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„Ach, wenn sich Liebe doch lernen ließe“

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Schauspieler Peter Simonischek über seinen Film „Toni Erdmann“, das Fangewese - und sein berühmtes Partygebiss

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Zoff vorprogrammiert: Sandra Hüller und Peter Simonischek spielen Tochter und Vater, die eine komplizierte Beziehung zueinander haben.

Wien Peter Simonischek wurde 1946 als Sohn eines Zahnarztes in Graz geboren. Seit 1999 ist er Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater. Von 2002 bis 2009 verkörperte er den „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen. Dort ist er diesen Sommer auch als Prospero in Shakespeares „Der Sturm“ zu sehen. Maren Ades Film „Toni Erdmann“ über einen zu seltsamen Scherzen aufgelegten Vater und seine karrieristische Tochter startet am 14. Juli in den Kinos.

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Schauspieler Peter Simonischek über seinen Film „Toni Erdmann“, das Fangewese - und sein berühmtes Partygebiss

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Sie wollten mal Zahntechniker werden. Nun schieben Sie sich als Kinofigur Toni Erdmann wiederholt ein falsches Gebiss in den Mund: Haben Sie das mit besonderer Hingabe getan?

Peter Simonischek: Sie werden lachen: Meine Ausbildung hatte einen gewissen Einfluss. Als ich Schauspielschüler war und Zahntechniker zugleich, habe ich für meine Klasse solche Party-Gebisse hergestellt – mit Goldkronen, Scherben oder was auch immer obendrauf. Später habe ich mir mit meiner ersten Frau lustige Nachmittage gemacht. Zum Beispiel sind wir verkleidet zum Schuhekaufen gegangen, und ich habe den Trottel gespielt. Wir haben das genossen, wenn sich die Angestellten auf meine Frau stürzten und fragten: Welche Schuhgröße hat er denn?

Haben Sie den Trottel durchgehalten?

Simonischek: Aber ja. Ich wollte es meiner Frau möglichst schwermachen. Sie wusste, dass ich die schicken, dunkelbraunen Halbschuhe wollte, aber ich bin trotzdem zu den karierten Hausschlappen gegangen und habe mächtig genölt.

Dann waren Sie ja prädestiniert für diesen Toni Erdmann, der sich wie beim Fasching verkleidet, um wieder Zugang zu seiner karrierebesessenen Tochter zu bekommen.

Simonischek: Zumindest hatte ich eine Ahnung davon, wie das ist, wenn einen der Teufel reitet.

Bei der Premiere im Mai in Cannes sorgte Ihr Film für Furore: Hatten Sie sich das so vorgestellt?

Simonischek: Klar kannte ich solche Szenen aus dem Fernsehen. Aber wenn man drin steckt, kann man sich richtig fürchten – besonders wenn man vom Land kommt so wie ich. Gleichzeitig war das ein unglaublicher Genuss. Dieser Jubel nach der Vorstellung! Und man weiß: Der gehört uns.

Gemeine Frage: Fühlte sich der Cannes-Jubel besser an als der im Theater?

Simonischek: Die Frage habe ich mir auch gestellt. Auf meinem Mobiltelefon habe ich den Applaus der 140. Vorstellung von „Kunst“ aufgenommen, jenem Stück, das ich seit 1995 mit Udo Samel und Gerd Wameling spiele. Da kriegt man auch richtig Gänsehaut.

War Cannes anders?

Simonischek: Das war wie bei einem Popkonzert. Dieses Gekreische! Dieses Fangewese! Es gibt einen Film über Herbert Grönemeyer, in dem zu sehen ist, wie er die Masse Mensch im Griff hat – und zwar für eine gute Sache! Für eine schlechte kriegt man sie ja leicht zusammen. An diesen Film fühlte ich mich in Cannes erinnert.

Was meinen Sie mit „Fangewese“?

