättet die Tour stoppen müssen.“ Aber wir haben nicht mehr die Siebziger, als du alles anhalten konntest und nichts ist passiert.

Jede Show ist hoch versichert. Sonst hätten AC/DC niemals Axl Rose mit auf Tour genommen. Als Rick zusammenbrach, mussten wir Pläne machen. Eine Woche zuvor auf der Isle of White hatte er schon Herzbeklemmungen gehabt. Aber Rick denkt immer, er sei unbesiegbar. Er ist ein zäher, harter Typ – kein anderer wäre von da zurückgekommen, wo er war. Er war tot.

Im romantischen Musikfan-Kopf hielt man Francis Rossi und Rick Parfitt immer für eine untrennbare Einheit – perfekte Kumpel.

Francis Rossi: Da war so viel Druck auf unserer Beziehung. Wir sind älter geworden und haben uns auseinandergelebt. Am Anfang war unsere Band ein kraftvolles „Wir“. Dann waren Status Quo fünf „Ichs“. Du kannst sehen, wie es Rick irgendwann nach vorn an die Rampe drängte, wie ihn das „Rocking all over the World“-Ding mitnahm. Aus einem romantischen Blickwinkel sehen Bands großartig aus, aber es gibt immer Risse.

Wird es Akustik-Alben geben, die sich nicht wie bisher bekannte Status- Quo-Songs verändern, sondern aus neuen Liedern bestehen?

Francis Rossi: Es gibt eine ganze liegen gebliebene Quo-Songwelt – Ende der 80er bis Mitte der 90erJahre, als die Band Trends folgte statt ihrem Kompass. Wunderbare Lieder dabei. Aber, wichtig ist: Was wir jetzt tun, muss Einnahmen bringen. Wenn wir das nicht schaffen, geht alles den Bach runter.

Wie wären Sie denn so als Ruheständler?

Francis Rossi: Lachen sie nicht: Ich hatte immer große Gärten, und ich bin da so oft, wie es nur geht. Ich liebe es, im Garten zu arbeiten, das ist für mich fast so toll wie Porno (er lacht).

Es heißt, Sie verwenden auch viel Zeit auf die Familie.

Francis Rossi: Nur 16 Minuten Sex (lacht laut). Im Ernst, ich bin in einer italienischen Familie aufgewachsen. Vier von meinen Kindern leben noch zu Hause. Und sie hören viel Musik. Das Haus ist voller Musik in allen Klangfarben. Ich liebe das, ich bin ein mit Glück gesegneter Mann mit Familie (seufzt). Und wie gesagt – obendrein hatte ich noch die 16 Minuten, zwei pro Kind (lacht).

Wenn die letzte schmerzhafte, elektrische Status-Quo-Tour vorbei ist, wie werden Sie sich entspannen?

Francis Rossi: Wir kommen spät zurück – erst Heiligabend. Wir haben zu Hause diesen Anbau mit seiner großen Feuerstelle. Ich stehe um halb sieben auf, gehe runter spiele eine halbe Stunde mit den Hunden, mache das Feuer an, trinke Kaffee mit meiner Frau Eileen, dusche mich, löse Kreuzworträtsel, setze mich ans Feuer, schlafe ein, wache auf, trinke Tee.

Relativ normal und unrockig bürgerlich.

Francis Rossi: Wir waren in unseren Zwanzigern so sicher, wie wir mal sein würden. Wundersam, wie sich das alles ändert. Wir haben unsere Eltern angeschaut und gesagt: So werde ich nicht, ich werde nicht so, ich werde nicht so, ich werde , ich werde , ich bin wie sie geworden: Die Kleidung, der Garten, die Hündchen. Und es ist gut. Meine Ex-Frau hat mal gesagt, man müsste uns mit 30 liquidieren, sie ist jetzt 70. Sie hat ihre Meinung geändert (lacht).

Interview: Matthias Halbig

OZ

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