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Alles über Vineta

Zinnowitz Alles über Vineta

Wo ganz genau die Sagenstadt lag, ist noch nicht abschließend geklärt / Doch alles, was man darüber wissen kann, ist jetzt in einem neuen Buch amüsant zusammengefasst

Zinnowitz. „Der Untergang – ein Erfolgsmodell“, so überschreibt Martina Krüger einen Abschnitt ihres neuen Buches „Vineta – Trugbilder“. Den Begriff „Erfolgsmodell“

bezieht sie vor allem auf die seit 1997 auf der Ostseebühne Zinnowitz aufgeführten Fantasie-Abenteuer-Geschichten über die Sagenstadt, die wegen des Hochmuts ihrer Bewohner untergegangen sein soll.

Zugleich aber scheint die Autorin damit auch ein Erfolgsmodell für diese Neuerscheinung als Ganzes gefunden zu haben.

Sorgfältig gestaltet, illustriert mit Grafiken des Rostocker Künstlers Armin Münch, Fotografien des Greifswalders Matthias Gründling und Bildern der Wachsmalerin Margit König, bietet das Buch auf 130 Seiten einen fundierten und zugleich konzentrierten, im launigen Plauderton gehaltenen Überblick über den Vineta-Mythos mit seinen (möglichen) historischen Wurzeln und seiner schillernden Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart. Heute um 19.30 Uhr hat es Buchpremiere im Theaterzelt „Chapeau Rouge“ Heringsdorf.

Die Vineta-Festspiele, an deren Produktion Krüger von Anfang an beteiligt war, spielen in dem Buch auf elf Seiten nur eine Nebenrolle. „Wichtiger war mir, die Perspektive zu erweitern“, sagt sie. Und die reicht ins Weltgeschichtliche. Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass die Zerstörung von Julin und der Jomsburg im Oder-Mündungsgebiet durch den Dänen- und Norwegerkönig Magnus der Gute im Sommer 1044 jenes Ereignis ist, das in mündlicher Überlieferung später zum Untergang Vinetas wurde. Und vielleicht waren es tatsächlich die armen Leute, die in der Sage kopfschüttelnd das Leben der reichen Vineter verklärten. So weit, dass die Vineter in ihrem Überfluss Pferde mit Silberhufen beschlugen, Schweinen aus Goldtrögen zu fressen gaben, kurz: mit Reichtum nichts Sinnvolleres anzufangen wussten, als in Dekadenz zu leben, was einen Untergang dann als gerechte Strafe erscheinen ließ.

Die Autorin hat ihrem Buch eine ausdrückliche „Warnung“ vorangestellt: „Alles ist bekannt.“ Gewiss: Aber (fast) alles zusammen kriegt man so fasslich als Lesebuch nur hier. Und „die Vineta-Frage“

werde, so behauptet Krüger, „wieder einmal nicht geklärt! Oder doch?“ Doch, irgendwie schon! „Stadt unter dem Meer, sag: Was ist geschehn! / Dass alle verstehn“, sang einst die Band Puhdys diese Frage. Sieht man die im Buch versammelten poetischen Zeugen von Heinrich Heine (Gedicht „Seegespenst“) über Theodor Fontane („Effi Briest“), Christian Morgensterns Lyrik oder Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson“ bis zu Günter Grass („Die Rättin“) oder Uwe Kolbes Lyrik, Prosa und Essays, dann wird die große Breite der Interpretationen sichtbar: als Warnung, aber auch als Trauer über den Verlust von Utopie. Mit deren Urbild des reichen Idealstaats Atlantis hat Martina Krüger den griechischen Philosophen Platon als „Paten“ Vinetas ausgemacht, schließlich wurde Vineta zuweilen als „Atlantis des Nordens“ bezeichnet.

Interessant und vergnüglich zu lesen sind die sprachgeschichtlichen Exkurse über den Werdegang des Namens „Vineta“ – ein „deutsch-dänisches Namenswirrwarr“ um Jumneta, Julin, Jomsburg und Wollin für vermutlich denselben Ort oder mehrere dicht beieinanderliegende. Krügers Fazit: „Vineta ist ein Wort ohne sprachliche Vergangenheit und vielleicht aus Heimatverbundenheit falsch abgeschrieben worden.“

Bleibt dem Buch eine leise Hoffnung auf künftig mehr: die „Spatenforschung“. Denn Archäologen und Historiker haben Vineta bisher nur interpretiert, es kommt aber darauf an, Belege zu finden. Bis dahin sind wir alle frei, eigene Fantasie walten zu lassen und die Warnungen der Sage zu verstehen.

Dietrich Pätzold

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