Simonischek: Ich bin ja auch Fan, allerdings Fußballfan und Fan von Skirennläufern. Aber was ich nicht verstehe, ist: Wenn ein Schauspieler seinen Beruf glücklich ausübt, kann er den Leuten viel mehr geben als eine Unterschrift und einen Händedruck. Je besser er ist, desto mehr kriegen die Zuschauer. Im besten Fall ist man diesem Schauspieler schon nahe. Aber man will ihn anfassen, eine Brücke schlagen. Vielleicht will man sich auch versichern, dass er aus Fleisch und Blut ist und ebenso aufs Klo geht wie alle anderen. Diese demütige Haltung des Fans ist unangenehm.

Hat das heutige Twitter-Publikum Geduld für drei Kinostunden?

Simonischek: Man sollte diesen Film nicht auf dem Laptop gucken und drei Mal zwischendurch zum Telefonieren und zum Kühlschrank gehen. Es braucht schon Aufmerksamkeit. Im Kino wirkt er so richtig. Ich habe ihn zusammen mit Sandra Hüller gesehen. Ihr Gesicht in Großaufnahme, also das von Ines, der Tochter, dieses Staunen über die Ungeheuerlichkeiten, die der Vater sich hat einfallen lassen, das ist das Wichtigste. Der Scherzkeks allein, also ich, der ist nicht abendfüllend.

Sandra Hüller und Sie kommen vom Theater: War das bedeutsam?

Simonischek: Ja, ich habe Sandra bewundert. Sie ist so jung und schon so lange gut. Ich vergleiche sie mit einem Musiker: Es gibt alte, gestandene Geiger, Pianisten, Klarinettisten. Und dann kommt ein junger Kollege, stellt sich vorne hin und ist von der Muse nicht nur einmal, sondern drei Mal geküsst worden. So eine ist Sandra.

Ich kenne keine zweite so junge Schauspielerin, bei der das Zwerchfell und das Hirn so gut zusammen funktionieren.

Regisseurin Maren Ade bezeichnet sich als Perfektionistin: Waren die Dreharbeiten anstrengend?

Simonischek: Strapaziös. Mit sehr vielen Takes – aber das hatte ja auch Folgen für die Regisseurin: Maren musste aus all dem Material einen Film kreieren.

Am Theater ist das anders: Da ist der Regisseur nach der Generalprobe abgemeldet. Während der Premiere sitzen die meisten im Café oder gehen aufgeregt hinter den Kulissen auf und ab. Der Schauspieler auf der Bühne hat zwar einen Auftrag, aber er ist autonom. Ich habe Aufführungen erlebt, in denen sich Schauspieler während der Proben um des lieben Friedens Willen fügten und in der Premiere ihr eigenes Ding machen – nicht nur zur Überraschung des Regisseurs, sondern auch der anderen Schauspieler.

Was lässt sich von einem Vater wie Toni Erdmann lernen?

Simonischek: Ach, wenn sich Liebesfähigkeit doch lernen ließe! Das wäre toll. Das kann man von dieser Kunstfigur lernen: Hinter all diesen Kühnheiten, die er sich mit Perücke und Zähnen erlaubt, steckt ein liebender Vater. Seine treibende Kraft ist die Liebe zur Tochter – und der Humor. Mit diesen Überlebensstrategien kann Ihnen auf diesem Planeten nicht viel passieren.

Simonischek privat

Seit dem 26. August 1989 ist Peter Simonischek, der am 6. August 70 Jahre alt wird, mit der Kärntner Schauspielerin Brigitte Karner verheiratet. Der Bühnen-Grandseigneur hat zwei Söhne aus dieser Ehe, aus seiner früheren Ehe mit der Schauspielerin Charlotte Schwab einen dritten Sohn, Max, der ebenfalls Schauspieler ist. Seine beiden jüngeren Söhne erhielten ihre musikalische Ausbildung bei den Wiener Sängerknaben.

Interview von Stefan Stosch

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