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Alice Greenway legt ihren zweiten Roman „Schmale Pfade“ vor

New York Alice Greenway legt ihren zweiten Roman „Schmale Pfade“ vor

Jim Kennoway ist ein wütender Mann. Nach dem Verlust seines Beins hat der Vogelkundler seine Arbeit für das Naturhistorische Museum aufgekündigt und sich ins Sommerhaus ...

New York. Jim Kennoway ist ein wütender Mann. Nach dem Verlust seines Beins hat der Vogelkundler seine Arbeit für das Naturhistorische Museum aufgekündigt und sich ins Sommerhaus seiner Familie in Maine zurückgezogen. Er ist ein beschädigter Mann. Nicht nur, weil er wegen seines exzessiven Alkohol- und Nikotingenusses zur Amputation gezwungen war.

 

OZ-Bild

Buchtipp: Alice Greenway „Schmale Pfade“ Mare Verlag, 22 Euro

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Frühere Verluste und Schuldgefühle setzen ihm zu, aufsteigende Erinnerungen, deren Rumoren weder Gin noch Stille dämpfen können. Sein Rückzug in die Einsamkeit wird boykottiert von der Ankunft einer jungen Frau von den Salomonen. Cadillac ist die Tochter von Tosca, Jims einstigem Inselscout während des Pazifikkrieges. In Vorbereitung der US-Invasion 1943 hatten die jungen Männer von einer Salomoneninsel aus japanische Kriegsschiffe ausgespäht.

Der Ornithologe Kennoway hatte dem Insulaner das Präparieren von Vögeln beigebracht. Nun schickt ihm Tosca seine Tochter, die ein Studium in Yale beginnen wird — sie weckt die dunkelsten Geister seiner Vergangenheit und bricht in seine Festung ein. Ihre Präsenz und ihre Schilderungen der Vogelwelt der Salomonen, die Jim Kennoway einst mit leidenschaftlichem Interesse erkundet hatte, erreichen ihn trotz allen Widerstrebens. Sie lassen seine Erinnerungen aufleben — nicht nur jene an die düsteren, schuldbeladenen Teile seiner Lebensgeschichte, sondern die inneren Bilder seiner Reisen zu heimischen und fernen Vogelwelten, die Bilder seiner Kindheitssommer an der rauen Küste Maines. Die Schilderungen der rauen Natur Neuenglands, der tropischen Schönheit der Salomonen und ihrer Vogelwelten entwickeln bei Greenway eine vitale Kraft. Die Poesie ihrer klaren Sprache wirkt in den Schilderungen des Außen auf die Innenwelten ihrer Figuren, die sich auf schmalen Pfaden zueinander bewegen.

Die Autorin, die als Tochter eines Auslandskorrespondenten in Hongkong, Bangkok, Washington und Massachusetts aufgewachsen ist und in Yale studierte, reiht sich mit ihrem Schreiben ein in die Tradition großer amerikanischer Erzähler. „Schmale Pfade“ ist ein literarisches Kleinod, ein Roman, der wie ihr Debüt „Weiße Geister“ von den in spätere Generationen nachhallenden Verletzungen erzählt, die der Zweite Weltkrieg geschlagen hat.

Auch Jim ist ein Kriegsbeschädigter. Mit der Unmenschlichkeit des Krieges und seinen Taten kann er leben; die Folgen, die sein Kriegseinsatz für seine Ehefrau hatte, kann er sich nicht verzeihen. In selbstgewählter Isolation trinkt er sich dem Ende entgegen. Dass für Jim am Ende so etwas wie Versöhnung aufscheint, ist der Schönheit und Kraft des Lebendigen zu verdanken, die Cadillac in Kennoways Eremitage trägt.

Von Regine Ley

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