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Kultur Abschied von Liliom oder: Freier Wille ist schwer
Nachrichten Kultur Abschied von Liliom oder: Freier Wille ist schwer
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00:00 21.03.2017
Schwerin

Das Jenseits kommt eigentlich erst am Ende, im sechsten der sieben Bilder des Stückes „Liliom“ von Ferenc (Franz) Molnár (1878-1952). In Schwerin, wo die „Vorstadtlegende“ am Wochenende am Mecklenburgischen Staatstheater Premiere hatte, stellt Regisseurin Alice Buddeberg das himmlische Polizeikommissariat gleich als skurrilen Auftakt in den Vordergrund ihrer Inszenierung und erzählt in diesem Rahmen die Geschichte Lilioms in Rückblenden.

Im Schweriner Großen Haus hatte „Liliom“ von Franz Molnár Premiere. Ein legendäres Stück, mit neuen Fragen.

Gebürtiger Rostocker: Martin Brauer

Was für ein Typ! Selbstmörder mit 28, davor Marktschreier auf einem Wiener Vorstadt-Rummelplatz, der die Leute zum Karussell (hier „Ringelspiel“) der Frau Muskat lockt, ungehobelt, großmäulig, nichts gelernt, Taugenichts, Vagabund, einer mit starken Gefühlen, der sich in das Dienstmädchen Julie verliebt, der sie schwängert, sie prügelt, aber nicht für seine Familie sorgt. Möglichkeiten dafür gäbe es schon; aber er könne nicht drechseln, sagt er, hausmeistern auch nicht. Will er auch nicht: sich nicht ein- und unterordnen in einer Welt aus Notwendigkeit, Zwängen, Pflichten, Arbeitsdisziplin.

Lilioms Selbstmord, er ersticht sich selbst, ist seine Konsequenz, nachdem sein letzter Versuch gescheitert ist, einen lebbaren Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit zu finden, nämlich ein versuchter Überfall, um an Geld und dadurch nach Amerika zu kommen. Doch vom Jenseits, so hat er schon vorher gehört, habe er auch nichts zu erwarten: Die andere Welt sei für seinesgleichen auch nur ein Polizeikommissariat. Von dort schickt man ihn nochmal für einen Tag zurück auf die Erde, wo er seine Tochter trifft – und auch sie schlägt.

Molnárs Stück ist über hundert Jahre alt. Damals dürfte die Neugier der Kulturbürger auf das für sie unbekannte Innenleben kleiner Leute gereizt haben, daneben ein wohliger Schauer beim Begutachten des Vitalen, Ungezähmten im Underdog sowie jene gewisse mitleidige Erheiterung der Gebildeten über die unbeholfene Art der anderen, über große Lebensfragen bzw. an ihnen vorbei zu reden.

Spätestens seit Regisseur Michael Thalheimer das Stück 2000 radikal entschlackt von Rummelplatz-Exotik drastisch unromantisch aufgeführt hat (was in Hamburg als skandalös empfunden wurde), stehen andere Fragen im Vordergrund.

Die Schweriner Version schwingt in einer Poesie der Hoffnungslosigkeit, die hart und zugleich zärtlich wirkt. Stark ist die weibliche Hauptfigur akzentuiert: Jennifer Sabel zeigt das schlichte Dienstmädchen Julie mit beeindruckender innerer Kraft. Ihre Entscheidung für Liliom (gegen jede Warnung) wirkt ungewöhnlich und selbstgewiss. Damit aber auch rätselhaft: Wie viele Schläge hält so eine Liebe aus, (wie) empfindet Julie den Schmerz? Was ist das für eine Beziehung?

Im Zentrum bleibt Liliom, stark gespielt von Martin Brauer: Ein Charismatiker, wie er so lässig über den Rummelplatz tänzelt, sich über alles und jeden hinwegsetzt, dann aber, selbst etwas belustigt und neugierig, an der ungewöhnlichen Julie hängenbleibt. Beifall für seine cool gerappte schier endlose Wortkaskade auf die Mädchen (in Verbindung mit jedem denkbaren Adjektiv); noch mehr Beifall dafür, wie er Lilioms innere Zwänge spielt, die Entladungen des Drucks in Gewalt, die Selbstzerstörung im Zwiespalt.

Vom freien Willen und seinen Schranken handelt die Aufführung: verstörend aber mit schönen Elementen. Das „Ringelspiel“ des Lebens ist ein offenes Tunnel-Gerüst (Bühne Cora Saller); Julia Keiling (als Frau Muskat) bringt singend verstörende Stimmungen auf die Bühne, Hannah Ehrlichmann und Christoph Götz (in Blau-Gelb) zeigen Kleinbürger-Satire als Kontrast zum Scheitern; Jochen Fahr und Janis Kuhnt als schräges Polizisten-Duo aller Welten. Bitter wirkt diese Inszenierung, doch nicht verzweifelt: Hier scheitert ja nur Liliom, aber nicht Julie.

Ganz anders als Hans Albers: Hauptdarsteller Martin Brauer

Die Rolle des Liliom war einst die Paraderolle von Hans Albers. In Schwerin verkörpert jetzt Martin Brauer die widerspruchsvolle Figur. 1971 in Rostock geboren, studierte Brauer 1987-91 Schlagzeug an der Musikhochschule „Hanns Eisler" Berlin und von 1995-99 Schauspiel an Schauspielhochschule „Ernst Busch“.

Seit 1999 arbeitet Brauer in verschiedenen Theaterensembles und in verschiedenen Bands, darunter seit 2012 in Projekten von Rainald Grebe.

Dietrich Pätzold

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