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Adel Tawil: „Ich bin froh, am Leben zu sein“

Berlin Adel Tawil: „Ich bin froh, am Leben zu sein“

Eigentlich war alles super – dann krachte alles zusammen: Trennung, Rosenkrieg, ein lebensgefährlicher Unfall. Jetzt meldet sich Sänger Adel Tawil zurück.

Berlin. Adel Tawil ist spät dran, das Interview hätte schon vor einer Viertelstunde beginnen sollen. „Okay, drei Minuten“, der Mann von der Plattenfirma schaut erleichtert, als er das Telefonat beendet. Über die Treppe kommt der Musiker mit wehendem Mantel angeflogen, Adel Tawil lächelt und entschuldigt sich. Für schlechte Laune ist keine Zeit, für Small Talk schon: Die leuchtend grünen Schuhe? Von Hikmet. Der ist eine Sneaker-Instanz in der Hauptstadt, und Adel Tawil ist ein Berliner Junge, an der Spree geboren 1978 als Sohn einer tunesischen Mutter und eines ägyptischen Vaters.

Der 38-Jährige wirkt energiegeladen, ganz gut gehe es ihm, er sei gespannt, wie die Menschen die neue Platte „So schön anders“ wahrnehmen, sein zweites Soloalbum. Und er scherzt: „Beim ersten Album hatte ich einen Blinddarmdurchbruch im Flieger von Los Angeles nach London, und das war schon knapp. Bei diesem Album hatte ich einen Halswirbelbruch, ich glaube, ich mache kein drittes Album.“

Damit sind wir im Thema, denn „So schön anders“ klingt auch leicht, ist aber nicht entstanden in Leichtigkeit. Das war freilich keine Absicht, er hätte auch gerne ein Konzept-Album gemacht und im Superman-Kostüm fingierte Geschichten gesungen, sagt Adel Tawil, aber es ist eben anders gekommen. „Das hat natürlich mit dem Scheitern meiner Ehe zu tun – und mit meinem Unfall“, er habe feststellen müssen: „Die jungen Jahre sind vorbei, jetzt wird’s ernst!“

Adel Tawil möchte nicht abgedroschen klingen, aber „So schön anders“ sei eben ein sehr persönliches Album. Nach der Trennung von Gattin Jasmin im Jahr 2014 konnte er erst einmal überhaupt keine Musik machen. Dann entstand „Mein Leben ohne mich“. Ein Song, den er unter anderen Umständen nie veröffentlicht hätte. „Ein sehr persönliches Lied (...), da ist viel Wut drin, das beschreibt nicht meinen Zustand heute, das beschreibt einen Ausschnitt, eine Momentaufnahme.“

Dann die Sache mit dem Unfall: „Ich bin froh, am Leben zu sein“, sagt er. Mitte vergangenen Jahres teilte das Management mit, dass alle im Sommer geplanten Konzerte wegen einer Halswirbelverletzung von Adel Tawil ausfallen. Die Details des Dramas in Ägypten sind erst jetzt bekannt. „Ich bin in den Pool gesprungen, mit dem Kopf gegen die Poolwand, hat kurz ,Bums’ gemacht“, berichtet der Sänger.

Ihm sei die Schwere der Verletzung zunächst nicht bewusst gewesen, er sei sogar noch mit einem Kopfsprung ins Meer.

„Dann bin ich ins Krankenhaus, dachte, ich muss die Platzwunde am Kopf mal checken (...) dort hat man mir eröffnet, dass der erste Halswirbel vier Mal gebrochen ist.“ „Großes Problem“, habe der ägyptische Arzt mit ängstlichem Blick gesagt. Mit dem Rettungsflieger ging es in die Berliner Charité, Adel Tawil – ein Pflegefall auf Zeit: „Ich konnte nichts machen, mich nicht bewegen, stand unter heftigsten Schmerzmitteln. Aber die Zeit war auch sehr interessant (...), weil ich mich selber noch mal anders kennengelernt habe.“

Zwangsauswechslung für einen, der von sich sagt, dass er immer unter Strom steht. „Es hat meinen Blick auf das Leben und die Welt definitiv verändert, da kommt so eine große Demut auf.“ Auch von Scham und Schuldgefühlen berichtet der Mann aus Berlin, „weil man sich fragt, warum habe ich das jetzt überlebt?“. Sei das nicht unfair? Im Krankenhaus habe er tolle Menschen kennengelernt, Jugendliche mit demselben Unfall, die aber ihr Leben lang im Rollstuhl sitzen werden.

Der Unfall habe ihn stärker gemacht, bilanziert Adel Tawil. Einige Monate danach ist ein kraftvoll-trotziger Song entstanden, gemeinsam mit den Rappern KC Rebell und Summer Cem. Der heißt „Bis hier und noch weiter“, und der Titel geht unmittelbar auf den Unfall zurück.

„Gott steh mir bei“ ist ebenfalls ein Lied mit Geschichte. Auch dieses singt Adel Tawil kraftvoll, energiegeladen, gleichzeitig liegt Verzweiflung in seiner Stimme. Geschrieben hat er den Song nach den Anschlägen von Paris. Ein Hilfeschrei sei das gewesen, „es war einfach unfassbar, traurig und schockierend“. Die Hilflosigkeit in jenem Moment habe ihn wahnsinnig gemacht, er habe gedacht, „wenn es einen Gott gibt, kann der doch nicht so eine Nummer zulassen“. Passagen daraus hat Adel Tawil dann spontan in einem Internetvideo erstmals veröffentlicht, am Abend des Anschlags von Berlin.

Fans lieben vor allem seine sanfte Stimme, die kann Tawil selbst aber oft nicht hören. Zum Beispiel, wenn er in Interviews spricht. Das sei ein „absoluter Alptraum, ganz schlimm“, sagt der 38-Jährige. So habe er sich kürzlich einen Fernsehauftritt im Internet angeschaut, aber nur musikalisch, „ich habe direkt ausgemacht, als es in den Talk ging. Ich höre mich einfach nicht gerne reden.“ Das tue er zwar gern und viel, sagt Tawil lachend, er wolle sich aber nicht dabei sehen. Zu Boyband-Zeiten sei das auch bei der Musik so gewesen. „Als ich früher Englisch gesungen habe, habe ich meine Stimme gehasst“, so der Musiker. Jan Böhmermann hatte die deutsche Musikindustrie kürzlich kritisiert für ihr angebliches „Heile-Welt-Getue“ und die „seelenlose Kommerzkacke“. Wer die Geschichten hinter Adel Tawils Songs kennt, der ahnt schon, dass der sich nicht angesprochen fühlt. Vergisst man mal die Texte und ihre Bedeutung, wirkt „So schön anders“ harmonisch, die Songs fließen gewissermaßen und Tawils weiche Stimme lässt sich durchgehend hören. Viele Songs werden sitzen beim Publikum, wenn Tawil ab Ende Juni auf Tour geht.

Konzerte: Adel Tawil singt am 11. November in Berlin, am 12. November in Hamburg, am 14. November in der Stadthalle Rostock (Beginn: 20 Uhr).

Martin Klostermann

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